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Vor dem Tschechien-Spiel : Mit dem Tunnel-Blick ein Lichtlein suchen

Oliver Kahn warnt vor dem „großen Bluff” Bild: REUTERS

Bloß nicht die tschechische Reserve unterschätzen, lautet das Motto im angespannten deutschen Lager. "Zu glauben, wir hätten einen Wettbewerbsvorteil, ist das Dümmste, was man tun kann", warnte Oliver Kahn.

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          Deutschland, Deutschland, Deutschland. Das modische Statement der Nationalmannschaft zwei Tage vor dem entscheidenden Duell gegen Tschechien imponierte in nationaler Eindeutigkeit. Ob nun Bundestrainer Michael Skibbe, Kapitän Oliver Kahn oder Nachwuchsliebling Philipp Lahm - durch die Pressekonferenzbank weg trugen die diensthabenden Repräsentanten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf ihren T-Shirts schwarz auf weiß die einzige Botschaft ins Land, die sie danach eine Stunde lang wortreich unterlegten. Es geht um Deutschland.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          "Ich finde es fesch", sagte der 20 Jahre alte Stuttgarter und schaute verschmitzt auf seine gar nicht so breite Brust mit dem Deutschland-Schriftzug. Aber das war auch schon der einzige Anflug von Leichtigkeit, den sich die Deutschen gestatteten vor der Begegnung mit den Tschechen, die ihnen in Lissabon den Weg ins Viertelfinale zu versperren drohen. Der Druck und die Anspannung im deutschen Quartier jedenfalls steigen offenkundig. Für Leichtigkeit und Späße ist längst kein öffentlicher Platz mehr, seit in Deutschland vor allem über die Schwächen des Teams diskutiert wird und das deutsche Fußball-Modell bei der EM 2004 aus der Mode zu kommen droht.

          „Das Dümmste, was man tun kann"

          "Eine Europameisterschaft ist eine sehr ernsthafte Angelegenheit", sagt Oliver Kahn mit finsterer Entschlossenheit, und wer daran zweifeln sollte, dem erklärte der Kapitän in seiner Ansprache an die Fußball-Nation, was am Mittwoch auf ihn und seine Kollegen zukommen werde. "Jede Mannschaft wird gegen Deutschland Vollgas spielen", sagte Kahn. Da werde sich kein Haufen tschechischer Reservisten einen gemütlichen Abend gegen den Weltmeisterschaftszweiten machen, nur weil die Mannschaft mit sechs Punkten schon für das Viertelfinale qualifiziert sei. "Zu glauben, wir hätten einen Wettbewerbsvorteil, ist das Dümmste, was man tun kann", sagte Kahn.

          Den Diskussionen um einen tschechischen Schon-Auftritt im Estadio Avalade ohne die Stars oder mit womöglich unqualifizierten Ersatzspielern begegnete er kopfschüttelnd: "Ich glaube, das ist ein großer Bluff." Der Bluff allerdings, so er denn einer ist, zeigte gut 50 Stunden vor der womöglich letzten deutschen Begegnung in Portugal Wirkung. Michael Skibbe konnte nur bestätigen, daß sich die Deutschen viel mehr Gedanken um die Taktik und Aufstellung der Tschechen machen müssen als umgekehrt. Mit Pavel Nedved, aber ohne Tomas Rosicky, mit Karel Poborsky oder ohne Vladimir Smicer oder vielleicht doch genau umgekehrt oder ganz anders - vor solche Rätsel können die Deutschen ihre Gegner nicht stellen. Skibbe gab zu, daß der deutsche Trainerstab derzeit keine Vorstellung davon habe, wie und mit welchem Personal die Tschechen antreten, sie wollten den Gegner aber auch bis zur letzten Sekunde im Unklaren lassen.

          „Verschwende keinen Gedanken an Ausscheiden“

          Das ist kein Witz. Die taktisch limitierten Deutschen wollen vielleicht anders, können aber gegen die Tschechen nur in der Weise antreten, wie sie gegen die Holländer lange dominierten und überzeugten. Sagen zumindest die Spieler und die sportliche Leitung seit dem 0:0 gegen Lettland bei jeder Gelegenheit. Kevin Kuranyi wird daher wieder zur einzigen Spitze, und Michael Ballack soll den Stuttgarter torgefährlich aus dem Mittelfeld unterstützen. In der Defensive baut Völler auf einen stabilen Verbund als Sicherheitsgarantie, auch wenn nur ein Sieg gegen den Tabellenführer den Sprung ins Viertelfinale garantiert. "Ich verschwende keinen Gedanken an ein Ausscheiden. Mit unserem System werden wir bei dieser EM noch ganz weit kommen", kündigte Kahn auch am Montag unbeirrt an.

          Die Sprachregelung vom unbedingten Glauben an den Einzug in die Runde der letzten acht Mannschaften hat sich auch Lahm längst zu eigen gemacht. Der deutsche Aufsteiger dieser Europameisterschaft hat schon allerlei Glückwünsche in Portugal eingesammelt, und in der Mediengunst liegt er hinter den deutschen Stars Oliver Kahn und Michael Ballack schon auf Rang drei. Auch vor dem entscheidenden Spiel gegen Tschechien diente er dem DFB-Präsidenten als Symbolfigur für bessere Tage: "Wenn es dunkel ist im Tunnel, dann mußt du auch das wenige Licht sehen. Und das war für mich die linke Seite", sagte Gerhard Mayer-Vorfelder. Sowohl Lahm als auch Schweinsteiger, der möglicherweise den an der Waden verletzten Bernd Schneider von Beginn an ersetzt, stimmten ihn "zuversichtlich für die WM 2006. An diesen beiden Spielern wird deutlich, was für ein Potential im deutschen Fußball vorhanden ist." Einziger kleiner Nachteil: Der deutsche Fußball muß nicht erst in zwei Jahren seine Qualität bewiesen, sondern auch schon in zwei Tagen.

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