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Vor dem Pokalfinale : Der Aufstieg des zweiten Meisters

Duell der Weltanschauungen: Dortmund mit Piszczek (l) gegen München mit Ribery Bild: dpa

Nach vier Jahren treffen sich Bayern München und Borussia Dortmund wieder im Pokalfinale - unter völlig anderen Voraussetzungen. Das Protokoll der Entwicklung.

          Was sind schon vier Jahre im Sport? Diesen Sommer ist Olympia, die Superstars dürften dieselben sein wie 2008: Bolt und Phelps. Diesen Sommer ist Fußball-EM, Favorit ist der Sieger von 2008, Spanien. Wer gilt als stärkster Herausforderer? Der unterlegene Finalist, Deutschland. Sogar das deutsche Pokalendspiel 2012 ist dasselbe wie 2008: Bayern München gegen Borussia Dortmund. Und ist doch etwas völlig anderes.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Damals traf der Meister auf den Zehnten (und gewann 2:1 nach Verlängerung). Heute trifft der Zweite auf den Ersten, der Rekordmeister auf den Meister. Und beide haben sich seitdem enorm entwickelt: die Dortmunder zu einem deutschen Spitzenteam, die Bayern zu einem europäischen. Und zu Mannschaften, die, jede auf ihre Weise, für jungen, aufregenden Fußball stehen.

          Für die Dortmunder war der Weg weiter. 2008 trennte man sich nach der Saison von Trainer Thomas Doll, dessen Karriere seitdem in der Türkei und Saudi-Arabien versandet ist. Es kam Jürgen Klopp, mit ihm passte das Puzzle plötzlich perfekt zusammen. Sattes Mittelmaß machte Platz für eine junge, hungrige Mannschaft, so preisgünstig wie lauffreudig. Die Kontinuität auf der Trainerposition ist der große Vorteil, den die Dortmunder in den vergangenen vier Jahren hatten. Die Bayern dagegen erlebten nach dem Abschied von Hitzfeld fast jährlich einen Wechsel: Klinsmann, Heynckes, van Gaal, Jonker, Heynckes. Trotzdem ist auch ihre Qualität seit 2008 spürbar gestiegen, durch taktische Fortschritte unter van Gaal und Heynckes, durch Eigengewächse wie Müller, Badstuber, Kroos, Alaba. Und natürlich durch Großeinkäufe.

          Wer wird ihn bekommen? Bilderstrecke

          Immer noch können die Bayern es sich als einziger Klub in Deutschland schadlos erlauben, bei Einkäufen zwischen fünf bis zehn Millionen Euro Mitläufer zu erwischen wie Rafinha oder Pranjic - solange sie bei den Transfers, die auch für sie viel Geld bedeuten, richtigliegen. Und das taten sie in den letzten Jahren immer. Jeder achtstellige Einkauf brachte eine echte Verstärkung des Teams, wie Gomez, Ribéry, Robben, Neuer; auch Gustavo und Boateng. Anders als 2008 ist beim FC Bayern 2012 kein Platz mehr frei für Profis, die keine europäische Klasse darstellen, also für einen Lell oder Ottl. Es ist heute schwerer, Bayern-Stammspieler zu werden als Nationalspieler.

          Ich bin klein, mein Fußball ist rein

          Solche Groß-Transfers wie die Münchner konnten sich die Dortmunder bisher nicht leisten - konnten es eigentlich schon in den neunziger Jahren nicht, als man dennoch auf Bayern-Niveau einkaufte, drei Meistertitel und die Champions League gewann und fast bankrott ging. Seit der knappen Rettung 2005 haben sie eine Meisterschaft im Finden günstiger und guter Spieler entwickelt - nicht nur bei Schnäppchen-Stars wie Kagawa und Piszczek, auch bei kostspieligeren Profis wie Barrios und Lewandowski. Für rund fünf Millionen Euro einen Stürmer in einer abgelegenen Liga zu finden, der dann in der Bundesliga um die zwanzig Saisontore liefert, erfordert eine Spürnase - die Dortmunder hatten sie gleich zweimal, und nicht nur hier.

          Seit 2008 betrugen ihre Netto-Transferausgaben knapp 6 Millionen Euro, die der Bayern 87 Millionen. Beide Zahlen zeigen das exzellente Management der beiden Klubs - das der Bayern, das darin besteht, sich solche Ausgaben leisten zu können, und das der Borussen, ein mindestens sechzig Prozent geringeres Personalbudget besonders effizient zu nutzen. Dabei haben diese durch ihre personelle Treffsicherheit zuletzt finanzielle Spielräume gewonnen. Zwei Meistertitel, die Champions League und die erfolgreiche Imagepflege als emotionale Fußballmarke lassen die Einnahmen steigen. So ist das Fünf-Millionen-Limit, das auch bei Spielern wie Hummels, Subotic, zuletzt Gündogan und Perisic galt, wohl Vergangenheit. Für Marco Reus legen sie im Sommer 17,1 Millionen Euro hin - am Spielermarkt der Aufstieg in die Bayern-Liga.

          „Der ökonomische Vorsprung der Bayern ist in zwanzig Jahren nicht aufzuholen“, sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gern. Doch seit 2008 ist sein Klub als einziger in der Bundesliga den Münchnern nicht nur sportlich, auch wirtschaftlich ein Stückchen näher gerückt. Zudem geben Watzke und Klopp auch in einem anderen Teil des Fußball-Managements, dem rhetorischen Flankieren sportlicher Duelle, den bisher stärksten Gegner der Bayern ab.

          Vier Jahre später vier Jahre jünger

          Früher trieb Uli Hoeneß die Konkurrenz gern vor sich her, mit emotionalen Attacken und verbalen Sticheleien, die Rivalen wie Schalke oder Leverkusen aus dem Tritt brachten. Die Dortmunder nicht. Auch die Häme des Bayern-Präsidenten, der BVB habe „keine Weltklassespieler“, lockte sie nicht aus ihrer elastischen Verteidigungsposition, mit der sie sich in der Rolle des ewigen Herausforderers eingerichtet haben. Motto: Ich bin klein, mein Fußball ist rein, und Favorit ist immer Bayern.

          Den größten Unterschied zu 2008 zeigt aber der Vergleich der Aufstellungen des Pokalfinales. Er belegt einen Wandel, wie er in diesem Tempo an der Spitze des deutschen Fußballs ohne Beispiel ist. Neben den fünf Akteuren von damals, die auch an diesem Samstag zum Aufgebot im Berliner Olympiastadion gehören werden (Lahm, Schweinsteiger, Ribéry, Kehl, Blaszczykowski), unterstreicht der Rest des Kaders diese Entwicklung. Die Finalisten 2008 waren zumeist Spieler in der zweiten Hälfte der Karriere. Sie beendeten sie entweder kurz danach (wie Kahn, Wörns, Kovac), verzehren heute irgendwo in der Provinz ein Gnadenbrot (Dede, Zé Roberto, Tinga, Valdez, Demichelis, Toni), sind im Abstiegskampf gelandet (Lell, Ottl, Podolski, Petric) oder in der zweiten Liga (Rukavina, Buckley). Und selbst der Job jener Spieler, die auch als Altstars noch gefragt waren, wie Lucio und van Bommel, wird heute mindestens ebenso gut von viel Jüngeren erledigt.

          2008 lag das Durchschnittsalter auf dem Berliner Rasen bei rund 29. 2012 liegt es um die 25. In vier Jahren ist der deutsche Fußball vier Jahre jünger geworden.

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