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Vogts im Glück : „Elefanten“ beschenken „Terrier“

„Wir geben ihm noch Zeit”, sagt der Verbandspräsident über Vogts Bild: AP

Berti Vogts und Nigerias Nationalmannschaft bleiben vorerst in Verbindung. Doch nun treffen seine „Superadler“ im Viertelfinale auf den zuletzt imponierenden Gastgeber Ghana. Siegen oder fliegen bleibt das Motto für den deutschen Trainer.

          3 Min.

          Fußball, gerade in Afrika, liebt die Bildsprache, vor allem Anleihen aus dem Tierleben. Der Mann, den sie in Deutschland „Terrier“ nannten, müsste eigentlich dort hinpassen. Und doch wirkte er auch nach seinem ersten Sieg beim Afrika-Cup wie ein Fremder. Sein Team hatte die „Eichhörnchen“ (Benin) besiegt und war von den „Elefanten“ (Elfenbeinküste) beschenkt worden. Er aber zeigte nur ein knappes Lächeln, hob keine Hand zum Jubel. Berti Vogts war sichtlich nicht nach Feiern zumute. Eher widerwillig ließ er sich von den ein paar entfesselten Ersatzspielern und Teamhelfern auf die Arme heben.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Dass Nigeria das Aus in der Vorrunde noch abwendete, war für Stürmer Peter Odemwingie „ein Wunder“. Ein geschenktes Wunder allerdings. Das mühsame 2:0 gegen die biedere Mannschaft Benins, bestehend vorwiegend aus Zweitligakickern und einem 37-jährigen Ruheständler, wäre zu wenig gewesen, um Vogts zu retten, hätte nicht die Elfenbeinküste mitgespielt. Man habe ihm zugetragen, dass im Zweifel eine „französische“ Mannschaft der anderen helfe, sagte Vogts später.

          Vogts schwänzt Pressekonferenz

          Doch die von ihm befürchtete Unterstützung unter Gleichsprachigen, die beide zudem von Franzosen trainiert werden, blieb aus. Die bereits vor dem Spiel fürs Viertelfinale qualifizierten Ivorer schonten zwar vier Stammspieler, nicht aber ihre Stars Drogba, Zokora, Yaya Touré – und schon gar nicht das Team von Mali, das sie 3:0 besiegten. Mali fiel durch die schlechtere Tordifferenz hinter Nigeria zurück. „Ich bedanke mich bei der Elfenbeinküste“, sagte Vogts, allerdings nur zu Reportern aus seiner deutschen Heimat. Der Pressekonferenz mit der nigerianischen Presse, die ihn mehrmals ruppig angegriffen hatte, blieb er fern: „Das tue ich mir nicht an.“

          Nigeria feiert, Vogts bleibt auf Distanz
          Nigeria feiert, Vogts bleibt auf Distanz : Bild: AFP

          Der synchrone Fernvergleich der beiden letzten Vorrundenspiele der Gruppe B hatte sich zu einer Zitterpartie entwickelt, in der Nigeria 53 Minuten lang aus dem Rennen war. Dann köpfte Mikel das 1:0, während Mali 0:1 zurücklag – ein Zwischenstand, der, wäre er zum Endstand geworden, das fußballhistorische Novum gebracht hätte, dass wegen vollständiger Punkt- und Torgleichheit in sowohl Direktvergleich als auch Gruppenbilanz über den Platz im Viertelfinale die Fairplay-Wertung entschieden hätte. Der zweite Treffer der Elfenbeinküste beendete diese Variante, nun war Nigeria vorn, aber ein einziges Tor von Mali (oder Benin) hätte alles wieder gedreht, und der Malier Traore kam dem mit einem Lattenkopfball nahe. Nigerias Bangen dauerte bis zur 86. Minute, bis mit einem 200 Kilometer überbrückenden telepathischen Torriecher erst der Bremer Sanogo in Accra das 3:0 für die Elfenbeinküste erzielte und Sekunden später Yakubu in Sekondi das 2:0 für Nigeria.

          „So schnell schlägt die Stimmung um“

          So war das Schlimmste abgewendet für die „Super Eagles“, die seit 1982 bei einem Afrika-Cup nicht mehr vor dem Halbfinale ausgeschieden sind. Assistenztrainer Steffen Freund (der den Posten vom zuerst vorgesehenen Thomas Häßler übernahm) und Torwarttrainer Uli Stein feierten und lachten mit den Spielern. Vogts hielt sich im Hintergrund – eine Rollenverteilung, wie er sie auch im Training pflegt. Mit ähnlicher Distanz sah er bei der Rückkehr ins Hotel im Fernsehen, wie Nigeria feierte – „so wie man bei uns feiert, wenn Deutschland die WM gewonnen hat“, fand Vogts. „So schnell schlägt hier die Stimmung um.“ Aber auch schnell wieder zurück.

          Vogts hatte gegenüber den torlosen Auftaktspielen die Flügel der „Superadler“ gestärkt. Doch der mühsame Erfolg seines offensiv immer noch eher einfallslosen Teams bringt ihm nur fünf Tage Sicherheit. Und kittet wohl nur bis zur nächsten Niederlage die Risse im Gefüge, die sich etwa bei den Handgreiflichkeiten zwischen Torwart Ejide und Verteidiger Yobo nach dem ersten Spiel gezeigt hatten oder bei den versuchten Attacken von Fans auf den Teambus nach dem zweiten.

          Sieg oder Entlassung

          Am Sonntag trifft Nigeria im Viertelfinale auf den zuletzt imponierenden Gastgeber Ghana. „Jetzt ist alles möglich“, sagt Vogts, aber diese banale Aussage lässt sich auch auf seine eigene Zukunft beziehen. „Wir geben ihm noch Zeit“, hatte Verbandspräsident Sani Lulu am Montag zwar so etwas wie Entwarnung gegeben. Doch wie wenig das wert war, ließ die Wortwahl der weiteren Erklärung ahnen: „Es ist zu früh, um zu sagen: Entlasst ihn oder löst das Team auf.“

          Solche Funktionärsworte braucht Claude Le Roy, der Trainer Ghanas, schon lang nicht mehr, um Bescheid zu wissen. „Wenn wir nicht Champion werden“, sagt der Franzose bündig, „wird ein neuer Coach meinen Platz einnehmen.“ Wenigstens wünscht er sich, „an meinem sechzigsten Geburtstag den Job noch zu haben“. Das wäre am nächsten Mittwoch, einen Tag vor dem Halbfinale. Vogts hatte schon letzten Monat Geburtstag, aber er braucht die Geschenke noch dringender.

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