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Viktoria Köln : Krachmacher in Angriffslaune

  • -Aktualisiert am

Trainer Claus-Dieter Wollitz soll Viktoria Köln in die dritte Liga führen Bild: picture alliance / dpa

Der Neid ist die Triebfeder. Angetrieben von dem beim FC verschmähten Unternehmer Franz-Josef Wernze, strebt Viktoria Köln in den Profifußball. Um das Risiko des Scheiterns gering zu halten, kaufte der Regionalliga-Klub kräftig ein.

          Die Merheimer Heide im Kölner Osten ist ein idyllischer Ort. In der kleinen Grünanlage zwischen Autobahn und den Häuserschluchten des Stadtteils Höhenberg lässt sich trefflich faulenzen oder spazieren gehen. Aber wehe, Viktoria Köln hat ein Heimspiel. Dann ist der kleine Park vollgepackt mit falsch geparkten Autos, und in der Luft hängt der Lärm der Fans aus dem nahen Höhenberger Sportpark. Geht es nach Franz-Josef Wernze, wird die Heide in absehbarer Zeit kein Ort der Ruhe mehr sein. „Hier gehört ein zweiter Kölner Profiklub hin. Das wird der Stadt guttun“, findet der 65-Jährige. Schon an diesem Donnerstag (17.00 Uhr) wird es laut, wenn die Kölner Hertha BSC Berlin zu einem Testspiel empfangen.

          Seit gut zwei Jahren arbeitet der mehrfache Millionär daran, die Viktoria hinter dem 1. FC Köln wieder als Nummer zwei in der Stadt zu etablieren. 2010 wäre der ehemalige Zweitligaverein nach diversen finanziellen Bruchlandungen beinahe aufgelöst worden. Dann kam Wernze. Und der kleckert nicht, er klotzt. 1,8 Millionen Euro beträgt der Etat für die kommende Saison, an deren Ende der Aufstieg in die dritte Liga stehen soll.

          Dafür hat Wernze als Trainer den renommierten Claus-Dieter Wollitz verpflichtet. Der 47-Jährige scheiterte zuletzt beim VfL Osnabrück knapp am Aufstieg in die zweite Liga. Wollitz, hemdsärmelig und volksnah, gilt als Transfercoup. Dem Vernehmen nach soll „Pele“, wie er überall genannt wird, durchaus Angebote von höherklassigen Klubs gehabt haben.

          Jetzt aber geht Wollitz in die vierte Liga. „Wegen des Projekts“, wie er sagt. „Für mich ist nicht die Liga entscheidend, sondern die Gesamtaufgabe. Und die ist absolut reizvoll“, findet er. Professionelle Strukturen in der Heide aufbauen, ein Jugend-Leistungszentrum entwickeln, mittelfristig am liebsten wieder in der zweiten Liga landen - so lauten die Ziele von Wernze und seinen Leuten. „Natürlich ist das eine harte Nuss“, sagt Wollitz. Schließlich muss für den Aufstieg am Ende der Saison nicht nur die Meisterschaft in der starken Regionalliga West mit Konkurrenten wie Alemannia Aachen, Rot-Weiss Essen, Rot-Weiß Oberhausen und Lokalkonkurrent Fortuna Köln stehen.

          „In Augsburg und Hoffenheim hat es ja auch geklappt“

          Am Ende einer Meisterschaft müssen auch noch zwei Relegationsspiele gegen einen anderen Regionalliga-Meister erfolgreich bestritten werden. Wollitz weiß um die Fallen, die da auf ihn warten: „Es kann sein, dass du nach 38 Spielen oben stehst, am Ende aber nicht aufsteigst. Weil du vielleicht im entscheidenden Relegationsspiel Pech hast und in der 90. Minute einen unberechtigten Elfmeter gegen dich bekommst.“ Dennoch geht er die Aufgabe mit Begeisterung an: „In Augsburg und Hoffenheim hat es ja auch geklappt. Die haben auch mit harter Arbeit und Teamgeist den Weg aus dem Amateurlager zu den Profis geschafft“, sagt Wollitz.

          Um das Risiko des Scheiterns möglichst gering zu halten, hat sich die Viktoria zuletzt auf dem Transfermarkt in Gefilden bewegt, die normalerweise größeren Klubs vorbehalten sind. Nach der enttäuschend verlaufenen Vorsaison, als der Aufstieg deutlich verpasst wurde, wurden 14 neue Spieler verpflichtet. Darunter gestandene Profis wie der frühere Ingolstädter Andreas Schäfer und Osnabrücks ehemaliger Kapitän Klaus Costa. Auch der frühere Schalker und Frankfurter Albert Streit, zuletzt nach diversen Ärgernissen mit Gegenspielern und Schiedsrichtern vom Verband wochenlang gesperrt, soll helfen. „Das ist einer, der in entscheidenden Spielen den Unterschied machen kann“, findet Wollitz.

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          Den Unterschied im finanziellen Bereich gegenüber der Konkurrenz macht bei Viktoria Geldgeber Wernze. Der an der nahen Sieg aufgewachsene Finanzfachmann machte sein Geld mit einer Steuerberatungsfirma, die Jahr für Jahr größer wird und die Branche in Deutschland mittlerweile anführt. Pro Jahr kauft Wernze rund 20 Steuerberater-Büros dazu, sein Imperium umfasst mittlerweile rund 700 Standorte. Nach eigenen Angaben rangiert Wernzes ETL-Gruppe mit einem Umsatz von 464 Millionen Euro im Jahr auf Rang fünf der weltweit führenen Beratungsunternehmen. Nur KPMG, Deloitte, PricewaterhouseCoopers sowie Ernst & Young seien größer.

          Viele nennen den fußballbegeisterten Rheinländer schon den „kölschen Dietmar Hopp“, was Wernze nicht so gern hört. Eigentlich war der Unternehmer auf dem Weg, eine führende Rolle beim großen Nachbarn auf der anderen Rheinseite zu übernehmen. Beim 1. FC Köln sitzt er im Aufsichtsrat, finanzierte 2009 maßgeblich den Transfer von Lukas Podolski, als der zum FC zurückkehrte. Der Bruch mit „meinem Lieblingsverein“, wie Wernze heute noch sagt, kam 2012.

          „Der Neid ist eben eine Triebfeder“

          Da wurde beim FC ein neuer Vorstand gewählt. Nach typisch kölschen Ränkespielen vor der Wahl stand der als Vizepräsident kandidierende Wernze bei den Mitgliedern plötzlich aber als raffgieriger Investor da. Seine Kandidatur scheiterte kläglich. Anti-Wernze-Plakate, anschließend sogar bei Jugend- und Amateurspielen des Klubs zu sehen, trieben den Geldgeber aus dem Verein. Seine Loge im FC-Stadion ist gekündigt, bei nächster Gelegenheit verlässt er den Aufsichtsrat.

          Wernze hat stattdessen die Viktoria im Arbeiterviertel Höhenberg für sich entdeckt. Der Weg des Vereins wird kritisch beobachtet. Wo der Klub anreist, sind Schmähungen und Anti-Wernze-Plakate mittlerweile Standard. „Der Neid ist eben eine Triebfeder“, sagt Wernze dazu nur und zuckt mit den Schultern. Ihn störe es nicht, man kenne diese Reaktionen ja. Bei Dietmar Hopp und Hoffenheim war es nie anders.

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