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Kurioses Spiel in Wembley : England entdeckt den Videoschiedsrichter

Mit Verspätung: England lernt eine Geste kennen Bild: Reuters

Im FA-Cup bestreiten Tottenham und Rochdale ein Wiederholungsspiel in Wembley. Hauptfigur des Abends ist aber der Videoschiedsrichter, der auf der Insel erst jetzt im Pokal getestet wird. Nun zweifelt England genauso wie Deutschland am Sinn des Experiments.

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          Irgendwann setzte sich am Mittwochabend in Wembley dann doch noch der Fußball durch. Zumindest was den Unterhaltungswert angeht. Fernando Llorente erzielte einen sauberen Hattrick und entschied das Wiederholungsspiel des Premier-League-Spitzenklubs Tottenham Hotspur gegen das Drittliga-Schlusslicht Rochdale mit den Treffern zum 2:1, 3:1 und 4:1 doch noch frühzeitig zugunsten seines Teams. Am Ende stand es 6:1 und trotz des für das meist mit mildem Winter gesegnete London extrem ungewöhnlichen Umstands, dass das Spiel am Ende auf Schnee zu Ende gespielt werden musste, gab es nur ein Gesprächsthema: den Videoschiedsrichter.

          Während der Unparteiische am Bildschirm im Studio in Köln-Deutz in Deutschland schon seit dem ersten Bundesligaspieltag die Schlagzeilen beherrscht, entdeckt England den Streit um die Neuerung erst jetzt für sich. Der Videoschiedsrichter wird nur im FA-Cup getestet und dies auch erst seit Januar, nachdem die Premier-League-Klubs in den Wettbewerb eingestiegen sind.

          Ein halbes Dutzend Unterbrechungen durch den Videoassistenten

          In Wembley kam es nun zur bislang absurdesten Begegnung zwischen Videoschiedsrichter und gesundem Menschenverstand der Fußballfans. Zunächst wurde nach sechs Minuten ein Tor von Érik Lamela vom Schiedsrichter anerkannt, ehe er plötzlich mit dem aus der Bundesliga berühmten Griff zum Ohr signalisierte, dass sich der Videoschiedsrichter bei ihm gemeldet hatte. Das Tor wurde aberkannt wegen eines vorangegangenen Fouls von Llorente, obgleich keine Zeitlupe ein eindeutiges Vergehen belegte.

          Griff ans Ohr: Schiedsrichter Tierney lauscht aufmerksam.

          Später verlegte der Videoschiedsrichter den Tatort eines Fouls in den Strafraum, nachdem Schiedsrichter Tierney einen Freistoß nur vom Rand des Sechzehners verhängt hatte. Tierney wiederum schlug zurück, als wäre es ein Duell zwischen Unparteiischem und Video-Supervisor: Dem verwandelten Elfmeter verweigerte er seine Anerkennung, weil der frühere Bundesligaprofi Heung-Min Son im Anlauf kurzzeitig abgestoppt hatte. Son sah zu seiner Verblüffung Gelb und Rochdale setzte das Spiel per Freistoß fort. Tatsächlich aber hatte Son seine Pause noch weit genug vor dem Ball eingelegt, dieses Mal blieb der Videoschiedsrichter indes stumm.

          Gelb für verzögerten Anlauf: Schiedsrichter Tierney bestraft Son ohne Konsultation des Videoschiedsrichters.

          Der Reporter des „Guardian“ amüsierte sich über den Einsatz des Mannes am Bildschirm deshalb auf seine Weise: „Die erste Halbzeit gehörte dem Videoassistenten. Er verweigerte ein Tor, verwandelte einen Freistoß in einen Elfmeter und provozierte ein halbes Dutzend an Situationen, in denen Schiedsrichter Paul Tierney mit dem Finger am Ohr verloren in der Gegend herum stand.“

          Auch Spurs-Trainer Mauricio Pocchettino empörte sich über das kuriose Schauspiel. „Die erste Halbzeit war ein Ärgernis für alle. Meiner Meinung nach ist noch viel Arbeit zu erledigen. Fußball ist ein Spiel der Emotionen und wir müssen aufpassen, dass wir diese nicht töten. Wenn ich nicht jubeln darf, nachdem wir ein Tor erzielt haben, weil wir zwei Minuten bis zu einer endgültigen Entscheidung des Videoassistenten warten müssen, wer soll denn dann noch Eintrittskarten kaufen fürs Stadion?“, fragte sich der Coach. Die Argumente sind der Fußball-Öffentlichkeit aus der Bundesliga vertraut, England wiederholt die Diskussion nun mit einem halben Jahr Verspätung.

          Spott in den sozialen Medien

          Noch deutlicher wurden prominente Kritiker in den sozialen Medien. „Egal, was das Ergebnis heute war. Der Videoassistent sorgt dafür, dass das beste Spiel der Welt, das wir alle so lieben, zu einer Farce degradiert wird. Das ist nur noch eine Verhöhnung des Spiels“, twitterte der Argentinier Osvaldo Ardiles, aufgrund vieler Spielzeiten im Spurs-Trikot in den achtziger Jahren eine Tottenham-Legende.

          Gary Lineker, durch seine bissigen Kommentare als TV-Experte, aber auch durch seine Tweets ein guter Gradmesser für die Stimmung im englischen Fußball, versuchte es derweil mit Blick auf den Schnee auf dem Rasen und mögliche irreguläre Spielbedingungen mit feiner Ironie. „Jetzt brauchen wir nur noch einen Videoassistenten, der das Spiel abbricht und verschiebt“, schrieb er auf seinem Twitteraccount.

          Und selbst Joseph Blatter, der in Ungnade gefallene frühere Fifa-Präsident, stößt ausnahmsweise einmal mit einem Tweet auf sehr große Zustimmung unter Fußballfans. Blatter spricht die Hüter der Fußballregeln vom Intrnationale Football Association Board direkt an und bittet sie inständig, die Entscheidung zum Einsatz des Videoassistenten bei der WM im Sommer in Russland zu überdenken. „Eine persönliche Bitte an das Ifab, die Hüter der Gesetze des Spiels: Die Fifa-Weltmeisterschaft darf nicht als Experiment für solch eine fundamentale Veränderung genutzt werden wie den Videoassisitenten.“

          Immerhin brachte der Abend aber auch Amüsantes und etwas, das selbst den leidgeprüften Bundesligaspielern bislang noch nicht eingefallen war: Als der zu Beginn beim Elfmeter eingebremste Heung-Min Son später am Abend doch noch einen eigenen Treffer bejubeln durfte, erfand der einfallsreiche Koreaner eine neue, absolut zeitgemäße Jubelgeste: Er imitierte die Geste des Schiedsrichters, wenn er auf den Videoschiedsrichter verwies. Dem englischen Humor dürfte der Videoassistent in den kommenden Wochen weitere Nahrung geben.

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