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VfL Wolfsburg : „Wir wollen in Richtung Bayern schauen“

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Und das soll erst der Anfang sein: Wolfsburg ist DFB-Pokalsieger 2015 Bild: AFP

Nach der Meisterschaft 2009 gewinnt Wolfsburg seinen zweiten Titel. In Berlin holt der VfL den DFB-Pokal mit der Kraft der zwei Herzen für den verstorbenen Junior Malanda. Nun warten neue große Ziele auf die Wolfsburger.

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          Für die Spieler des VfL Wolfsburg war dieses Finale eine Herzenssache. Kevin de Bruyne zeigte, warum. Er wies nach seinem Tor zum 2:1 (33. Minute) mit dem Finger auf das Herz mit der imprägnierten 19, die sein Endspieltrikot zu einer Sonderedition gemacht hatte. Der Belgier dachte in diesem Moment, da das DFB-Pokalfinale zu Gunsten der spätestens von da an besseren Mannschaft kippte, an seinen Freund, Landsmann und Kollegen Junior Malanda, der bis Januar mit der Trikotnummer 19 zu den Wolfsburger Saisonaufsteigern gehört hatte – ehe ihn ein Verkehrsunfall jäh aus dem Leben riss.

          „Er hat mit uns weitergespielt, er bleibt immer in meinem Kopf und hilft mir, die volle Konzentration auf so ein Spiel zu haben“, sagte der 23 Jahre alte Genius, als der VfL nach dem 3:1-Erfolg über Borussia Dortmund erstmals den großen Goldpokal des Deutschen Fußball-Bundes erobert hatte.

          Die Grün-Weißen aus der ostniedersächsischen Autostadt setzten sich am Samstag gegen die Schwarz-Gelben aus der westfälischen Fußballkapitale auch mit der Kraft der zwei Herzen durch. Sie nahmen ihren verstorbenen Mitstreiter, der bei den ersten beiden Pokalrunden dieser Traumreise in Richtung Berlin noch dabei gewesen war, in ihre virtuelle Mitte und gewannen zusätzliche Sympathien.

          „Als die Fans in der 19. Minute ‚Junior Malanda‘ angestimmt haben, das war Gänsehaut pur“, beschrieb Trainer Dieter Hecking diesen besonderen Moment der innigen Verbundenheit beim Werksklub, der mit dem verdienten Erfolg über den dreimaligen Pokalsieger seinen frischen Status als zweitbeste deutsche Mannschaft aufwertete mit einer Leistung, die nach zwanzig Minuten der Unsicherheit Klasse und Reife verriet. „Wenn man das gegen Dortmund – durch die Treffer von Luiz Gustavo (22.), de Bruyne und Dost (38.) – schafft“, hob Klaus Allofs, der Geschäftsführer Sport hervor, „ist das ein Beweis dafür, dass man zu Recht da oben steht. Den Titel kann uns niemand mehr nehmen.“

          Nach der deutschen Meisterschaft 2009 war der Triumph von Berlin ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer Spitzenadresse mit der Perspektive, nachhaltig erfolgreich zu sein. Allofs, der als Spieler oder Manager mit Düsseldorf, Köln, Bremen, Marseille und nun auch Wolfsburg acht Pokalsiege feiern durfte, stand es aus Erfahrung zu, auch mal große Sätze zu formulieren: „Der erste Pokalsieg, das ist ein Moment, der ganz hoch anzusiedeln ist. Die Jungs sind in die Geschichte eingegangen.“ Und sie bejubelten mit ihren 21.000 Fans ihre Premiere ausgelassen wie kleine Kinder, als sie mit einer Polonaise durch die Arena zogen.

          Die Fans bedankten sich trotz der Niederlage bei Klopp für sieben Jahre

          Allerdings mussten die Wolfsburger, denen es an der in Dortmund seit Jahren vertrauten Endspielerfahrung fehlte, hart darum kämpfen, ins Finale zu finden. Aubameyangs frühes Tor (5.) und Reus’ Fehlversuch aus freier Schussbahn (18.), der das 2:0 hätte bedeuten können, deuteten darauf, dass das Spiel auch einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Dann aber setzte sich die in diesem Spieljahr oft erprobte Wolfsburger Qualität auf allen Positionen durch.

          Während der BVB gegen den rapiden Verlust ihrer emotionalen Antriebskraft nicht mehr ankämpfen konnten, bewiesen die Wolfsburger ihre neu erworbene Souveränität und Kaltblütigkeit, die eigenen Stärken effektiv zu nutzen. Profis wie die überragenden Außenspieler Vieirinha und Caligiuri, wie den motorischen Luiz Gustavo im defensiven Mittelfeld oder den unwiderstehlichen de Bruyne mit seinen exquisiten Pässen und seiner präzisen Schusstechnik hatten die Borussen nicht in ihren Reihen.

          Ein Symbolbild für die Dortmunder Niederlage: Schmelzer am Boden Bilderstrecke

          Der Brasilianer Gustavo, der im Dress der Bayern bei der aus Münchner Sicht schrecklichen 2:5-Pokalniederlage gegen den BVB 2012 dabei war und 2013 den 3:2-Erfolg der Bayern über Stuttgart nicht miterleben durfte, weil ihn sein Verband frühzeitig für den Confederations Cup angefordert hatte, genoss seinen ersten richtigen Pokalcoup: „Der Fußball“, sagte er, „ist etwas ganz Besonderes, du hast immer wieder eine neue Chance.“

          Und so war es denn kein Wunder, dass der für seine Verhältnisse ausgelassene Gustavo mit Vieirinha und Caligiuri die Pressekonferenz stürmte und seinen Trainer Dieter Hecking mit einer Bierdusche nass machte. Hecking, ein zurückhaltender Mensch, der so etwas wie die gelebte Bodenständigkeit verkörpert, ließ das Kopfbad in der Menge gelassen über sich ergehen, so wie er unbeschwert eine Baseballkappe trug mit der Aufschrift „King“. Die hat ihm sein Sohn überreicht, was „King Dieter“ zu dem Kommentar animierte: „Wenn man fünf Kinder hat, kommt irgendwer immer auf eine dumme Idee. Aber ein Vater kann seinem Sohn ja nichts ausschlagen.“

          Hecking senior wirkte in dieser Pokalnacht jugendlich wie lange nicht, brachte sie doch auch für ihn wie für viele seiner Spieler den ersten großen Titelgewinn. Der 50 Jahre alte Westfale hat sich als Trainer wie Wolfsburg als Verein in die erste Reihe vorgearbeitet mit fachlichem Knowhow, strategischem Geschick und dem Ehrgeiz, sein Fußballwissen ständig zu erweitern. Er genoss den Abend. „Auch ein Trainer“, sagte Allofs, „mag er noch so gut sein, braucht Titel. Dieter bekommt jetzt eine neue Visitenkarte.“

          Und wer weiß, vielleicht muss diese schon nächstes Jahr wieder auf neuesten Stand gebracht werden. „Wir werden jetzt anders gesehen“, beschrieb Allofs vor der nächtlichen Siegessause die Lage, „wir müssen Champions League spielen, und die Mannschaft ist gewillt, dazuzulernen. Sie hat es verinnerlicht, immer gewinnen zu wollen und sich immer zu verbessern. Wir wollen schon in Richtung Bayern schauen. Die Messlatte liegt hoch, aber sie ist eine große Herausforderung für uns.“

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