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VfL Wolfsburg : Die Stunde null

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Bescheidenheit als neue Zierde: Klaus Allofs soll den VfL Wolfsburg ohne großen Worte führen Bild: dpa

Magath, Macht, Moneten - das war gestern beim VfL Wolfsburg. Mit Klaus Allofs als neuem Geschäftsführer kehrt ein wenig Demut ein. Am Sonntagabend ist der altgediente Bremer beim Spiel in Hoffenheim erstmals Wolfsburger.

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          Ihr Tonfall war merklich sanfter geworden. Die Worte dieser starken Männer, die den VfL Wolfsburg sonst immer auf der Überholspur sehen wollten, hatten etwas Weiches und fast schon Demütiges an sich. „Es stimmt. Wir sind mit der Entwicklung seit der Meisterschaft nicht zufrieden“, sagte Francisco Javier García Sanz. „Wir wollen einen erfolgreichen Weg für die Zukunft einschlagen, auch in den Herzen der Fans“, ergänzte Stephan Grühsem, sein Kollege aus dem Aufsichtsrat der VfL Wolfsburg Fußball GmbH. Keine Silbe über Titel und Trophäen. Keine Spur von den üblichen Zielvorgaben. Felix Magath, der in Wolfsburg gescheiterte Fußball-Patriarch, sollte ihnen eben noch ein Spitzenteam basteln, das möglichst schnell auch international glänzt. Klaus Allofs dagegen, der frischgekürte Nachfolger von Magath, darf sich um deutlich weichere Werte bemühen. Sein Auftrag lautet, aus dem VfL Wolfsburg einen sympathischen Verein zu machen.

          Wie auch immer es Allofs gelingt, die deftigen Dellen aus der Ära Magath wieder auszubeulen - bei seiner Präsentation als Geschäftsführer Sport wurde schnell klar, dass mit seiner Hilfe alle Uhren zurückgedreht werden. Und zwar bis auf die Stunde null. Seit dem überraschenden Titelgewinn 2009, den Magath während seiner ersten Amtszeit möglich gemacht hatte, wollte man beim VfL Wolfsburg den weiteren Erfolg mit Hilfe von unverschämt viel Geld und Profis aus aller Welt erzwingen. Garcia Sanz und Grühsem, die außerhalb der Welt des bezahlten Fußballs den oberen Etagen der Volkswagen AG angehören, müssen jetzt im Auftrag des VfL-Hauptsponsors zu der Einsicht gekommen sein, dass dieser Verein erst einmal entschleunigt gehört.

          Allofs ist von Werder Bremen abgeworben worden, damit er eine Basis für Stabilität und Nachhaltigkeit schafft. Die hohe Mitarbeiterfluktuation, für die sein Vorgänger massiv kritisiert worden war, soll ein Ende finden. „Das soll nicht respektlos klingen. Aber man ist hier noch auf der Suche“, sagte Allofs bei seinem Amtsantritt und meinte den gesamten Verein. Die Gabe des 55-Jährigen, Schlechtes gutzureden, ist bewundernswert. Ganz charmant hat Allofs seinen neuen Chefs gleich zur Begrüßung bestätigt, dass sie trotz millionenschwerer Investitionen und diesem einen Aha-Effekt mit Meisterfeier nicht von der Stelle gekommen sind.

          In den 13 Jahren, in denen Allofs Werder Bremen gut sortiert und modernisiert hat, müssen ihm die Geschehnisse bei dem niedersächsischen Nachbarn sonderbar vorgekommen sein. Zehn Trainer und acht Manager hat der VfL in dieser Zeit verschlissen. Seit dem Wolfsburger Aufstieg 1997 in die Erste Fußball-Bundesliga sind es sogar zwölf verschiedene Übungsleiter gewesen, die sich an ihrer schweren Aufgabe verhoben haben. In den vergangenen drei Jahren war die Verkrampfung auf und neben dem Platz so groß, dass die Abstiegsangst und der Ärger mit den eigenen Fans zum ständigen Begleiter des ehrgeizigen Klubs geworden sind. Mit seiner großen Finanzkraft hat der Verein die Konkurrenz erst schockiert und verärgert, aber angesichts der mageren Ergebnisse zuletzt auch amüsiert. „Es wird anders werden“, sagt Allofs über seinen Versuch, mit weniger Gigantismus mehr zu erreichen. Die Erfolgsmodelle der Wolfsburger Autobauer entstehen auch nicht auf Knopfdruck, sondern mit langem Anlauf und in durchdachter Teamarbeit. Wenn alle Entscheider verinnerlichen, dass es sich in der Bundesliga gar nicht um die Ware Fußball als planbares Serienprodukt dreht, kann es auch im Stadion am Mittellandkanal wieder einen großen Schritt vorangehen.

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