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VfL Osnabrück : Im Pokal aus dem Skandal

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Jubelnde Osnabrücker: Im Pokal-Achtelfinale haben sie den HSV im Elfmeterschießen bezwungen Bild: ddp

Heute abend um 20.30 Uhr steht der VfL Osnabrück im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Schalke sportlich im Rampenlicht. Vor wenigen Monaten noch war der Schatten des Wettskandals eine Belastung für den Klub und seinen Kapitän Reichenberger.

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          Der Kapitän spielt beim Drittligaklub VfL Osnabrück sportlich derzeit bloß eine Nebenrolle. Thomas Reichenberger wurde zuletzt nicht einmal eingewechselt. Und das, obwohl seine Sturmkollegen Kotuljac, Bencik und Schmidt in der gesamten Saison in der Liga zusammen auch nur neun Tore erzielten. „Damit habe ich zu kämpfen, und das ist auch, was ich tun werde: kämpfen“, sagt der 35 Jahre alte Reichenberger. Gern würde er sich an diesem Mittwoch (20.30 Uhr/ live im FAZ.NET-DFB-Pokal-Liveticker und im ZDF) im Pokal-Viertelfinale gegen Schalke 04 auf großer Bühne sportlich in Erinnerung rufen. Denn für Reichenberger ist diese Saison, vermutlich die letzte seiner Profikarriere, eine kafkaeske Zeit.

          Wenige Tage, nachdem die Staatsanwaltschaft Bochum im November von ihren Ermittlungen gegen eine europaweit aktive Wettmafia mitteilte, erschien Reichenberger auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen als Verdächtiger, der Spiele für ein paar tausend Euro manipuliert haben sollte – mit seinen früheren Teamkollegen Schuon und Cichon, die inzwischen öffentlich zugaben, Kontakt zu Wettmafiosi gehabt, nicht aber manipuliert zu haben.

          Der Verein glaubt seinem verdienten Akteur

          Bislang gibt es keinen Beleg dafür, dass Reichenberger damit etwas zu tun hatte, er sagt: „Ich hatte nie Kontakt zu irgendwelchen Leuten, die Spiele manipulieren wollten. Ich habe bis heute nichts von der Staatsanwaltschaft oder der Polizei gehört. Es ist schon fast witzig, dass man auf einmal aufwacht und als Hauptfigur eines Wettskandals dasteht. Aber die Situation war sehr, sehr schwer.“ Wenigstens sagte der Betreiber eines Wettbüros, gegen den ermittelt wird, Reichenberger habe eine weiße Weste. Zumindest in Osnabrück, das ihm mehrere wichtige Treffer verdankt, wurde dies als Unschuldsbeweis gewertet.

          Derzeit nur auf der Bank: Kapitän Reichenberger
          Derzeit nur auf der Bank: Kapitän Reichenberger : Bild: picture alliance / dpa

          Gern würde sich Reichenberger in dieser Pokalpartie, in der der Tabellenerste der Dritten Liga den Dritten der ersten Liga empfängt, aus der Schmuddelecke schießen. Doch mittlerweile ist der frühere Bundesligaprofi für Trainer Karsten Baumann nur noch viertbester Angreifer. Reichenberger nimmt das tapfer hin und bewahrt seinen Humor: „Ich hätte trotzdem nichts dagegen, wenn der Trainer mich einwechselt.“

          Personaprobleme vor dem Pokalfight

          Ein anderer trainiert zwar schon wieder, aber ein Einsatz kommt nach einer Knochenprellung im Sprunggelenk vielleicht noch zu früh: Angelo Barletta könnte dann gegen Schalke sein Pokal-Kunststück vom Oktober nicht wiederholen, als er gegen Borussia Dortmund (3:1) per Fallrückzieher traf.

          Die Niedersachsen würden ihn aber nicht als Offensivkraft vermissen, sondern als ihren erfahrensten Innenverteidiger. Stattdessen käme wohl der 21 Jahre alte Oliver Stang zum Einsatz, der erst vier Drittligaspiele in der Startelf bestritt. Neuer Abwehrchef würde dann der 25 Jahre alte Tobias Nickenig, der in fast jedem Spiel eine Gelbe Karte bekommt. Er müsste sich mit Kevin Kuranyi auseinandersetzen. „Respekt ist da“, sagt Nickenig, „ich sehe das aber als Chance zu zeigen, dass ich auf dem Niveau spielen kann.“

          Heimstärke unter Flutlicht

          Derweil läuft in Osnabrück die Euphorisierungsmaschinerie wieder auf Hochtouren, in Internetforen schlägt die Phantasie der Fans Purzelbäume, und die Hoffnung auf eine weitere Pokal-Sensation nach den Siegen gegen Rostock, den Hamburger SV und Dortmund hat ihren Grund in der Heimstärke. Seit mehr als fünf Jahren hat der VfL an der Bremer Brücke kein Punktspiel mehr unter Flutlicht verloren (jedoch vor drei Jahren im Pokal 0:3 gegen Hertha BSC Berlin, was in Osnabrück einfach verschwiegen wird). In der Liga verlor der VfL an der Bremer Brücke seit dem Sommer nur ein Spiel, jetzt wird der Heimnimbus auf eine harte Probe gestellt: Schalke ist eines der auswärtsstärksten Bundesliga-Teams.

          Der VfL hat durch die Pokal-Einnahmen von mehr als zwei Millionen Euro seine bilanzielle Überschuldung nahezu abgebaut, sagt Geschäftsführer Ralf Heskamp. In der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ erinnerte derweil ein Bericht an das Jahr 1976, als jener Heskamp als E-Jugendlicher die Minikicker von Eintracht Rheine zu einem 3:2-Sieg über den „seit 27 Spielen unbesiegten“ Nachwuchs von Schalke 04 führte. Heskamp gibt an, damals „Schalke-Bettwäsche“ besessen zu haben. 13 Jahre später schoss er für die Erwachsenen-Elf vom VfL Osnabrück in der Zweiten Liga das Tor zum 1:0 gegen Schalke 04.

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