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VfB Stuttgart : Unverstandener Maestro in der „cultura generale“

  • -Aktualisiert am

Vor dem Duell mit seinem ehemaligen Verein: Giovanni Trapattoni Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Viel Hoffnung verband der VfB Stuttgart mit der Verpflichtung von Giovanni Trapattoni. Vor dem Spiel gegen Bayern München ist das Experiment immer noch unentschieden. Doch der „Maestro“ wirkt unbeeindruckt vom Erfolgsdruck.

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          Der Mann vom Sicherheitsdienst nimmt seine Arbeit ernst. „Was tun sie hier?“ Alle anderen, die sich für das Training der VfB-Profis interessieren, hat er schon am Eingang zum Gelände abgewiesen. Vor dem wichtigen Bayern-Spiel will Meistertrainer Giovanni Trapattoni jede Störung bei der Arbeit vermeiden.

          „Normalerweise dürfen alle zuschauen“, sagt der auf den zweiten Blick sehr freundliche Nebenerwerbstätige im Rentenalter entschuldigend. „Dann bin ich nur auf dem Parkplatz tätig“, und fügt erklärend hinzu: „Wir hatten schon einige Schäden an den Autos der Spieler.“ So weit ist es also schon. Die Stuttgarter Fans lassen ihre Enttäuschung an den Karossen der Spieler aus. „Nein, nein“, wiegelt der Aufpasser ab. „Die Autogrammjäger drängeln so sehr, daß ihre Rucksäcke kleine Kratzer auf dem Autolack ergeben. Allein an einem Tag gab es mal Kosten von 3.000 Euro.“

          Ist Trapattoni der Richtige?

          Vielleicht gilt ja das Gleiche für die Gesamtsituation des VfB, vielleicht hat ja Sportdirektor Herbert Briem recht, wenn er sagt: „Alles halb so schlimm, wenn wir unsere Tormöglichkeiten besser verwerten würden, gäbe es die Diskussionen nicht, die jede Woche alles in Frage stellen.“ Jede Woche? Da übertreibt sogar Briem, nach Siegen herrscht bisweilen kurzfristig Ruhe. Aber der VfB gewinnt so selten, das ist ja das Problem. Dreimal in der Liga und ein paar Mal im Uefa-Pokal, was zu Rang acht in der Zwischenwertung der deutschen Meisterklasse reicht und zum Einzug in die Runde der letzten 32 im Europacup.

          Die Ansprüche jedoch sind höher. Trapattonis Vorgänger Matthias Sammer wurde es schon zum Verhängnis, daß seine Mannschaft am letzten Spieltag die Qualifikation zur Champions League verspielte und nur das Minimalziel, Platz fünf, erreichte. Jetzt wären alle froh, wenn der italienische „Maestro“ das Minimum schaffte. Und so verdichten sich alle Stuttgarter Fußballfachsimpeleien auf die eine Glaubensfrage: Ist Trapattoni der Richtige?

          „Nicht gewohnt, warmherzige Tipps zu bekommen“

          Übungsstunde vor dem Südderby gegen Bayern: Das silberweiße Haar des Italieners leuchtet weithin, als er sich im Kreise seiner Mannschaft aufwärmt. Seine Figur, seine Haltung unterscheiden ihn auf Distanz kaum von den Spielern. Und mit 66 Jahren ist seine Sprintfähigkeit noch enorm. Als Trapattoni während des Trainingsspiels ein Fehlverhalten entdeckt, rast er in die entlegene Ecke des Feldes und beginnt gestenreich zu erklären. Die Mannschaft steht um ihn herum. Nach fünf Monaten der Kooperation scheinen nicht alle zu verstehen, worauf der temperamentvolle Trainer hinaus will. Die Körpersprache mancher drückt Verlegenheit, Ratlosigkeit aus.

          „Ja, das Problem habe ich auch schon analysiert, das war schon bei den Bayern so“, gibt Trapattoni zu. „Die jungen Spieler sind nicht gewohnt, so warmherzige, emotionale Tipps zu bekommen. Sie sind schüchtern, unsicher, sie erschrecken sich. Da ist die Gefahr groß, daß sie blockieren.“

          VfB-Spieler müssen sich ihm öffnen

          Wer Trapattoni erlebt, kann sich nicht vorstellen, daß er sich jemals ändert. Also müssen sich die VfB-Spieler ihm öffnen. Doch das fällt vielen schwer. Auch Profis messen ihre Trainer an den Ergebnissen, die sie liefern. Und Trapattonis Vertrauensvorschuß , durch 19 Vereinstitel in der Vergangenheit gebildet, war schnell aufgezehrt. Zudem dienen ihnen Trapattonis Sprachschwierigkeiten, um eigene Schwächen zu entschuldigen. „Den versteht ja keiner.“

          Hinter vorgehaltener Hand wurden seine Methoden und Gestik als „Clownereien“ abgetan. Eine Formulierung, die den Weg in die Medien fand, genauso wie Trapattonis Fauxpas, bei einer Taktikbesprechung, zwölf VfB-Spieler auf dem stilisierten Spielfeld zu verteilen, oder dessen Neigung, mitunter Spielernamen zu verwechseln.

          Theoretiker, Psychologe, Analytiker und Kommunikator

          Andreas Brehme ist wie geschaffen für die Aufgabe, Trapattoni der Mannschaft und dem ganzen Schwabenland nahe zu bringen. Der Hamburger, der 1990 mit seinem Foulelfmeter Deutschland den WM-Titel bescherte, trainierte in den neunziger Jahren unter dem Italiener bei Inter Mailand. Der 45jährige hat die Fremdsprache erlernt, verfügt selbst über die Erfahrungen eines Bundesligatrainers und hat ein offenes, freundliches Wesen.

          Und tatsächlich ist Brehmes Verhältnis zu Trapattoni ungetrübt freundschaftlich wie seit 15 Jahren. Aber leider liegen seine Stärken als Trainer rein auf dem praktischen Gebiet. Als Theoretiker, Psychologe, Analytiker und Kommunikator, das wird schon in einem kurzen Dialog deutlich, sollten besser andere wirken. Kritische Geister im VfB-Umfeld fragten schon, was tut Brehme eigentlich? Auf jeden Fall gelingt es ihm nicht, Trapattoni und dessen beide italienischen Assistenten ins VfB-Gemeinwesen zu integrieren.

          „Wie fanden Sie es denn?“

          Torwart Timo Hildebrand gilt als einer der größten Trapattoni-Skeptiker. Mit süffisanten Interviews illustrierte er vor vier, fünf Wochen die VfB-Krise, als sie am größten war. Heute gibt der Nationaltorwart zu: „Wir haben seitdem Fortschritte gemacht.“ Aber auch unmittelbar vor dem Bayern-Spiel, entgegnet er lauernd auf die Frage, ob das gerade abgelaufene Trainingsspiel zu Optimismus Anlaß gebe: „Wie fanden Sie es denn?“

          Und der Beschreibung, es gebe Mannschaften, in denen mehr Feuer herrsche, widerspricht er nicht. Hildebrand sieht die Grundsituation unverändert: „Wir spielen immer noch unentschieden. Uns fehlen die Ergebnisse. Es ist nicht so, daß wir auf den Platz gehen und alles in Grund und Boden rennen.“ Gegen die Bayern werde es schwer. „Sie sind nun mal Deutschlands beste Mannschaft. Aber man kann gegen sie eigentlich nur gewinnen.“

          Meist italienisch, mal „Trap-Deutsch“

          Auch Trapattoni hält das Bayernspiel für das leichteste seit langem. „Es bedarf keiner großen Worte. Unser Stolz steht auf dem Spiel.“ Wenn der Trainer mit der großen Titelsammlung spricht, meist italienisch, mal in sein „Trap-Deutsch“ verfallend, dann nimmt er die Zuhörer für sich ein. Auch kritischen Fragern huscht bei seinen Antworten manchmal ein Lächeln übers Gesicht. Und sei es nur, weil sie auf eine sympathische Weise unverständlich bleiben.

          Aber erst recht, wenn er Sätze sagt wie: „Ich werde die Bayern mit Zuneigung begrüßen.“ Oder: „Auch mich trieb mein Stolz zu meinen besten Leistungen“, oder „früher war die Bundesliga ein stark deutsch geprägte Welt, heute herrscht auch hier eher eine „cultura generale“. Trapattoni liebt und lebt und atmet Fußball, setzt sich mit Verstand und Herz mit seinem Lieblingsthema auseinander. Man wünschte ihm Profis, die ihm mit ebenso großer Leidenschaft, Einsatz und gutem Willen folgten.

          Liebe zum Beruf hängt nicht vom Arbeitgeber ab

          Andererseits, wer es nicht schafft, seine Schäflein hinter sich zu versammeln, der hat seinen Job verfehlt. „Ich brauche Zeit, ich habe eine völlig neu zusammen gesetzte Mannschaft übernommen“, sagt der Italiener bei jeder Gelegenheit. Seit September sei sein Team gewachsen. Und tatsächlich nähren Spiele wie das 2:1 in Saloniki im Uefa-Cup die Hoffnung auf den baldigen Durchbruch. Aber es gibt auch immer wieder Rückschläge.

          Präsident Staudt und Aufsichtsratsvorsitzender Hundt haben ihrer Geduld Grenzen gesetzt und bis zur Winterpause ehrgeizige Hochrechnungen aufgestellt. Sie zu erfüllen, bedürfte es in den letzten Partien gegen Bayern, Wolfsburg und Schalke dreier Siege. Und wenn sie nicht gelingen? Sportdirektor Briem sagt: „Wir werden uns in der Winterpause zusammensetzen und alles analysieren.“ Das gelte auch für den Trainer.

          Das Experiment Trapattoni ist also noch unentschieden. Doch eine Fortsetzung der Remis-Serie würde es wohl beenden. Trapattoni wirkt unbeeindruckt vom Erfolgsdruck. Seine Liebe zum Beruf hängt nicht vom Arbeitgeber ab.

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