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Verlustgeschäft im Fußball : Die dritte Liga hat ein gewaltiges Problem

Eines der Sorgenkinder: Der Drittligaklub 1. FC Kaiserslautern ging zuletzt in eine Planinsolvenz. Bild: dpa

Mehr Umsatz, mehr Aufmerksamkeit und Geld schießt keine Tore: Die dritte Liga könnte ein uneingeschränktes Erfolgsmodell sein. Doch die Klubs leben trotz Corona weiter über ihre Verhältnisse. Nun schlägt der DFB Alarm.

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          An Selbstbewusstsein mangelt es der dritten Liga und ihren Klubs nicht. Schließlich wird hier, in der Etage unterhalb der Penthousewohnung Bundesliga und des soliden Zweitliga-Unterbaus, noch der „wahre“ und „ehrliche“ Fußball gespielt. Diesen Eindruck kann zumindest gewinnen, wer sich durch den am Donnerstag veröffentlichten Saisonreport zur Spielzeit 2019/20 arbeitet. In wenig subtilen Schlagworten und Randnotizen prangt dort zwischen allerhand Graphen und Tabellen zu den wirtschaftlichen Kennzahlen reichlich Eigenlob. „Die 3. Liga zeigt’s uns“, heißt es etwa. „Die 3. Liga ist Fußball pur.“ Oder auch: „Die 3. Liga ist authentisch und einfach geil!“

          3. Liga

          Tatsächlich gibt es Argumente für solche Überzeugungen. So ist die Liga sportlich die ausgeglichenste und damit spannendste unter den drei deutschen Profispielklassen. Das Rennen um Aufstieg und Meisterschaft etwa wurde im vergangenen Jahr erst am letzten Spieltag entschieden, unter anderem durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit. In diesem Jahr zeichnet sich zur Halbzeit Ähnliches ab. Sogar das romantische Märchen, dass Geld keine Tore schießt, wird neu erzählt. In ihrem Report rechnet die Liga vor, dass die Klubs aus dem oberen Tabellendrittel der abgelaufenen Saison im Schnitt weniger Geld ausgaben als die Klubs aus dem mittleren.

          Hinzu kommt eine insgesamt positive Entwicklung, was Umsätze und Aufmerksamkeit angeht. Die Erträge etwa stiegen trotz der teilweise gravierenden Corona-Folgen auf 10,8 Millionen Euro pro Klub. Auch bei den Zuschauerzahlen steuerte man dank Publikumsmagneten wie dem 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Braunschweig oder 1860 München auf einen Rekord zu. Obwohl wegen der Pandemie die Fans ab dem 28. Spieltag komplett ausgesperrt werden mussten, stand am Ende mit 6168 Besuchern im Schnitt pro Spiel der viertbeste Wert der Ligahistorie. Medial freuten sich die Klubs allein bei den Übertragungen im Free-TV über eine Steigerung der Einschaltquoten von gut 50 Prozent.

          „Der Trend ist nicht der beste“

          Doch auch im mittlerweile 13. Jahr ihres Bestehens hat die Liga weiterhin ein gewaltiges Problem. Denn noch immer leben viele ihrer Mitglieder konsequent über die eigenen Verhältnisse. Am Ende der Vorsaison stand pro Klub im Schnitt ein Minus von 1,61 Millionen Euro. Das sind noch einmal knapp 100.000 Euro mehr als in der Vorsaison und ein Rekord im negativen Sinne. 13 von 19 Vereinen (der FC Bayern München II wird nicht mitgezählt) machten Verlust. Dass die Klubs immerhin erstmals in ihrer Gesamtheit ein positives Eigenkapital aufwiesen, ist ein schwacher Trost. Dies ist schließlich stets von ihrer Zusammensetzung im jeweiligen Jahr abhängig.

          Zentrales Problem bleibt die weitverbreitete „Nichts wie raus hier“-Mentalität, die viele Klubs noch immer zu wirtschaftlichen Risiken animiert. Mehr als die Hälfte von ihnen will so schnell wie möglich aufsteigen. Die Personalkosten vor allem für Spieler und Trainer stiegen deshalb trotz Gehaltsverzicht, Kurzarbeitergeld und anderer coronabedingter Maßnahmen auf einen Höchstwert von 4,23 Millionen Euro pro Klub.

          Noch schlimmer aber: Ein Wandel ist trotz der anhaltenden Ausnahmesituation in der Pandemie nicht in Sicht. Dass sie vor allem bei den Gehältern dringend sparen müssten, sei bei vielen „noch nicht ganz angekommen“, sagte Manuel Hartmann, Abteilungsleiter Spielbetrieb Ligen und Wettbewerbe beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) am Donnerstag. „Der Trend ist auf jeden Fall nicht der beste. Wir haben die Sorge, dass wir im nächsten Saisonreport eine Negativentwicklung verzeichnen müssen.“ Schon die Hälfte der Vereine musste im Laufe der aktuellen Spielzeit Liquiditätsnachweise erbringen.

          Weil das Thema ein altbekanntes ist, hat die Liga eine Taskforce „Wirtschaftliche Stabilität“ ins Leben gerufen. Ende 2020 nahm sie ihre Arbeit auf. Nun werden verschiedene Szenarien diskutiert, um das Verlustgeschäft dritte Liga endlich nachhaltig zu konsolidieren. Beispielsweise indem man dem eigenen Anspruch als Ausbildungsliga für den Nachwuchs endlich besser gerecht wird, wie es Manfred Schwabl von der Spielvereinigung Unterhaching am Donnerstag forderte. Letztlich nämlich ist sich die Liga ihrer eigenen Unzulänglichkeiten nur allzu bewusst. Auch das verrät ein Blick in den Saisonreport. „Die 3. Liga ist nicht perfekt“, steht da, ehe es dann doch wieder in den nächsten Werbespruch kippt: „aber perfekt für wahre Fans“.

          Uerdingen leitet Eigenverwaltungsverfahren ein

          Der Drittligaklub KFC Uerdingen hat ein Eigenverwaltungsverfahren eingeleitet. „Nach langen und intensiven Überlegungen, wie wir die aktuellen Herausforderungen bestmöglich meistern können, halten wir diesen Schritt für die optimale Lösung, um die Zukunft des KFC Uerdingen zu sichern“, sagte der als Klubchef  beim langjährigen Bundesligisten und DFB-Pokalsieger von 1985 zurückgetretene Mikhail Ponomarew, der sich am Saisonende auch als Investor zurückziehen wird.

          Das Verfahren biete „die Möglichkeit, in Eigenregie erfolgreich die Zukunft unseres Vereins zu sichern“, erklärte Geschäftsführer Nikolas Weinhart: „Wir nutzen diese Zeit, um einen geeigneten Investor zu finden.“ Das Verfahren wird nach Angaben des Vereins keine Auswirkungen auf den laufenden Spielbetrieb haben. „Natürlich ist es aber unabdingbar, dass wir unsere Mannschaft auf Einsparpotenzial beleuchten, um die laufenden Kosten zu senken“, sagte Weinhart.

          Ponomarew, der mehrere Millionen in den Verein investiert hat, hatte Anfang Dezember seinen Rückzug zum Saisonende angekündigt. Bis zum 1. März muss die Lizenz für die dritte Liga beantragt werden. Sollte bis dahin kein Investor gefunden worden sein, werden die Uerdinger wohl eine Klasse tiefer antreten müssen. Sogar eine mögliche Insolvenz des früheren Bundesligavereins steht im Raum. (dpa)

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