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Turniere 2018 und 2022 : Verlieren Russland und Qatar nun ihre WM?

  • Aktualisiert am

So soll die WM 2022 in Qatar aussehen – aber findet sie auch dort statt? Bild: dpa

Nach dem Rücktritt von Fifa-Präsident Joseph Blatter wird über die Möglichkeit einer WM-Neuvergabe der umstrittenen Turniere an Russland und Qatar debattiert. Was muss passieren, damit es eine neue Ausschreibung gibt?

          Nach der Rückzugsankündigung von Fifa-Chef Joseph Blatter wird auch über die Möglichkeit einer Neu-Vergabe der umstrittenen WM-Turniere in Russland 2018 und Qatar 2022 debattiert. Noch fehlt hierfür aber jede juristische Grundlage. Die Verträge mit den WM-Gastgebern sind unabhängig von der Person des Präsidenten geschlossen. Dennoch gibt es Szenarien, die eine neue Ausschreibung der Fußball-Turniere möglich machen könnten:

          • Die Schweizer Justiz ermittelt nach der Strafanzeige der Fifa weiterhin in alle Richtungen. Mehrere Wahlmänner von 2010 – wie die Fifa-Vizepräsidenten Issa Hayatou und Angel Maria Villar Llona – wurden schon befragt. Auch Franz Beckenbauer steht auf der Verhörliste. Finden die Ermittler aus Bern belastendes Material, das Korruption oder Vorteilsnahme bestätigt, könnte und müsste die Fifa eine Neuvergabe einleiten.
          • Die Hoffnungen der Russland- und Qatar-Gegner ruhen auch noch auf dem Garcia-Report. Der Bericht des ehemaligen Chefermittlers der Fifa-Ethikkommission, Michael Garcia, wurde noch nicht veröffentlicht. Finden sich dort mehr belastbare Anschuldigungen, als bislang von den Ethikhütern publiziert, müsste die Fifa auch aktiv werden. Je nachdem, welche Interessen der Blatter-Nachfolger hat, könnte der Garcia-Report instrumentalisiert werden.

          Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters soll sich nun auch das FBI mit der Vergabe der WM an Russland und Qatar beschäftigen. Als Quelle gibt die Agentur einen amerikanischen Beamten an, der anonym bleiben will, aber mit der Sache vertraut ist.

          Die WM-Debatte nahm teilweise skurrile Züge an. „Wenn ich bei den qatarischen Organisatoren wäre, würde ich nicht sehr gut schlafen“, sagte der englische Verbandschef Greg Dyke. Die Antwort aus dem Emirat: Dyke solle sich darauf konzentrieren, dass er „bis zur WM 2022 in Qatar eine englische Mannschaft aufbaut, die den Titel gewinnen kann.“ Russland, das weiterhin an Blatters Seite steht, will sich durch die aktuellen Entwicklungen nicht ablenken lassen. „Das Wichtigste ist, dass Russland seine Vorbereitung für die Weltmeisterschaft 2018 fortsetzt“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

          Als prominentester Politiker forderte Bundesjustizminister Heiko Maas eine Überprüfung der Turniervergaben. „Blatters Rücktritt kann nur der Anfang für die dringend erforderliche Aufklärung sein“, sagte der SPD-Politiker Maas der „Bild“. „Wenn bei den WM-Vergaben Schmiergelder geflossen sind, müssen die Entscheidungen komplett neu überdacht werden.“ Der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, erklärte im Hessischen Rundfunk: „Kann man einem Land, das halb so groß ist wie Hessen, das weltgrößte Fußballereignis anvertrauen? Nein, ich glaube, das muss nochmal aufgearbeitet werden.“

          Dagegen verteidigte Qatar die Entscheidung. Außenminister Chaled Al-Attija sagte, sein Land habe sich den Zuschlag verdient, weil es die beste WM-Bewerbung gehabt habe. „Auf keinen Fall kann sie Qatar entzogen werden.“ Er warf Kritikern Vorurteile und Rassismus vor. Qatar werde auf keinen Fall die WM entzogen, sagte al-Attija in einem Reuters-Interview. Auch der Fußballverband des Landes wies die Kritik zurück. Bereits bei der Entscheidung für Qatar und Russland Ende 2010 hatte es Kritik an der Fifa gegeben. Bei den Ermittlungen in den Vereinigten Staaten und in der Schweiz geht es um den Verdacht, dass bei der Vergabe von Turnieren Schmiergeld geflossen sein könnte. Blatter ist offiziell ist selbst nicht angeklagt. Einem Insider zufolge ist er aber ins Visier der amerikanischen Behörden geraten..

          Der angekündigte Rückzug von Blatter hat derweil keinen Einfluss auf die Fernsehverträge von ARD/ZDF mit dem Fußball-Weltverband. Die öffentlich-rechtlichen Sender besitzen bereits die Übertragungsrechte für die WM-Turniere 2018 in Russland und 2022 in Qatar. „Die bereits geschlossenen Verträge über die TV-Rechte der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 sind von der neuen Situation nicht betroffen“, erklärte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz am Mittwoch auf Anfrage.

          Für Gruschwitz bietet der unerwartete Schritt des umstrittenen Fifa-Chefs auch die Chance, das Negativ-Image des Weltverbandes zu verbessern. „Das ZDF sieht in dem Rückzug von Fifa-Präsident Joseph Blatter die große Möglichkeit, dass die Korruptions- und Schmiergeldvorwürfe gegen einzelne Fifa-Funktionäre vorbehaltlos und schonungslos aufgeklärt werden“, erklärte der ZDF-Sportchef.

          Russland und Präsident Wladimir Putin (rechts) bekamen die WM 2018 überreicht Bilderstrecke

          Deutschland ist für die Fifa weltweit einer der wichtigsten TV-Märkte. Für die WM-Rechte im Vorjahr in Brasilien sollen ARD und ZDF zwischen 150 und 180 Millionen Euro gezahlt haben. Erstmals seit 1998 konnten ARD/ZDF wieder alle 64 WM-Spiele übertragen. Andere Sender wie RTL oder Sky verzichteten auf den Erwerb von Sublizenzen. Die hohen Investitionen zahlten sich für die Öffentlich-Rechtlichen in Top-Quoten aus. So verfolgten 34,65 Millionen Zuschauer in der ARD das Finale zwischen Deutschland und Argentinien. Mehr Zuschauer hat bisher keine Sendung im deutschen Fernsehen erreicht.

          Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke sieht sich in der Korruptionsaffäre unterdessen nicht belastet. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagte Valcke dem Sender France Info. Aus seiner Sicht gebe es keinen Grund, warum er nicht auf dem Posten des Generalsekretärs bleiben sollte. „Ich fühle mich ganz sicher nicht schuldig.“ Nach Berichten der „New York Times“ sind amerikanischen Ermittler der Ansicht, Valcke sei „der hochrangige Fifa-Offizielle“, der 2008 zehn Millionen Dollar im Zuge möglicher Korruption um die WM-Vergabe an Südafrika von einem Fifa-Konto auf ein amerikanisches Konto überwiesen habe. Valcke sieht seine Zukunft bei der Fifa in den Händen des nächsten Chefs. „Der neue Präsident wird entscheiden, wen er als Generalsekretär will.“ Er habe für sich entschieden, dass es „zu verantworten sei, dass ich auf meinem Posten bleibe“.

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