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Fußball-Kommentar : EM-Vergabe als Geheimsache

Das Daumendrücken in Zürich im Jahr 2000 half: Deutschland bekam die WM 2006. Bild: Picture-Alliance

Dass nach der EM-Vergabe nicht klar sein wird, wer für wen gestimmt hat, ist ein Unding. Wer immer die Wahl verliert, wird keine Mühe haben, Gerüchte zu streuen. Das sind keine guten Aussichten.

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          Zürich, 6. Juli 2000: Zwei Dutzend Herren, die sich für die Hüter des Weltfußballs hielten, vergeben in Zürich hinter verschlossenen Türen die Weltmeisterschaft – nach Deutschland. Weshalb und warum? Keinesfalls gekauft sei das Turnier gewesen, heißt es beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) bis heute. Warum später aber Millionen im Anschluss in die Schweiz und nach Qatar und zurück in die Schweiz wanderten, welche Rolle der Bewerbungsfrontmann Franz Beckenbauer dabei spielte, ob das alles für ein Strafverfahren gegen ehemalige DFB-Präsidenten und andere Funktionäre reicht: durch und durch unklar, auch mehr als 18 Jahre nach der Vergabe hinter verschlossenen Türen.

          Und jetzt die schlechte Nachricht: Die Europameisterschaftsvergabe in Nyon verläuft nach dem gleichen Prinzip. Bei der Europäischen Fußball-Union (Uefa) ist die Fußball-Welt stehen geblieben in dieser Hinsicht. Bei den deutschen Bewerbern hat sich der Auftritt schon geändert im Vergleich zu einst. Beckenbauer düste durch die Welt – Afrika, Südamerika, Südsee –, versprach im Namen des DFB dieses und jenes. Der DFB von heute kommt längst nicht auf ein so prall gefülltes Konto, an Flugmeilen, versteht sich, schon weil Europas Fußball-Landkarte die Lobbyarbeit auf den Raum zwischen Tel Aviv und Nordkap, Island und Astana in der kasachischen Steppe beschränkt.

          Die Deutschen sind Favorit, ihre Bewerbung kam im Vergleich zur Anbahnung des späteren „Sommermärchen“-Geschäfts von einst „low key“ daher, ruhiger, geradezu betont nüchtern, auf Seriosität bedacht und darauf, nichts falsch zu machen. Philipp Lahm hat seine Arbeit gemacht. Der türkische Verband und seine Bewerbung wurden vom eigenen Präsidenten und dessen Wirtschaftspolitik ins Abseits gestellt – so nachhaltig, dass selbst der hanebüchene Umgang des DFB-Präsidenten und der Nationalmannschaftsführung mit Mesut Özil und dessen Erdogan-Fotos nicht zum Wahlkampfknüller taugte. Dass die Deutschen arg favorisiert sind, hat allenfalls zu einem großen Teil mit dem Lira-Verfall und dem zinspolitischen Harakiri zu tun und allenfalls zu einem kleinen mit den Veränderungen zu tun, die bei der Uefa abseits des Wahlprocederes Einzug gehalten haben.

          Ja, die Evaluierung betont die schlechte Menschenrechtslage in der Türkei. Aber was spielt das für eine Rolle, wenn der Bericht keine bindende Wirkung hat und die Wahl geheim bleibt? Dass nach der Wahl nicht klar sein wird, wer für wen gestimmt hat, ist angesichts der die Jahrzehnte überdauernden Kultur der Korruption in internationalen Fußballverbänden ein Unding. Und: wer immer die Wahl verliert, wird keine Mühe haben, Gerüchte zu streuen und Zweifel an der Lauterkeit der Abstimmungsmotive zu äußern. Absurd. Aber ein Beleg dafür, wie stark sie sind, die Beharrungskräfte unter den Hütern des Fußballs, mitten in Europa. So oder so: Keine guten Aussichten auf die EM-Vergabe.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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