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Kommentar zur Fußball-WM 2006 : Jetzt ist Niersbach dran

  • -Aktualisiert am

Wolfgang Niersbach (links) und Franz Beckenbauer 2006 vor dem Start der Fußball-WM in Deutschland. Bild: AP

Es wäre eine Mega-Portion Naivität nötig, um zu glauben, der DFB könnte eine moralische Instanz inmitten all des korrupten Unrats im Fußball sein. Aber warum schämt sich keine der handelnden Personen?

          Wundert sich noch jemand? Das wäre erstaunlich. Schließlich wäre eine Mega-Portion Naivität nötig, um zu glauben, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) könnte so etwas sein wie eine moralische Instanz inmitten all des korrupten Unrats in den Funktionärsbüros dieses Sports. Und zu erwarten, dass jemand, der etwas will von einem von Bestechung und Abhängigkeiten befeuerten System, wie zum Beispiel den Zuschlag für die Fußball-WM 2006, dies auf saubere Weise erreichen könnte. Hier wirken unentrinnbare Schmutz-Kräfte.

          Aber gut: Wir haben inzwischen schon so viele faule Ausreden erhalten in dem immer weiter wachsenden Skandal um den Fußball-Weltverband (Fifa) und seine Angehörigen, dass wir uns daran gewöhnen konnten: Nennen wir also die verdächtige Zahlung an die Fifa, die der DFB zugibt, in Höhe von 6,7 Millionen bis zum Beweis des Gegenteils wie der Verband selbst einen Beitrag zum „Kulturprogramm“.

          Allerdings handelt es sich um eine Kultur der Gier und Schamlosigkeit. Und dann gleich: 6,7 Millionen! Oder gar noch mehr. Was hätte man für Nachwuchsförderungs- und Integrationsprogramme damit finanzieren können. Oder einfach nur Bolzplätze in Ordnung bringen. Es tut wirklich weh.

          Warum, muss man sich fragen, schämt sich eigentlich keine der handelnden Personen und trollt sich aus freien Stücken? Bisher hat man noch keinen Blatter oder Platini sagen hören: Mea culpa, ich übernehme die Verantwortung für die innere Verrottung der Fifa oder des europäischen Verbandes Uefa, dessen Präsident Platini ist.

          Stattdessen glaubte Blatter bis zu seiner Suspendierung, es brauche ausgerechnet ihn, um das eigene Konstrukt zu reformieren. Und der ebenfalls vorläufig gesperrte Platini denkt immer noch, er müsste Fifa-Präsident werden. Obwohl er für die Vergabe der WM 2022 an Qatar gestimmt hat und danach sein Sohn vom Wüstenstaat einen lukrativen Job bekam.

          Und obwohl er zwei Millionen Franken von Blatter kassiert hat, für die es keine Belege gibt, und die verdammt nach Schmiergeld riechen. Wie kann Platini nur glauben, dass er damit durchkommt? Offenbar handelt in diesem Gebilde keiner aus Anstand. Nur unter Druck.

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          In Platinis Fall könnte es sich damit erklären lassen, dass der Franzose früher einmal selbst ein begnadeter Fußballspieler war. Solche Leute halten den Rest der Weltbevölkerung automatisch für ihre Fans – und erzielen damit eine hohe Trefferquote. Selbst der Verstand von Staatschefs und Industriekapitänen trägt angesichts eines berühmten Kickers oft kurze Hosen.

          Darum glauben solche Platinis wohl, sie könnten sich alles erlauben. Sie seien ohnehin unfehlbar. Aus dieser Perspektive wirkt eine Integritätsprüfung natürlich wie eine Unverschämtheit. So eine Unverschämtheit! Die Fifa will plötzlich nicht mehr dem Fußballgenie Platini huldigen, sondern prüfen, ob er würdig ist, ihr Präsident zu werden! Aber so ist es. Platini kann diese Prüfung wohl kaum überstehen. Ein anderer muss das Amt des Fifa-Präsidenten übernehmen.

          Franz Beckenbauer war damals Chef des WM-Organisationskomitees (Bild aus dem Jahr 2006)

          Aber wer? Einer nach dem anderen werden die Kandidaten abgeschossen. Joseph Blatter? Weg. Der Koreaner Chung Mong-joon? Von der Ethik-Kommission gesperrt. Platini? Suspendiert und in ein Verfahren verwickelt. Und der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der abwechselnd für die Spitze der Fifa oder Uefa vorgeschlagen wird?

          War geschäftsführender Vizepräsident und Medienchef des Organisationskomitees für die WM 2006 in Deutschland. Hat – zum deutschen Verbandspräsidenten aufgestiegen – jetzt trotzdem die Seriosität der Vergabe untersuchen lassen. Obwohl er sich selbst als Mitwisser danach hätte fragen können. Oder seinen damaligen Organisationschef und Förderer Franz Beckenbauer. Obwohl: Beckenbauer war zu seiner Zeit ein genialer Fußballer und ist unfehlbar. Niersbach allerdings nicht. Er war nur Journalist.

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