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Venezuela bei Copa America : Die „Vinotinto“ und die tiefe Krise

  • -Aktualisiert am

Angel Herrera (links) und Ronald Hernandez (rechts) im Kampf um den Ball mit Englands Josh Onomah während des Finalspiels der U-20-Weltmeisterschaft 2017 Bild: Picture-Alliance

Seit dem Erfolg 2017, als es das Junioren-Nationalteam bis ins Endspiel der U-20-WM schaffte, hat Venezuela das Fußball-Fieber gepackt. Doch der Sport ist gefangen in politischen Wirren.

          So etwas hatte Venezuela noch nicht erlebt. Menschen, die plötzlich beginnen, gemeinsam in Restaurants und Cafes Fußball anzuschauen und sich zum „Public Viewing“ zu treffen. Die gemeinsam mitfiebern, wenn ihre „Vinotinto“ – ihre Weinroten – dem Ball hinterherjagen. Gut zwei Jahre ist dieses außergewöhnliche Ereignis nun her. Damals im Sommer 2017 waren Venezuelas U-20-Fußballspieler zu neuen Nationalhelden aufgestiegen. Beim Auftaktspiel bezwangen sie die deutsche Auswahl mit einem 2:0. Bis ins Finale der Weltmeisterschaft ging der Siegeszug der venezolanischen Auswahl weiter, ehe im Endspiel gegen den Nachwuchs von England (0:1) Schluss war. Trotzdem war es der bislang größte Erfolg des venezolanischen Fußballverbandes überhaupt. Und ein gesellschaftlicher dazu, denn die tiefe politische Spaltung, die dieses südamerikanische Land seit Jahren erschüttert, lässt diese Gemeinschaftserlebnisse eigentlich kaum noch zu.

          Es war der Moment, in dem das eigentlich eher baseball-verrückte Land sich in den Fußball verliebte. Die Mannschaft von Trainer Rafael Dudamel wurde zu Hause begeistert empfangen. Tausende kamen ins Stadion, um die Rückkehrer bei einem eigens angesetzten Willkommens-Event zu begrüßen. Dudamel rief damals dazu auf, die Waffen schweigen zu lassen. Es war die Zeit, als die Regierung des umstrittenen sozialistischen Präsidenten Nicolas Maduro mit Gewalt gegen die Aufstände im Land vorging. Regierungskritische Medien werteten Dudamels Aussagen damals als Affront gegen Maduro. Seitdem ist der Trainer vorsichtig geworden.

          Auch deswegen sind Venezuelas Fußballspieler seit dem spektakulären Erfolg vor zwei Jahren stets in die politischen Wirren im eigenen Land hineingezogen worden. Die zerstrittenen Lager versuchen, die Popularität des Teams für sich zu nutzen. Vor ein paar Monaten, im März 2019, spitzte sich die Situation wieder zu. Inmitten neuer Massenproteste gegen die Maduro-Regierung, der Menschenrechtsorganisationen schwere Menschenrechtsverletzungen vorwerfen, versuchte Oppositionsführer Juan Guaido, die Gunst der Stunde zu nutzen. Er schickte den von seiner Gegenregierung berufenen Botschafter zum Testspiel in Madrid. Antonio Ecarri hielt in der Kabine eine kleine Rede vor der Mannschaft.

          Die eigentliche Sensation ging unter

          Die Opposition nutzte den Auftritt zu einer kleinen Machtdemonstration in den sozialen Netzwerken, die beweisen sollte, wie weit der Arm von Guaido inzwischen reichte. Trainer Dudamel ging das zu weit. Er kritisierte die „Politisierung“ der Nationalmannschaft und stellte öffentlich sein Amt zur Verfügung. Wohl wissentlich, dass aufgrund seiner Erfolge niemand im Verband als auch in der Politik bereit gewesen wäre, diesen Rücktritt tatsächlich anzunehmen. Spätestens seit dem Erfolg mit der U 20 ist auch Dudamel im Land ein Volksheld. Wenig später beruhigte sich die Lage wieder, der Trainer blieb im Amt.

          In den ganzen Turbulenzen ging allerdings die eigentliche Sensation des Abends von Madrid unter. Venezuela, der südamerikanische Fußballzwerg, hatte am Abend Argentinien 3:1 bezwungen. Und das beim Comeback von Lionel Messi nach einer selbst verordneten Auszeit im Dress der Albiceleste. Nun treffen beide Teams im Viertelfinale der Copa America in Rio de Janeiro an diesem Freitag (21.00 Uhr bei DAZN) wieder aufeinander. Für Messi ist es eine Rückkehr an die Stätte der schmerzhaftesten Niederlage seiner Karriere: das verlorene WM-Finale 2014 gegen Deutschland im Maracana. Dudamel verbeugt sich vor dem Spiel artig vor dem Ausnahmefußballprofi: „Er ist für mich der beste Spieler in der Geschichte, egal ob er nun Titel gewinnt oder nicht.“ Über Messi redet er deutlich lieber als über Politik.

          Mit Blick auf die anstehende südamerikanische WM-Qualifikation verfolgt die Konkurrenz die fußballerische Entwicklung in Venezuela mit Sorge. Angesichts der ohnehin knüppelharten Konkurrenz um die nur vier sicheren Startplätze für die WM 2022 in Qatar ist ein weiterer wettbewerbsfähiger Konkurrent mehr das Letzte, was sich Peru, Kolumbien, Uruguay und Chile hinter den praktisch gesetzten Argentiniern und Brasilianern wünschen.

          Schon einmal versuchte Venezuela, im Konzert der Fußball-Größen mitzumischen. Bei der Copa America 2007 im eigenen Land gelang mit dem späteren Mönchengladbacher Juan Arango erstmals der Einzug ins Viertelfinale des ältesten Nationenturniers der Welt. Revolutionsführer Hugo Chavez – noch beflügelt von den hohen Ölpreisen – schenkte seinem Volk zur Copa America sogar eine nagelneue Arena in Maturin, die seitdem aber kaum noch Fußball-Spektakel erlebt.

          Damals wie heute liegt die aktuelle Politik wie ein Schatten über dem venezolanischen Nationalteam. Während Trainer Dudamel zuletzt versuchte, sich durch die Klippen der Innenpolitik so zu manövrieren, dass seine Aussagen von beiden Lagern für sich beansprucht werden können, sind viele Nationalspieler mit ihrer Haltung eindeutiger. Der ehemaliger Hamburger Tomas Rincon, heute Kapitän der „Vinotinto“, gilt als ein scharfer Kritiker Maduros. Während der Anti-Maduro-Demonstrationen drückte er in den sozialen Netzwerken mit Protestphotos seine Sympathie mit den Demonstranten aus. Inzwischen tut er das nicht mehr. Das Nationalteam hat sich bei der Copa America eine Art Schweigegelübde verpasst. Erst mal soll Fußball gespielt werden.

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