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Van Marwijk beim HSV : Willkommen auf dem Pulverfass

  • -Aktualisiert am

Willkommen an Bord: Bert van Marwijk soll den HSV aus der Abstiegszone führen. Bild: dpa

Der Hamburger SV gewinnt gegen Greuther Fürth 1:0 im DFB-Pokal. Nun übernimmt der neue Trainer. Bert van Marwijk hat das Zeug, den HSV aus dem Tabellenkeller zu führen. Gelingt das nicht, droht schon bald die nächste Explosion.

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          Ein neuer, namhafter Trainer, einer mit einer gewissen Verdrängung, der sich selbst in Hamburg nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen wird und in der jüngeren Vergangenheit Erfolge erzielt hat - das könnte auch den beiden Männern eine Verschnaufpause verschaffen, die beim Hamburger SV derzeit um ihren Job kämpfen: Carl-Edgar Jarchow und Oliver Kreuzer.

          In Bert van Marwijk haben der Vorstandsvorsitzende und der Sportchef des HSV relativ rasch einen Nachfolger für Thorsten Fink gefunden, dem man zutrauen kann, die verunsicherte Mannschaft bald aus dem Tabellenkeller zu befördern. Mit dem 1:0-Sieg im Pokalspiel am Dienstagabend gegen Greuther Fürth endete Rodolfo Cardosos Job als Interimstrainer, an diesem Mittwoch wird van Marwijk vorgestellt.

          Dringend benötigtes Geld für den klammen Klub

          Mehr als eine halbe Million Euro verdient der HSV durch das Weiterkommen – dringend benötigtes Geld für den klammen Klub. Von Marwijk, der nicht im Stadion war, wird auch vor dem Fernseher bemerkt haben, dass er eine schwere Aufgabe übernommen hat. Cardoso hatte die Mannschaft in seinem zweiten und letzten Spiel sehr offensiv aufgestellt.

          Vor nur 26.800 Zuschauern gab der Berliner Zugang Lasogga sein Startelfdebüt als einzige Spitze und traf prompt erstmals. Der Deutsch-Türke Hakan Calhanoglu, der auf dem linken Flügel Petr Jiracek bestens vertrat, hatte mit einem Freistoß die Führung vorbereitet. Der Fürther Torwart Wolfgang Hesl ließ den Ball nur abprallen, der U-21-Nationalspieler schob mit links ein. Doch während der HSV seine Chancen danach zuhauf vergab, hätte Fürth durch den eingewechselten Niclas Füllkrug (80.) fast den Ausgleich markiert. Innenverteidiger Jonathan Tah rettete in der Not, ansonsten wäre die Atmosphäre in Hamburg zusätzlich unangenehm geworden.

          Tor für Hamburg: Erleichterung nach dem Pflichtsieg im Pokal

          Jarchow und Kreuzer steht das Wasser bis zum Hals. Der sportliche Misserfolg und die mediale Dauerkritik des möglichen Investors Klaus-Michael Kühne lässt die beiden schwer angezählt wirken. Kreuzer, der von Kühne im Interview mit dieser Zeitung abermals heftig attackiert wurde, platzte jüngst der Kragen, als er auf Kühne angesprochen wurde: „Das kann man langsam alles nicht mehr ernst nehmen. Es ist unglaublich, was mir ein älterer Herr aus Mallorca so alles über die Bundesliga erzählen will. Er soll sich in seinen Privatjet setzen und herfliegen. Dann können wir reden. Das ist alles an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten“, schimpfte Kreuzer. Kühne hatte ihn unter anderem als „Drittliga-Manager“ bezeichnet und ihm und Jarchow die Fähigkeit zur Führung eine Spitzenklubs abgesprochen. Kreuzer war im Sommer vom Karlsruher SC gekommen. Jarchow formulierte seine Kritik an Kühne etwas vorsichtiger; er moniert vor allem, dass der Hamburger Milliardär allein über die Presse kommuniziere. Und nicht direkt mit den Beteiligten.

          Natürlich ist an Kühnes Worten viel Wahres. In Jarchows zweieinhalb Jahren Präsidentschaft ist nichts besser geworden. Die von ihm versprochene Stetigkeit in Führung und spielendem Personal hat der HSV verfehlt. Aber zu Sündenböcken wollen sich Jarchow und Kreuzer nicht machen lassen. Sie sind näher zusammengerückt und wirken gerade wild entschlossen, ihre Posten beim HSV abzustützen - gegen Kühne. Was nicht so schwer ist, denn der Mann hat weder Mandat noch Funktion im Klub. Und es wird wohl auch so sein, dass die Rufe der Fans nach fremden Millionen verhallen, sollte van Marwijk das Team stabilisieren und erst einmal ins Mittelfeld führen. Schon jetzt zeichnet sich eine gewisse Abneigung vieler Fans gegen einen Geldgeber ab, der offenbar doch sehr gezielt Einfluss nehmen will auf das operative Geschäft. So gesehen, wäre Kühnes Medienoffensive übers Ziel hinaus geschossen.

          Der „Drittliga-Manager“: Oliver Kreuzer

          Es wird ja gern so getan, als seien alle aus dem „Supporters Club“, der Fan-Vereinigung beim HSV, einem Lager zuzuordnen. In Wahrheit sind nur etwa 1000 dieser 70.000 Personen „politisch“ aktiv, also rege am Vereinsleben interessiert. Von ihnen dürfte die Mehrheit für eine Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Gesamtverein sein, aber die Minderheit für einen Investor à la Kühne.

          Die Männer von „HSVplus“

          Mitgliederversammlungen sind immer stark stimmungsabhängig. Bei der nächsten im Januar will die Reformbewegung „HSVplus“ den Antrag zur Ausgliederung stellen - ehemalige Profis wie Holger Hieronymus, Dietmar Jacobs und Thomas von Heesen tragen sie, der einstige Chef-Kontrolleur Ernst-Otto Rieckhoff hat sie erdacht. Ob es dann zu einem Durchbruch in diese Richtung kommt - erforderlich ist eine Dreiviertelmehrheit -, wird entscheidend vom Tabellenstand der Profis abhängen: Befreit van Marwijk sie aus der bedrohlichen Lage, dürfte manchem Fan die Situation des HSV weniger ernst vorkommen, als wenn Hamburg Siebzehnter wäre. So etwas kann das Abstimmungsverhalten extrem beeinflussen.

          Die Männer von „HSVplus“ haben sich beide Richtungen offen gehalten: Rieckhoff hat angedeutet, mit Kühne paktieren zu wollen. Doch an den Kragen will er Jarchow und Kreuzer nicht. Allerdings könnte es nach einer Ausgliederung und mit in Aussicht gestellten Millionen fremden Kapitals ganz schnell gehen mit Kühne und dessen Trumpfkarte Felix Magath - schließlich sind viele Fans mit Jarchows Arbeit auch nicht besonders zufrieden. Zur weiteren Gemengelage gehört ein Aufsichtsrat, der eigene Ziele verfolgt: Chef Manfred Ertel stützt Kreuzer, wo er kann - weil er ihn unbedingt haben wollte und durchsetzte. Andere Räte wie Jürgen Hunke halten sich selbst für den besseren Vorstandsvorsitzenden.

          Der Hamburger SV bleibt ein Pulverfass. Ein Funke, und alles geht hoch. Der 61 Jahre alte Bert van Marwijk soll ja ein gelassener Mann sein, der keinem mehr etwas beweisen muss. Grabenkämpfe dürfte er als ehemaliger niederländischer Nationalcoach zu Genüge kennen. Es wäre das Beste, er ließe sich die vertrackte Hamburger Gemengelage gar nicht erst erklären, nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Sein Landsmann Martin Jol verfuhr in der Saison 2007/2008 so. Der HSV wurde Fünfter.

          Hamburger SV - SpVgg Greuther Fürth 1:0 (0:0)

          Hamburger SV: Adler - Westermann, Tah, Djourou, Jansen - Arslan (82. Sobiech), Badelj - Beister (90.+1 Lam), van der Vaart, Calhanoglu - Lasogga (84. Zoua)
          SpVgg Greuther Fürth: Hesl - Brosinski, Korcsmar, Mavraj, Baba - Fürstner (77. Füllkrug), Sparv - Weilandt (72. Drexler), Trinks (89. Kleine), Stieber - Azemi
          Schiedsrichter: Stegemann (Niederkassel)
          Zuschauer: 26 842
          Tor: 1:0 Lasogga (64.)
          Gelbe Karten: Beister / Fürstner, Mavraj

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