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Van Gaal gegen Mourinho : Die Stunde der Strategen

Hat durch Resultate in höchster Not Zeit bekommen: Louis van Gaal Bild: REUTERS

Im Champions-League-Finale entscheiden List und Magie der Trainer van Gaal und Mourinho. Damit findet die Saison der Trainer ihren Höhepunkt. Und zwar jener Art Trainer, die für die Entfaltung ihrer Wirkung nicht viele Jahre benötigt.

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          Trotz Messi oder Ronaldo - es ist im europäischen Fußball nicht die Saison der Stars. Auch nicht die des Geldes, der Megatransfers wie bei Real Madrid oder Manchester City. Und ebenso wenig die der Dynastien und „Philosophien“, der seit Jahrzehnten auf ein fixes Spielverständnis hin getrimmten Teams wie Barcelona oder Manchester United. Nein, es ist die Saison der Trainer. Und zwar jener Art Trainer, die für die Entfaltung ihrer Wirkung nicht viele Jahre benötigt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Im Finale der Champions League stehen am nächsten Samstag Louis van Gaal und José Mourinho, deren taktisches Tuning und präzise Kommunikation es ermöglichte, dass ihre Teams Favoriten wie ManUnited oder Barça ausschalteten. In England hat Carlo Ancelotti in seiner ersten Saison bei Chelsea mit risikofreudigem Fußball den Titel gewonnen. Roy Hodgson führte den FC Fulham, den VfL Bochum Englands, ins Finale der Europa League.

          In der Bundesliga führte Felix Magath Schalke aus dem Mittelmaß in die Champions League. Christian Gross übernahm den VfB Stuttgart in der Abstiegszone und machte ihn zum besten Team der Rückrunde. Und Neuling Thomas Tuchel war vom ersten Tag an eine Entdeckung in Mainz. Diese Trainer haben eines gemeinsam: Sie brauchten nicht viel Zeit, um ihr Team zu verändern. Alle hatten sie nahezu sofortigen Erfolg. Genauer gesagt: sofortige Wirkung. Manchmal dauert es ein wenig, bis die Wirkung auch Erfolg hat - so wie bei van Gaal, der dafür rund vier Monate (und damit beinahe zu lange) benötigte.

          Der George Clooney der Trainerbank: Jose Mourinho

          In den letzten Jahren hat die langfristige planerische, ja politische Seite des Trainerjobs eine Aufwertung erlebt, nach dem Vorbild der mächtigen englischen „Manager“ wie Alex Ferguson oder Arsène Wenger. Doch der Wandel des Berufsbildes vom Saisonarbeiter zum Strategen ist eine Idee, die am atemlosen Erwartungstakt der Öffentlichkeit und der hektischen Medienrealität vorbeigeht. „Es ist wie in der freien Wirtschaft“, sagte Ralf Rangnick in der vergangenen Woche der „Süddeutschen Zeitung“, „man wird immer am Gewinn des letzten Quartals gemessen.“

          Jetzt schlagen die Trainer zurück

          Mit dieser Kurzatmigkeit müssen die Trainer der Generation Fußball 2.0 leben. Neben dem impulsiven Jürgen Klopp, der in seiner zweiten Saison Borussia Dortmund aus dem Mittelmaß nach Europa geführt hat, und neben Thomas Schaaf, dem Ruhepol der Bundesliga (elf Jahre beim SV Werder Bremen, mit dem er am Samstag gegen die Bayern sein fünftes Pokalfinale als Trainer bestritt), ist Rangnick der einzige Trainer der Bundesliga, der die Saison bei demselben Klub beendet hat wie vor einem Jahr. Weil er mit dem damaligen Aufsteiger Hoffenheim von Platz eins im Februar 2009 ins hintere Tabellendrittel im Frühjahr 2010 absank, stand er zuletzt in der Kritik. Selbst der Strategietrainer muss immer auch als Impulstrainer spürbar bleiben. Profis, Präsidenten und Medien wachen stets argwöhnisch darüber, ob diese Wirkung nachlässt, ob ein Trainer „die Mannschaft nicht mehr erreicht“, wie es dann heißt.

          Es hilft im wöchentlichen Pulverdampf der Stadien, ein expressiver Charakter zu sein, wie Mourinho, van Gaal, Gross oder Klopp. Deren oft extrovertierter Auftritt wäre nur Schaumschlägerei, wäre er nicht gepaart mit Weitblick und Spielverständnis. Kommt aber alles zusammen, kommt ein Trainer heraus, der Wirkung erzielt und dafür nicht mehr Zeit braucht, als ihm ein durchschnittlich nervöser Präsident oder Sportdirektor einräumt.

          Geld, Stil, Stars, das waren die Zauberwörter im Fußball der letzten Jahre. Jetzt schlagen die Trainer zurück, die Fachleute und Feinarbeiter des Fußballs, die alles sein müssen: penible Tüftler, mitreißende Anführer, listige Schwindler, vor allem schnelle Siegertypen. Nur so können sie die paradoxe Regel ihrer Rolle in den Griff bekommen. Denn in jedem Job braucht man Zeit, um Resultate zu erzielen. Nur im Trainerjob braucht man Resultate, um Zeit zu bekommen.

          Happel und Hitzfeld bekommen Gesellschaft

          Dabei hilft es auch, ein wenig undurchschaubar zu bleiben - so wie der große Ernst Happel, der als erster Trainer mit zwei Klubs Europas bedeutendste Trophäe gewann, 1970 mit Feyenoord Rotterdam und 1983 mit dem Hamburger SV. Das hat seither nur Ottmar Hitzfeld geschafft, mit Dortmund 1997 und den Bayern 2001. Nun wird ein Dritter hinzukommen, denn van Gaal (1995 mit Ajax Amsterdam) und Mourinho (2004 mit dem FC Porto) haben die Champions League jeweils schon gewonnen.

          Während van Gaal durch Auftreten und Sprache auf dem Wege ist, eine Trainer-Kultfigur zu werden wie beim FC Bayern zuletzt Giovanni Trapattoni, kokettiert Mourinho bereits mit einem Wechsel zu Real Madrid. Es wäre ein Experiment, Probe aufs Exempel für die neue Macht der Trainer. Hier der George Clooney der Trainerbank, Verfechter einer Fußballidee, in der der Trainer alles ist - dort der Klub der Galaktischen, in dem ein Trainer nichts ist, nur der Tankwart für die zweibeinigen Ferraris in der Real-Garage.

          Dann könnte ein neues Zeitalter anbrechen: das der Trainervermarktung. Bisher hat man bei Real immer nur Spieler vermarktet und Trainer verheizt. Der FC Chelsea war weitsichtiger, er hat sich schon 2005 auf den Namen Mourinhos Vermarktungsrechte für Parfüm, Enthaarungsmittel, DVD-Player und Hunderte weiterer Produkte gesichert. Bis zu einer „Louis van Gaal Gesichtspflegeserie“ beim FC Bayern ist es aber wohl noch ein weiter Weg.

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