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Uwe Seeler wird 75 : „Jungen Spielern verzeihe ich alles, wenn sie ackern, bissig sind“

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Uwe Seeler wird 75: „Der Mangel hat uns gefestigt“ Bild: dpa

An diesem Samstag feiert Uwe Seeler seinen 75. Geburtstag. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Ausnahmefußballer, die Fehler des HSV und die Gefahren für seinen Lieblingssport.

          5 Min.

          Uwe Seeler galt als einer der besten Mittelstürmer der Welt. Aufgrund seiner Verdienste ernannte ihn der DFB 1972 als zweiten Spieler überhaupt zum Ehrenspielführer, obwohl er nie einen Titel mit der Nationalelf gewonnen hat. Seeler bestritt 72 Länderspiele und fast 500 Spiele für den Hamburger SV, davon 239 in der Bundesliga. An diesem Samstag wird er 75 Jahre alt.

          Worauf müssen die Hamburger länger warten? Auf die Vollendung der Elbphilharmonie oder den Meistertitel für den HSV?

          Ich könnte mit einem Schnack antworten: Willst du den HSV oben sehen, musst du die Tabelle drehen. Im Ernst: Auf den Titel für den Hamburger Sportverein müssen wir auf alle Fälle länger warten. Denn der Umbruch und der Neuaufbau der Mannschaft werden nicht einfach. In diesem Jahr wird es für den HSV am wichtigsten sein, in der Bundesliga zu bleiben. Die müssen fix aufpassen.

          Mittelfristig also keine Perspektive für ihren HSV, in der Champions League mitzumischen?

          Die Champions League ist in weiter Ferne, davon wollen wir mal gar nicht reden.

          Was lief falsch, dass der HSV gegenüber der nationalen Konkurrenz so weit abgefallen ist?

          Ich glaube, dass wir hier im Verein erstens keine Kontinuität gehabt haben. Zweitens wollte man sehr wahrscheinlich mit Gewalt Erfolg erzielen. Geld ist zwar heutzutage das A und O, aber wenn man es falsch ausgibt, bringt es nichts, außer dass man ins Minus fährt. Man hat hier mit Millionen spekuliert. Einzukaufen und eine Mannschaft zusammenzustellen, ist etwas für Fachleute. Jeder glaubt zwar, er wäre ein Fachmann, aber es ist eben doch nicht so einfach. Ich will keine Schuldzuweisungen machen. Aber bei uns im HSV wurden zu viele Fehler gemacht.

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          Wie nah sind sie noch dran an der Mannschaft? Sie sitzen oben auf der Ehrentribüne, gehen Sie aber auch mal runter zur Mannschaft und reden Klartext?

          Nein, überhaupt nicht. Ich bin zwar immer da und freue mich wenn der HSV gut spielt oder gewinnt, aber alles andere müssen die Mannschaft und der Trainer selbst richten. Da kann und will ich nicht eingreifen, das bringt nichts. Dortmund war ja auch mal am Ende, die haben es mit jungen Leuten geschafft.

          Drei Punkte zum Geburtstag als Zugabe aus Leverkusen wären ja ganz schön.

          In Leverkusen sind wir normalerweise die schwächere Mannschaft. Ich wäre schon mit einem Punkt zufrieden. Jungen Spielern verzeihe ich alles, wenn sie ackern und rackern, bissig sind. Früher war ja nicht alles besser. Auch wir hatten Spieler dabei, die waren apathisch. Die dachten dann wohl, dann verlieren wir heute mal. Die hätte ich am liebsten erwürgt. Verlieren gehört zum Sport, aber vorher muss man alles gegeben haben.

          Wer spielt denn für Sie momentan den besten Vereinsfußball?

          An der deutschen Meisterschaft für die Bayern kann keiner dran rütteln. In der Champions League werden sie eine gute Rolle spielen. Und Barcelona ist sicherlich bislang das Nonplusultra, sie spielen nach wie vor den perfekten Fußball.

          Und wie gefällt ihnen Messi?

          Ein Ausnahmefußballer. Für mich bleibt dennoch Pelé der größte Fußballer aller Zeiten, auch wenn Maradona das nicht so gerne hört. Aber jeder, auch Messi, der alles hat, ist an die Kette zu legen.

          Gab es zu ihrer aktiven Zeit Gegenspieler, die ihnen das Leben auf dem Rasen besonders schwer gemacht haben?

          Ich hab viele unangenehme gehabt. In der Oberliga wurde ja mit Doppelstopper gespielt. Wenn ich an einem vorbei war, kam der nächste. Wenn ich zwei, drei Tore geschossen hatte, wurde das nächste Spiel um so grausamer für mich, da wurde ordentlich zur Sache gegangen. Es gab auch welche, die haben überzogen.

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          Verletzungen sind bei Ihnen immer schnell überstanden gewesen. Ist das bis zum heutigen Tag auch so geblieben?

          Heute dauert natürlich alles ein bisschen länger. Die Ärzte sind nach wie vor mit mir zufrieden, auch die OP nach meinem Unfall, als einer vor dem Elbtunnel mit 200 auf mich aufgefahren ist, habe ich gut überstanden.

          Es reicht also weiter zum Golfspielen?

          Damit fang ich jetzt wieder an nach meinem Autounfall vor einem Jahr mit Kopfverletzungen, Folgen für das Rückenmark mit Lähmungserscheinungen. Nach der OP sind die Schmerzen weg, aber die Einschränkungen beim Golfschwung werden wohl bleiben. Ich habe da grundsätzlich keinen großen Ehrgeiz weil ich gar nicht die Zeit dafür habe. Ich hab nie Trainerstunden gehabt, natürlich mache ich nicht alles richtig mit Handicap 26. Ich bin zwar Rentner, beruflich über Adidas aber immer noch eingespannt.

          Gehören Sie zu den Großvätern, die ihre Enkel am Tag ihrer Geburt beim HSV anmelden?

          Nein, das habe ich meinen drei Töchtern überlassen. Einige der sieben Enkel sind Mitglied, ob das alle sind, weiß ich gar nicht. Ich jedenfalls bin seit 1947 Mitglied beim HSV. Nach dem Krieg hat mich mein Vater angemeldet.

          In ihrem Buch „Danke, Fußball!“ erscheint der Fußball in ihrer Erinnerung wie ein Garten Eden. Gibt es diese Idylle noch und sei es auf dem Dorfacker?

          Die Zeiten sind vorbei. Wir haben früher zwar kein großes Geld verdient, ich bekam in der Oberliga 420 Mark im Monat, mein Freund Fritz Walter noch weniger Aufwandsentschädigung, aber ich möchte die Zeit nicht missen. Ich persönlich kann nur sagen: Die Zeit kann man nicht mit Geld bezahlen, weil sie so schön war. Wir spielten seit der Jugend zusammen, hatten viele Gemeinsamkeiten, haben alle Beruf und Fußball kombiniert, das war nicht einfach, vielleicht hat das zusammengeschweißt. Das kann es heute nicht mehr geben. Interpretieren sie mich nicht falsch: Die Fußballer sollen nehmen, was sie kriegen können. Nur, und da sage ich nicht zu viel, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt bei vielen nicht. Ich rede nicht von den Spitzenleuten. Die Vereine leiden alle Not, bis auf ein paar Ausnahmen. Die gehen alle an ihre Grenzen, was die Finanzen angeht.

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          Nun gibt es Leute, für die der Fußball eine Bühne ist, auf der sie sich gewalttätig austoben. Haben sie eine Idee, was zu tun ist, damit es wieder friedlicher wird in und rund um die Stadien?

          Ich glaube das geht nur, wenn der DFB und alle Vereine an einem Strang ziehen. Ich finde die Vorfälle sehr schade für den boomenden Fußballsport. Wir müssen unheimlich aufpassen, weil diese Leute den Fußball kaputt machen. Mit aller Macht sollten alle Vereine dagegen angehen. Wenn meine Mannschaft verliert, dann kann ich zwar traurig sein, aber dann kann ich doch anderen nicht in die Fresse hauen.

          Sie sind Ehrenspielführer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Wie finden sie das aktuelle Team? Gab es je ein besseres mit dem Adler auf der Brust?

          Das ist sehr weit gegriffen. Es gab in einigen Epochen sehr starke, sehr gute Mannschaften. Vergleiche hinken, da würde ich sehr vorsichtig sein. Der aktuelle Jahrgang macht mir unheimlich viel Spaß. Nächstes Jahr bei der Europameisterschaft gehört die Mannschaft, ob sie will oder nicht, mit zu den Favoriten. Ich werde als Delegationsmitglied dabei sein, vielleicht nicht die ganze Zeit, je nach meinen Terminen.

          Und zwei Jahre später die WM in Rio. Mit Uwe Seeler auf der Tribüne?

          Abwarten, das lasse ich auf mich zukommen. Lange Flüge sind nicht mein Ding.

          Neben der Nationalmannschaft müsste ihnen doch auch der Nachwuchs des DFB imponieren?

          Gott sei Dank, wächst da was nach. Das Tal, als gar kein Talent nachgekommen ist, haben wir durchschritten. MV (der ehemalige DFB-Präsident Präsident Meyer-Vorfelder) hat es mit in die Wege geleitet, die Jugendarbeit systematisch zu fördern, die U15 und U16 aufzuwerten. Und siehe da, wir kriegen herausragende Talente. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht überziehen. Das frühe Geld ist eine riesige Gefahr. Spieler werden in jungen Jahren gekauft und entwurzelt. Man muss Mechanismen entwickeln, damit man diese Jugendlichen schützt, Zeit für ihre Entwicklung gibt. Und im Fußball kann alles plötzlich vorbei sein. Darum plädiere ich dafür, dass jemand was gelernt hat, um auch ohne Fußball auf eigenen Füßen stehen zu können.

          Für manche führt die Karriere in die Depression. Gab es im Ansatz vergleichbare Fälle, als sie noch am Ball waren?

          Nee, kenn‘ ich nicht. Wir haben im Grunde eine viel schwierigere Zeit gehabt, aber wir sind behütet aufgewachsen. Vielleicht hatten wir es im gewissen Sinne auch leichter. Der Mangel hat uns gefestigt. Familie und Kinder, das waren die Träume unserer Eltern und so sind meine Frau und ich, wir sind seit 53 Jahren verheiratet, auch gestrickt.

          Bei welchen Gelegenheiten tragen Sie ihr Bundesverdienstkreuz, wenn überhaupt? Der Empfang des HSV zum 75. wäre doch ein passender Anlass?

          Ich habe das Bundesverdienstkreuz angenommen, mich gefreut, aber ich trage es nicht öffentlich zur Schau, das ist hanseatische Zurückhaltung.

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