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In Uruguay endet eine Ära : Der König des Lagerfeuers Oscar Tabarez

  • -Aktualisiert am

Zieht sich zurück: Oscar Tabarez Bild: AP

Oscar Tabarez war für Uruguay mehr als nur ein Nationaltrainer. Nun geht eine der erfolgreichsten Epochen des südamerikanischen Fußballs zu Ende. Einige Spieler weinen ihrem „Lebenslehrer“ Tränen hinterher.

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          Am Ende verloren sie die Geduld: Seit vergangenen Freitag ist Oscar Washington Tabarez nicht mehr Trainer der Nationalmannschaft Uruguays. Eine 0:3-Niederlage in der südamerikanischen WM-Qualifikation beendete eine der längsten und erfolgreichsten Epochen im südamerikanischen Nationen-Fußball.

          Mit tief enttäuschten Minen verließen Luis Suarez, Diego Godin und Fernando Muslera anschließend den Platz in La Paz. Einige Spieler hatten noch auf dem Rasen des Stadions Olímpico Hernando Siles, wo schon so mancher südamerikanischen Star in dünnen Luft in 3637 Meter Höhe plötzlich zum Fußballzwerg schmolz, sogar Tränen in den Augen. Sie wussten wohl um die Lage, in die sie ihren 74 Jahre alten Trainer mit dieser Schlappe gebracht hatten.

          Ein unwürdiges Ende

          Vier Spieltage vor Schluss liegen die „Himmelblauen“ auf Rang sieben nur einen Zähler hinter Kolumbien, das den vierten Platz belegt, der zur direkten WM-Qualifikation reichen würde. Einen Zähler, der angesichts der noch ausstehenden Partien in Paraguay, gegen Venezuela und Peru sowie in Chile durchaus noch aufzuholen gewesen wäre. Für einen Trainer, der es bislang immer schaffte, auf den letzten Metern dieser südamerikanischen Eliminatorias das Beste herauszuholen. Deswegen ist es ein unwürdiges Ende für den vielleicht größten südamerikanischen Nationaltrainer dieses Jahrhunderts.

          Einen seiner größten Erfolge bejubelte der in Montevideo geborene Fußball-Lehrer 2011 im Land des Erzrivalen, als zehntausende Fans den Rio de la Plata überquerten, um in Buenos Aires live dabei zu sein, wie Uruguay das Finale der Copa América 2011 gegen Paraguay gewann und sich zum damaligen Rekordsieger des ältesten Nationenturniers der Welt krönte. Zuvor hatte Uruguay im Viertelfinale in Santa Fe Gastgeber Argentinien und Lionel Messi aus dem Turnier geworfen und für eine der schwärzesten Stunden des argentinischen Fußballs gesorgt.

          In weltweiter Erinnerung aber blieben die fulminanten Auftritte Uruguays bei der Weltmeisterschaft 2010, die sie als Vierter beendeten. Tabarez wurde daraufhin gleich zweimal zu Südamerikas Trainer des Jahres gewählt. Seit er nach 1988 bis 1990 im Jahr 2006 zum zweiten Mal die Nationalmannschaft übernahm, verschlissen Argentinien acht und Brasilien vier Trainer.

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          Bis heute schaut die Welt fasziniert nach Uruguay, weil das Land mit nur 3,5 Millionen Einwohnern eine faszinierende Generation von Weltklassespielern hervorgebracht hat: Diego Forlan, Luis Suarez, Edinson Cavani, Fernado Muslera und Diego Godin gingen für und mit ihrem Trainer durchs Feuer. Und zwar weil der es schaffte aus jedem Treffen mit der Nationalmannschaft ein Heimaterlebnis für jene zu machen, die bisweilen tausende Flugkilometer entfernt ihr Geld verdienten, ihr Herz aber in Uruguay gelassen hatten. Und dieses Herz streichelte Tabarez mit einer Art Lagerfeuer-Mentalität.

          Für die Superstars, die im Alltag all die Hysterie, den Hype und die Verdorbenheit des Weltfußballs in Manchester oder Barcelona miterlebten, waren die Reisen zur Nationalmannschaft eine Reise in die Vergangenheit, in ein ethisch und menschlich anderes Umfeld. Es war wie nach Hause kommen, zu Opa und Oma, denen man Dinge anvertraut, die man sonst niemanden erzählt.

          Der „Maestro“, wie sie ihn nannten, war für die Spieler mehr als nur ein Trainer. Er war ein Lebenslehrer. Einer der auf Pressekonferenzen abschweifen und plötzlich über den Sinn des Lebens sinnieren konnte. Dass er in den letzten Jahren die Unterstützung von Gehhilfen benötigte, weil er am Guillain-Barré-Syndrom erkrankte, verstärkte diesen Mythos des alten, weisen Mannes noch.

          Uruguay steht nun am Wendepunkt seiner Fußballgeschichte. Vier Spiele bleiben der Generation um Luis Suarez noch, um es ein letztes Mal auf die große Bühne des Weltfußballs zu schaffen. Selbst wenn dies gelingen sollte, wird nichts mehr so sein wie es einmal war. Alle seine bisherigen 123 Länderspiele absolvierte Suarez unter Tabarez. Vielleicht rang er deshalb nach dem Spiel in La Paz mit den Tränen.

          Diego Godin verabschiedete den Trainer mit den Worten, die am besten das Gefühl der Verbundenheit beschrieben: „Ich möchte Ihnen danken, für alles was Sie mich gelehrt haben und für all die Hilfe, die Sie mir in meinem Leben und meiner professionellen Karriere zuteil werden ließen.“

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