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Unser täglich Sportbuch (4) : „Jeder seiner Pässe war ein Kunstwerk“

Auf der Buchmesse hielt Luiz Ruffato die literarische Eröffnungsrede. Bild: Fiechter, Fabian

Der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato hat eine Sammlung von Fußball-Geschichten herausgegeben. Im Interview spricht er über die Genialität des vergessenen Gérson, Poesie im Fußball und die Unzufriedenheit in seiner Heimat.

          Finden Sie, dass in einem Fußballspiel Poesie steckt?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auf jeden Fall. Ein gut gemachtes Tor. Wenn der Ball zwischen den Füßen mehrerer Spieler hin- und herläuft, ästhetisch perfekt, und in einem Tor endet, oder auch nur in einem Schuss aufs Tor. Dann ist das pure Poesie.

          Welches ist der poetischste Fußballmoment, an den Sie sich erinnern?

          Der wichtigste Moment im Fußball war für mich, als Flamengo, meine Mannschaft aus Rio, den Weltpokal gegen Liverpool gewann. Das Finale fand 1981 in Tokio statt, lief bei uns im Morgengrauen. Dieses phantastische Spiel werde ich nie vergessen.

          Welcher brasilianische Spieler hat für Sie am meisten Poesie?

          Das ist kurios. Für mich ist das nämlich ein Spieler, an den sich kaum einer erinnert. Ein Spieler der Seleção von 1970 mit dem Namen Gérson. Er spielte im Mittelfeld, und er wusste immer, wo auf dem Platz seine Mitspieler waren - ohne hinzusehen. Er spielte mit dem Rücken zum gegnerischen Tor. Aber wenn er den Ball bekam und sich umdrehte, wusste er genau, wohin damit. Er hatte diese unglaubliche räumliche Wahrnehmung. Er spielte kaum einen Fehlpass, der Ball landete direkt auf den Füßen seiner Mitspieler. Jeder seiner Pässe war ein Kunstwerk.

          Marcel Reich-Ranicki, der kürzlich verstorbene Literaturkritiker, hat einmal gesagt, dass Fußball für viele Kunstersatz sei. Sehen Sie das auch so?

          Es gibt zwei Dinge, die sind fundamental für das Menschsein: die Kunst und der Wettkampf. Die Evolution des Menschen beruht auf dem Wettkampf. Der Fußballplatz repräsentiert ein Schlachtfeld. Darauf werden zwei gegnerische Gruppen gesetzt, es geht um Strategie, um das Fortbestehen. Deshalb steckt im Fußball diese Leidenschaft. Auf dem Platz gibt es Dramen, Tragödien, Komödien.

          Ersetzt der Fußball so die Literatur?

          Ich weiß nicht, ob der Fußball die Literatur ersetzt. Wenn man eine Sache durch eine andere ersetzt, dann heißt das ja, dass sie in Konkurrenz zueinander stehen. Und das ist in Brasilien nicht der Fall. Die Menschen haben kaum Kontakt zur Literatur, weil ihnen die Bildung fehlt, weil das Bildungssystem miserabel ist. Deshalb ist der Fußball für viele die einzige Möglichkeit, die Emotionen zu erleben, die auch in der Literatur stecken.

          3:0 gewann die brasilianische Nationalmannschaft das Confed-Finale gegen Spanien. Bilderstrecke

          Was sagt der Fußball über die brasilianische Gesellschaft aus?

          Da möchte ich ein konkretes Beispiel geben: Im Finale des Confed-Cups, Brasilien gegen Spanien, war das Maracanã ausverkauft, waren die Tribünen voll. Aber da waren nur Weiße, Mittelschicht, schön und reich. Und wer spielte unten auf dem Platz? Schwarze, die aus den unteren Schichten kommen. Das spiegelt Brasilien ziemlich genau wider: Die Spieler, die schwarze Bevölkerung schwitzt die Trikots voll, um den Weißen ein Spektakel zu bieten. Zwei Welten, die nicht miteinander kommunizieren.

          Hat der Fußball keine verbindende Kraft?

          Der Fußball ist einer der wenigen Momente, ich glaube sogar, der einzige Moment, in dem sich die Brasilianer wirklich als Nation fühlen. Wenn die Seleção spielt, dann steckt eine Familie aus der gehobenen Mittelschicht in der gleichen Gefühlslage wie eine Familie aus der untersten Schicht. Das sind echte Emotionen. Aber nur für diesen Moment, für dieses Spektakel. Ist das Spiel vorbei, leben die Menschen ihre Leben. Die Reichen gut wie immer. Die Armen schlecht. Wie immer.

          Vor dem Eröffnungsspiel des Confed-Cups wurde Präsidentin Dilma Rousseff im Stadion ausgepfiffen. In den Straßen gab es gewaltige Proteste. War das auch die Mittelschicht?

          Brasilien ist ein sehr komplexes Land. Es gibt gerade eine generelle Unzufriedenheit. Aber jeder Teil der Gesellschaft hat seine Gründe. Die brasilianische Bourgeoisie ist mit der Regierung der Arbeiterpartei gar nicht so unzufrieden, weil es für diese Klasse egal ist: Die Regierungen kommen, die Regierungen gehen, die Reichen bleiben reich und machen ihre Geschäfte. Die obere Mittelschicht ist unzufrieden, weil Brasilien ganz grundlegende Probleme nicht in den Griff kriegt. Die Schulen sind mies, das Gesundheitssystem ist miserabel, öffentliche Sicherheit gibt es an vielen Stellen nicht. Das sind für mich absolut legitime Gründe. Aber die gehobene Mittelschicht hat auch Gründe, die diskutabel sind: Sie hat Angst, Privilegien zu verlieren. Die staatlichen Universitäten zum Beispiel waren lange denjenigen vorbehalten, die sich teure Privatschulen leisten konnten. Die Regierungen der Arbeiterpartei haben nun Quoten eingeführt, Quoten für Schwarze und Quoten für sozial Schwache. Das bedeutet, dass die weiße Mittelschicht Plätze verliert. Auch deshalb ist sie unzufrieden. Das gibt den Protesten, finde ich, einen Beigeschmack.

          Und die unteren Schichten?

          Die erleben die großen Schwierigkeiten Brasiliens hautnah: Bildung, Gesundheit. Dazu kommen Probleme im öffentlichen Nahverkehr. Und Banditen und Polizisten, was in Brasilien oft dasselbe ist.

          Nelson Rodrigues, Schriftsteller und Fußball-Kolumnist, hat Brasilien einst einen „Straßenköterkomplex“ attestiert; ein Minderwertigkeitsgefühl, das er auf die Niederlage im WM-Finale 1950 im eigenen Land zurückführte. Gibt es den noch?

          Ohne Zweifel. Wir haben diesen „Straßenköterkomplex“, dieses Gefühl, dass alle anderen wichtiger sind als wir selbst. Der Grund dafür liegt in der Geschichte, weniger in der Niederlage 1950. Der Komplex ist die Folge einer Gesellschaft, in der eine kleine Elite die große Mehrheit der Bevölkerung auf brutale Art und Weise dominierte. Man muss sich nur klarmachen, dass zum Zeitpunkt der WM 1950 das Ende der Sklaverei in Brasilien gerade einmal 60 Jahre zurücklag. Die Sklaverei ist eine extrem brutale Angelegenheit, vielleicht eine der barbarischsten überhaupt. Das hat Narben hinterlassen. Dieses Gewicht lastet noch heute auf der brasilianischen Mentalität.

          Und wenn Brasilien 2014 im eigenen Land Weltmeister würde?

          Das würde nichts ändern. Diese Fußballepisoden gehen vorüber. Als wir 1970 zum dritten Mal Weltmeister wurden, war die Militärdiktatur in Brasilien auf ihrem Höhepunkt. Die Gesellschaft hat der Fußball nicht verändert. Nichts wurde besser, nichts wurde schlechter. Auch nicht durch den vierten und fünften Titel.

          Werden Sie denn ins Stadion gehen?

          Ich würde gerne. Aber es gibt zwei Probleme: Brasilien ist riesig. Es wird Spiele in Manaus geben, das sind fünf Flugstunden von São Paulo, wo ich lebe. Zweitens sind die Eintrittskarten sehr teuer. Und Schriftsteller verdienen nicht gerade viel in Brasilien.

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