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Unser täglich Sportbuch (4) : „Jeder seiner Pässe war ein Kunstwerk“

Vor dem Eröffnungsspiel des Confed-Cups wurde Präsidentin Dilma Rousseff im Stadion ausgepfiffen. In den Straßen gab es gewaltige Proteste. War das auch die Mittelschicht?

Brasilien ist ein sehr komplexes Land. Es gibt gerade eine generelle Unzufriedenheit. Aber jeder Teil der Gesellschaft hat seine Gründe. Die brasilianische Bourgeoisie ist mit der Regierung der Arbeiterpartei gar nicht so unzufrieden, weil es für diese Klasse egal ist: Die Regierungen kommen, die Regierungen gehen, die Reichen bleiben reich und machen ihre Geschäfte. Die obere Mittelschicht ist unzufrieden, weil Brasilien ganz grundlegende Probleme nicht in den Griff kriegt. Die Schulen sind mies, das Gesundheitssystem ist miserabel, öffentliche Sicherheit gibt es an vielen Stellen nicht. Das sind für mich absolut legitime Gründe. Aber die gehobene Mittelschicht hat auch Gründe, die diskutabel sind: Sie hat Angst, Privilegien zu verlieren. Die staatlichen Universitäten zum Beispiel waren lange denjenigen vorbehalten, die sich teure Privatschulen leisten konnten. Die Regierungen der Arbeiterpartei haben nun Quoten eingeführt, Quoten für Schwarze und Quoten für sozial Schwache. Das bedeutet, dass die weiße Mittelschicht Plätze verliert. Auch deshalb ist sie unzufrieden. Das gibt den Protesten, finde ich, einen Beigeschmack.

Und die unteren Schichten?

Die erleben die großen Schwierigkeiten Brasiliens hautnah: Bildung, Gesundheit. Dazu kommen Probleme im öffentlichen Nahverkehr. Und Banditen und Polizisten, was in Brasilien oft dasselbe ist.

Nelson Rodrigues, Schriftsteller und Fußball-Kolumnist, hat Brasilien einst einen „Straßenköterkomplex“ attestiert; ein Minderwertigkeitsgefühl, das er auf die Niederlage im WM-Finale 1950 im eigenen Land zurückführte. Gibt es den noch?

Ohne Zweifel. Wir haben diesen „Straßenköterkomplex“, dieses Gefühl, dass alle anderen wichtiger sind als wir selbst. Der Grund dafür liegt in der Geschichte, weniger in der Niederlage 1950. Der Komplex ist die Folge einer Gesellschaft, in der eine kleine Elite die große Mehrheit der Bevölkerung auf brutale Art und Weise dominierte. Man muss sich nur klarmachen, dass zum Zeitpunkt der WM 1950 das Ende der Sklaverei in Brasilien gerade einmal 60 Jahre zurücklag. Die Sklaverei ist eine extrem brutale Angelegenheit, vielleicht eine der barbarischsten überhaupt. Das hat Narben hinterlassen. Dieses Gewicht lastet noch heute auf der brasilianischen Mentalität.

Und wenn Brasilien 2014 im eigenen Land Weltmeister würde?

Das würde nichts ändern. Diese Fußballepisoden gehen vorüber. Als wir 1970 zum dritten Mal Weltmeister wurden, war die Militärdiktatur in Brasilien auf ihrem Höhepunkt. Die Gesellschaft hat der Fußball nicht verändert. Nichts wurde besser, nichts wurde schlechter. Auch nicht durch den vierten und fünften Titel.

Werden Sie denn ins Stadion gehen?

Ich würde gerne. Aber es gibt zwei Probleme: Brasilien ist riesig. Es wird Spiele in Manaus geben, das sind fünf Flugstunden von São Paulo, wo ich lebe. Zweitens sind die Eintrittskarten sehr teuer. Und Schriftsteller verdienen nicht gerade viel in Brasilien.

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