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Unser täglich Sportbuch (2) : Ein Leben für den Fußball

Ronald Reng: Spieltage: Die andere Geschichte der Bundesliga, Piper, 480 Seiten, 19,99 Euro. Bild: Verlag

Es scheint fast, als hätten sich höhere Mächte gegen das einstige Glückskind Heinz Höher verschworen. Die Biographie des ehemaligen Bundesligatrainers ist eine lebendige Rückschau auf 50 Jahre Bundesliga.

          Dass einem das beste Thema einfach so zufliegt, kommt schon einmal vor. Dass es sich aber im wahrsten Sinne ins Flugzeug setzt und einen zu Hause besucht, um auf seine Dringlichkeit aufmerksam zu machen, das ist dann doch recht ungewöhnlich. Und so beginnt Ronald Reng sein Buch „Spieltage“ genau mit dieser Begebenheit: dem Telefonat mit einem Heinz Höher, dessen Name Reng nicht gleich zuordnen kann, der aber dann, als die Identität geklärt ist, auf ein persönliches Treffen dringt.

          Und, nachdem das erste Gespräch im Unverbindlichen endet, eine Stunde später noch einmal anruft und Reng mitteilt, dass er „diesen Donnerstag“ das Flugzeug nach Barcelona nehme und bis Dienstag bleiben werde: „Ich möchte Ihnen etwas erzählen. Ich muss Ihnen etwas erzählen.“

          Was Höher, der frühere Bundesligatrainer, dem in Barcelona lebenden Journalisten und Autoren Reng erzählt hat, ist tatsächlich großer Stoff. Die Geschichte eines Mannes, der für den Fußball lebt, dann aber gleich doppelt fallen gelassen wird: vom Fußball und vom Leben. Was einerseits damit zu tun hat, dass Höher, dem als jungem Mann alles leicht, vielleicht zu leicht fiel, ein bisschen oft „zwei Bier und einen Klaren“ trinkt, was Reng zu einem beklemmenden Running Gag in seinem Buch verarbeitet. Dem man aber unrecht täte, wenn man alles, was im späteren Leben schief ging, darauf zurückführte.

          Mehr als eine Biographie

          Es scheint fast, als hätten sich höhere Mächte gegen das einstige Glückskind Höher verschworen. Den größten Moment seiner Trainerlaufbahn, die Uefa-Cup-Qualifikation mit dem 1.FC Nürnberg 1988, kann er schon nicht richtig genießen, weil er weiß, dass zwei seiner besten Spieler, Stefan Reuter und Roland Grahammer, zum FC Bayern wechseln werden. Zwei Jahre später, im Mai 1990, Höher hat den „Club“ längst verlassen, erhält er einen Anruf: Sein ältester Sohn ist schwer verunglückt. Nach drei Tagen entscheidet sich das Ehepaar Höher, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten. Es ist der Moment, der aus einem labilen Mann im allmählichen Niedergang einen tragischen Fall macht.

          Ronald Reng

          Das alles taugte allemal zu einer berührenden Biographie, die gewiss auch ein Liebhaberpublikum fände – schließlich hat Höher einige Stationen hinter sich: von den Anfängen als Spieler in Leverkusen über seine Trainer-Engagements in Essen, Bochum, Duisburg, Düsseldorf und Nürnberg, dazu Gastspielen in Griechenland und Saudi-Arabien. Rengs Kunstgriff aber ist es, Höher nicht für sich zu nehmen, sondern als Figur, in der sich 50 Jahre Bundesliga spiegeln. „Die andere Geschichte der Bundesliga“ lautet der Untertitel, und man verspricht gewiss nicht zu viel, wenn man sagt, dass auf diesen 470 Seiten mehr Leben und letztlich auch mehr Fußball steckt als in allen Jubiläumsbänden und offiziösen Selbstdarstellungen der höchsten deutschen Fußballklasse zusammen.

          Dabei schon als Spieler

          Höher war als Spieler dabei, als 1963 der Ball zum ersten Mal in der Bundesliga rollte; er erlebte ihren ersten großen Skandal 1970/71 aus nächster Nähe. Und er erlangte selbst Berühmtheit, als im Oktober 1984 Spieler des 1.FC Nürnberg gegen ihn rebellierten – Präsident Gerd Schmelzer aber lieber ein paar Profis raus warf als den von ihm verehrten Trainer. Natürlich könnte man es für eine Schwäche des Buches – oder des Konzepts – halten, dass Höher spätestens seit Mitte der 1990er Jahre von der Bundesliga so weit entfernt ist wie die heutige Showbranche von den Anfängen 1963.

          Dann aber bringt ihn die Entdeckung des Talents Juri Judt im Rahmen seiner „Höheren Fußballschule“ noch einmal der großen Profiwelt nahe, und die Episode von der geradezu manischen und dabei schier erdrückenden Fürsorge für den jungen Mann ist noch einmal ein kleines Buch im Buch. Und am Ende dieser großartigen, fesselnden und auch sehr traurigen Lebensgeschichte, kann man sich gegen diesen Gedanken gar nicht wehren: Dass jetzt, da der „Club“ mal wieder einen neuen Trainer sucht, irgendwo in Nürnberg Heinz Höher sitzt und sich auch mit 75 Jahren noch nach diesem Posten sehnt – den er einst aufgab ohne zu ahnen, dass er den Weg zurück nie mehr finden würde.

          Ronald Reng: Spieltage: Die andere Geschichte der Bundesliga, Piper, 480 Seiten, 19,99 Euro.

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