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Unser täglich Buch : Die Schalker haben das Tiki-Taka erfunden

Das Ruhrgebiet als Fußballheimat: Christoph Biermanns Buch über den Fußball im Pott Bild: Kiepenheuer&Witsch

Von wegen Maloche: Im Ruhrpott wurde früher schön gekreiselt. Das hat Christoph Biermann in seinem Buch „Wenn wir vom Fußball träumen“ beschrieben.

          Kär, watt war datt wieder für ein Remmidemmi vorige Woche. Königsblau gegen Schwarz-Gelb, zwei Vereine, deren Anhänger sich verabscheuen, zwei Klubs, die vieles trennt, aber dennoch eines vereint: das Ruhrpott-Feeling, das hüben wie drüben hochgehalten wird, weil es sich gut lebt vom Image der Malocher. Es dient zur Integration, weil die Fans damit emotional bei der Stange gehalten werden, und es hilft zur Abgrenzung, weil man sich scheinbar nicht gemein macht mit Geldsäcken wie denen vom FC Bayern. Der FC Schalke 04 gibt sich als Klub der Knappen, hat in Erwin ein mittlerweile zwanzig Jahre altes Maskottchen, das einen gutmütigen Bergmann darstellt. Borussia Dortmund hat einen Trainer, der aus Schwaben kommt, aber ständig von Malochen spricht und eine Zeitlang sogar eine Kappe mit der Aufschrift „Pöhler“ trug. „Pöhler“, das ist im Pott ein Straßenfußballer, wie er allseits anerkannt wird, anders als der „Fummler“, der aus einem hart und ehrlich arbeitenden Kicker-Kollektiv heraussticht und als Schönspieler verschrien ist.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Mythos lebt, weil er gut für die Eigenvermarktung der Vereine ist - aber stimmt er überhaupt? „Das Ruhrgebiet ist besessen von der Idee des Malochens“, schreibt Christoph Biermann in seinem jüngst erschienenen Buch „Wenn wir vom Fußball träumen“, um dann die Klischees aufzuzählen, die einen Zusammenhang zwischen dem Strukturwandel im Ruhrgebiet und bei den dort beheimateten Vereinen stark relativieren.

          Maloche als Ursprungsmythos

          Die Maloche, die als Ursprungsmythos des Ruhrpott-Fußballs herhalten muss, gehört beileibe nicht zu den größten Errungenschaften, wie ein Blick zurück in die glorreichste Schalker Zeit zeigt. Denn die Mannschaft, die zwischen 1934 und 1942 sechsmal die deutsche Meisterschaft gewann, war nicht von Feld-Arbeitern geprägt, sondern von Ballkünstlern. Sie spielte Tiki-Taka, als die Spielidee noch gar keinen spanischen Namen trug. Der „Schalker Kreisel“ lebte, nach damaligem englischen Vorbild, mehr vom Ballzauber als vom Kampf mit aufgekrempelten Ärmeln. „Wir haben immer gesagt, der Ball muss laufen. Unser Spiel lief hinterher fast maschinenmäßig - wie eine Uhr“, erklärte Ernst Kuzorra, der mit seinem Schwager Fritz Szepan und anderen Talenten der 30er und frühen 40er Jahre die Zuschauer zum Staunen und die Experten zum Schwärmen brachte.

          Auch das Team von 1958, das Schalke die letzte Meisterschaft bescherte, lebte mehr von der Ballzirkulation als von der Maloche kantiger Kerle, wie Biermann in seinem bestens recherchierten Buch zu berichten weiß. „Bergleute, Stahlwerke, das war harte Arbeit, daher kam der Glaube, hier werde auch verbissen und hart gespielt“, erzählte der Meisterspieler Willi Koslowski dem Autor. Trotzdem wirkt das Klischee bis in die Familien heutiger Fußballprofis hinein, wie Julian Draxler aus den Gesprächen mit seinem Vater weiß: „Wenn er der Meinung ist, dass ich auf Schönspielerei gesetzt habe, erinnert er mich gern daran, dass Schalke ein Malocherverein ist, dass man sich hier erst mal den Arsch aufreißen muss, bevor man Hacke, Spitze, eins, zwei, drei spielen darf.“ In Wirklichkeit war früher alles besser.

          Christoph Biermann: Wenn wir vom Fußball träumen. Eine Heimreise. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2014, 256 Seiten, gebunden 18,99 Euro, eBook 16,99 Euro.

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