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Unser täglich Sportbuch : Mit Wiener Schmäh

Sehr österreichisch: Tonio Schachingers „Nicht wie ihr“ Bild: dpa

Ein Fußball-Roman, der Spaß bereitet beim Lesen: Mit unterhaltsamen Doppelpässen aus Fiktion und Realität erzählt Tonio Schachinger ein Jahr aus dem Leben eines selbstverliebten Fußball-Stars.

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          Ivo Trifunović lebt in einer Welt, von der viele träumen: Er ist erfolgreicher Fußballprofi – talentiert, von Fans verehrt und über die Maßen reich. In seinem Roman „Nicht wie ihr“ erzählt Tonio Schachinger mit unterhaltsamen Doppelpässen aus Fiktion und Realität ein Jahr aus dem Leben des selbstverliebten Stars. Zwölf Monate, in denen der 27-Jährige, der beim FC Everton in der Premier League 100.000 Euro in der Woche verdient, in seiner Freizeit am liebsten in seiner Luxuskarosse durch die Gegend fährt: „Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt.“ Als dabei seine Jugendliebe Mirna aus heiterem Himmel den Weg kreuzt, erhält der Alltag des zweifachen Familienvaters abseits des Platzes, wo ihm niemand so schnell etwas vormacht, eine zusätzliche Spannung, die auch seinen Karriereplan beeinflusst.

          Der hochbegabte Trifunović, der schon mit 20 beim FC Chelsea anheuerte, zwischenzeitlich beim HSV landete und nun vor einem Wechsel zu einem chinesischen Kunstklub oder dem traditionsreichen AS Rom steht, will alles sein, nur keine dieser „seelenlosen Maschinen, die jedes Jahr aus den deutschen Akademien strömen, ohne eine Ahnung von der Welt oder sich selbst, die 500 Pässe spielen können mit einer Quote von 94 Prozent, aber keinen einzigen, der ihnen selbst einfällt“.

          Der österreichische Nationalspieler mit persönlichen Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien, unverkennbar charakterisiert durch Bezüge zu leibhaftigen Paradiesvögeln der Branche wie dem ehemaligen Bremer Marko Arnautović, deren Social-Media-Accounts Schachinger ein Quell der Inspiration waren, ist getrieben von der Suche nach einem Wohlgefühl, das vor allem mit der Jagd nach dem Ball verbunden ist. Trifunović ist überzeugt, dass bei der Hatz zwischen den Strafräumen für ihn die Wirklichkeit abgebildet wird: die Begeisterung, wenn sich Siege feiern lassen, jedoch auch die tristen Momente des Alleinseins, wenn einen der Trainer aus der Startaufstellung streicht oder eine Verletzung Pläne längerfristig durchkreuzt. „Heute vor einem Jahr war Ivo ganz oben: Seit September fix qualifiziert für die EM, Doppeltorschütze im Derby gegen Liverpool, hat einem traurigen Steven Gerrard respektvoll die Hand geschüttelt, war glücklich. Heute ist Ivo niedergeschlagen, und morgen wird er es auch sein und übermorgen und überübermorgen, und genau deshalb ist er niedergeschlagen, weil alle Tage gleich sind.“

          Mit der personalen Erzählweise – die Story wird in der dritten Person, aber aus der Perspektive des Protagonisten beschrieben – entsteht Nähe und Distanz zu einer Person, die den Leser mal verstört, dann verzückt – und oft schmunzeln lässt. Das liegt nicht zuletzt an der Sprache, die eine Portion Wiener Schmäh in den Text rührt. „Der Flieger berührt mit den Rädern den Boden, Ivo wacht auf, schaut aus dem Fenster und ein ,Oida‘ liegt da, bereit, von ihm ausgesprochen zu werden. ,Oida.‘“ Wien ist die schönste Stadt der Welt. Ironie der Geschichte: Schachingers Erstlingswerk war von einigen Verlagen mit der Begründung abgelehnt worden, dass es „zu österreichisch“ formuliert sei. Entstanden ist es im „Café Alt Wien“ im Herzen seiner Heimatstadt, wohin sich Schachinger zum Schreiben fernab der häuslichen „Verlockungen des Internets“ zurückzog. Auch eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis gehört zum Lohn der Mühe.

          Nicht wie ihr

          Das 304 Seiten umfassende Buch von Tonio Schachinger erscheint im Verlag „Kremayr&Scheriau“ und kostet 22,90 Euro.

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