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Union Berlin : Wir bauen uns ein Stadion

Rackern von morgens bis abends: Fast 1500 Union-Fans arbeiten an ihrem Stadion Bild: Andreas Pein

Die Anhänger von Drittligaklub Union Berlin packen selbst an und sanieren ihre Fußballarena. Sie arbeiten auf der „geilsten Baustelle der Welt“. Diese unglaubliche Geschichte geht sogar um die Welt. Der Idealismus ist schon der große Gewinner.

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          Andreas ist 44 Jahre und arbeitet eigentlich als Schlosser bei Siemens. Aber jetzt hat er eine Woche Urlaub und packt schon wieder mit an. Freiwillig, ohne Lohn, so wie rund vierzig andere Helfer auch an diesem frostigen Märztag. Bei Andreas aber sprühen die Funken. Zusammen mit Marcel von der Berufsschule, der gerade sein dreiwöchiges Praktikum macht, bearbeitet er mit einem Schneidbrenner einen Stützpfeiler aus Stahl. Auf dem soll bald einer der Verpflegungscontainer an der „Alten Försterei“ stehen, der traditionsreichen Heimat des 1. FC Union Berlin. Wenn alles gut läuft, werden die Fans dort zum Saisonende ihr Bier bekommen und könnten dann auf das neue Stadion anstoßen, den Aufstieg in die zweite Liga - aber vor allem auf sich selbst.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Seit 222 Tagen arbeiten nun mittlerweile fast 1500 Anhänger des Klubs von morgens um sieben bis zum Einbruch der Dunkelheit auf der selbsternannten „geilsten Baustelle der Welt“. Und weil diese Geschichte von den Fans, die sich ihr eigenes Stadion bauen, so unglaublich in diesen Zeiten klingt, geht sie sogar um die Welt. Reporter und Fernsehteams aus der Ukraine, Italien und Frankreich waren schon da, um zu erzählen, was ein Klub aus Köpenick mit wenig Geld und viel Gemeinsinn auf die Beine stellt - nicht weniger als einen Gegenentwurf zu den Einheitsarenen im deutschen und europäischen Profifußball.

          „Ich bin auch nicht nur Präsident eines Fußballvereins“

          Dirk Zingler ist der Präsident von Union und seit vierzig Jahren Fan. Sein Büro sieht nicht aus wie ein Büro eines Fußball-Präsidenten. Es könnte eher ein Architekturbüro sein. Überall an den Wänden hängen Pläne des Stadions, Bauzeichnungen, Computersimulationen. „Ich bin auch nicht nur Präsident eines Fußballvereins. Ich bin auch Oberbauleiter, Betonlieferant und offenes Ohr für alle Sorgen auf dem Bau“, sagt Zingler. In anderen Klubs würde allein der sportliche Erfolg für Begeisterung sorgen. Union Berlin ist souveräner Tabellenführer der dritten Liga, neun Punkte Vorsprung hat das Team, die zweite Liga rückt immer näher. Auf der Tribüne jubelt Fan Zingler auch bei jedem Spiel. Aber der größte Sieg, das ist das Stadion. „Was wir hier machen, ist nachhaltig für die nächsten zehn, zwanzig Jahre.“

          „Ich habe Beton”: Präsident Dirk Zingler kommt zum Glück aus der Baubranche
          „Ich habe Beton”: Präsident Dirk Zingler kommt zum Glück aus der Baubranche : Bild: Andreas Pein

          Die Baustelle. Die freiwilligen Helfer versammeln sich jeden Morgen seit nun fast zehn Monaten. Angeleitet werden sie von sechs professionellen Teamleitern. Die Verantwortung trägt Sylvia Weisheit. Sie ist die Projektleiterin. Sie hat einst in der DDR beim Bau des Fünf-Sterne-Hotels Bellevue eine wichtige Rolle gespielt, zuletzt kümmerte sie sich um den Bau von Gartencentern. Betriebswirtin ist sie auch, Wirtschaft hat sie studiert und Pädagogik. Sylvia Weisheit hat beruflich schon einiges erlebt, „aber so etwas wie hier wird es nicht wieder geben“, sagt sie. „Wie das läuft, ist sensationell.“

          „Dann hätten wir uns nicht getraut, diesen Weg zu gehen“

          An keinem einzigen Tag stand die Baustelle still, selbst in diesem harten Winter. Es ist viel zusammengekommen, um ein Projekt von wundersamer Kraft entstehen zu lassen. Das fängt schon mit den Berufen von Zingler und seinem Präsidiumskollegen Hinze an. „Hinze hat Stahl, ich habe Beton“, sagt der Präsident aus der Baubranche. „Wenn das Präsidium aus einem Schuster und einem Bäckermeister bestanden hätte, dann wäre es gar nicht gegangen. Dann hätten wir uns nicht getraut, diesen Weg zu gehen.“ Es ist ein Weg, der aus der Not entstanden ist.

          Der Deutsche Fußball-Bund lehnte Anfang vergangenen Jahres eine weitere Ausnahmegenehmigung für die Alte Försterei für die dritte Liga ab. Es drohte sogar die baupolizeiliche Schließung. Die Sanierung konnte die Stadt Berlin nicht zahlen. Der Plan, das Grundstück für den symbolischen Preis von einem Euro zu übernehmen, scheiterte an EU-Regelungen. In den Jahn-Sportpark, der die Bedingungen erfüllt, wollte der Klub nicht auf Dauer umziehen. Schließlich bot das zuständige Bezirksamt einen Baukostenzuschuss von 600.000 Euro an - mit der Auflage, dass der Verein selbst Hand anlegt. Sie wagten es.

          „Wer ist Union? Die Vielfalt. Es ist nicht der Köpenicker“

          Was seitdem geschah, empfindet Zingler als eine phantastische Erfahrung. „Wenn man Geld überweist und dann später den goldenen Schlüssel übergeben bekommt, dann ist das zwar schön. Aber es ist nicht mit der Intensität zu vergleichen, mit der hier die Leute mitgebaut und mitgelitten haben. Das kann man nicht mit Geld aufwiegen.“ Jeden Tag kommen neue Menschen auf die Baustelle, mit unterschiedlichen Ausbildungen und Intentionen. „Vom Professor zum Arzt, zum Psychologen, zum Schuster über die Krankenschwester zur Hebamme - jede Berufsgruppe hat hier tagelang gearbeitet. Jeder das, was er konnte“, schwärmt der Präsident. So, wie sie die Menschen beim Bauen kennengelernt haben von ihrer Herkunft und ihrem sozialen Status, so seien sie auch auf den Rängen.

          „Wir haben viel stärker erfahren können: Wer ist Union? Die Vielfalt. Es ist nicht der Köpenicker. Oder die Arbeiterschicht. Für viele ist Union ein Lebensgefühl, der soziale Mittelpunkt - für andere Unterhaltung.“ Aber es geht dem Präsidenten nicht nur um Menschen, es geht ihm auch um die Marke. Deswegen entsteht ein Stadion, das überwiegend aus Stehplätzen besteht. Ein Sitzplatz habe zwar größere Ertragskraft als ein Stehplatz. „Aber wir haben beschlossen, dass wir lieber auf die Vollkommenheit der Kommerzialisierung verzichten, denn sonst würde sich die Marke so verändern, dass wir nicht mehr Union wären“, sagt Zingler. Modern sei das Stadion trotzdem. Es biete Komfort und den Sponsoren auch ihre Plattform. Das muss sein.

          „Ist es Oberklassenmarke à la Maybach oder Golf?“

          Der Präsident redet viel vom Markenpotential. „Ist es Oberklassenmarke à la Maybach oder Golf. Wen sprechen wir an? Diese Erkenntnis ist wichtig, um einen Verein nicht zu überfordern“, sagt er. Vor ein paar Jahren überforderte sich Union. Das kostete Millionen. Sie wollen nun aus eigener Kraft wachsen, ganz langsam und auf ihre Weise. „Denn wenn Union irgendwann die gleiche Marke wäre wie Hertha - was hätten wir dann erreicht?“, fragt Zingler. „Ich wäre enttäuscht.“ Wenn sie mit ihrer Marke nicht allzu viele Fehler machten, dann könnten sie ihre Zuschauerzahlen erheblich erweitern. In der zweiten Liga rechnet der Klub im Schnitt mit 10.000 und 15.000 Fans.

          Das sind aber nur die ökonomischen Fakten. Der Idealismus bei Union ist ohnehin schon der große Gewinner. Der Präsident merkt das bei vielen Gesprächen, gerade in der Krise. Union ist Vorbild geworden. „Der Bau zeigt, dass es auf die Werte ankommt, die Menschen besitzen. Dass wir in einer Wirtschaftskrise mit relativ wenig Mitteln dazu in der Lage sind, zeigt, dass es nicht nur gierige Manager und Spekulanten gibt, die jeden Bezug zu Vermögen verloren haben“, sagt Zingler. „Wir bewiesen bei Union das Gegenteil - hier hat jeder etwas geschaffen.“

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