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Fußball-Kommentar : Ein Reporter namens Szepesi

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Ungarische Reporterlegende: Gyorgy Szepesi (rechts, bei der Veleihung des Fifa-Verdienstordens durch Joseph Blatter im Jahr 2012) ist tot. Bild: dpa

György Szepesi war eine Reporterlegende in Ungarn. 1954 weinte er förmlich die Niederlage beim deutschen „Wunder von Bern“ ins Mikrofon. Nun ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

          Am Mittwoch hat die Deutsche Presse-Agentur vermeldet, dass György Szepesi gestorben ist, ein Mann, dessen Rolle man heute kaum mehr einordnen kann. Szepesi war gewissermaßen der ungarische Herbert Zimmermann, aber natürlich hatte seine Radio-Reportage vom Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 einen anderen Unterton als die, in der schließlich gebrüllt wird: „Aus, aus, aus, das Spiel ist auus ... Deutschland ist Weltmeister!“

          Szepesi wurde 96 Jahre alt, und die Art, wie er diese schmerzhafte Niederlage kommentierte – er soll seinen Bericht förmlich ins Mikrofon geweint haben – gilt als einer der Auslöser dessen, was hinterher in Budapest geschah. Zigtausende enttäuschte Ungarn stürmten auf die Straße, warfen Straßenbahnen um, schlugen Schaufensterscheiben ein, und die Wohnung des Nationaltrainers Gusztav Sebes wurde verwüstet. Manche Leute behaupten, damals habe der von der Sowjetunion niedergeschlagene Ungarn-Aufstand des Jahres 1956 seinen Ausgang genommen.

          Der unglücklichste Spieler auch noch in den folgenden Jahrzehnten war Torwart Gyula Grosics, ein eleganter Mann im schwarzen Trikot, dem vorgehalten wurde, er hätte Rahns Schuss zum 3:2-Siegtreffer eigentlich abwehren müssen. Er war nach dem Ball gesprungen, hatte ihn aber um eine Handbreit verfehlt. Grosicz wurde zum Sündenbock für die Niederlage gemacht, des Landesverrats und der Spionage beschuldigt und in der berüchtigten Zentrale der Staatssicherheit gequält. Schließlich kam er mit Hausarrest und einer Spielsperre davon und wurde zum Provinzklub Tatabanya delegiert. Bis zu seinem Tod mit 88 Jahren kamen ihm die Tränen beim Gedanken an die Niederlage von Bern. Hätte die goldene Mannschaft der Ungarn das Spiel damals gewonnen: Was wäre alles anders verlaufen?

          Aber zurück zu Szepesi. Er wurde in eine jüdische Familie geboren als György Friedländer. Sein Vater war im Konzentrationslager Buchenwald umgekommen, der Sohn musste in der Ukraine Zwangsarbeit leisten. Später promovierte er in Budapest in Sportgeschichte, er galt als strammer Kommunist. Als Radioreporter berichtete Szepesi von 18 Olympischen Spielen und 15 Fußball-Weltmeisterschaften. 1979 wurde er für sieben Jahre Präsident des Ungarischen Fußballverbandes, von 1982 bis 1994 war er Exekutivmitglied des Fußball-Weltverbandes Fifa. 2006 enthüllte der österreichische Publizist Paul Lendvai, welche Kollegen aus seinem Geburtsland Ungarn dem Geheimdienst über ihn berichtet hatten.

          An erster Stelle nannte er György Szepesi, der unter dem Decknamen „Galambos“ geführt gewesen sei. Anscheinend hat er auch Sportler bespitzelt, aber geäußert hat er sich dazu nie – und wir erwähnen diese Geschichten nicht nur anlässlich seines Todes, sondern auch als Beitrag zu der aktuellen Diskussion, was Fußball wirklich mit Politik zu tun hat.

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