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Soziale Rolle des Fußballs : Ausgleich zur Tristesse des Alltags

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Clemens Tönnies (l.) und Uli Hoeneß: Zwei Bundesligaikonen, zwei Fleischfabrikanten diskutierten über die soziale Rolle des Fußballs. Bild: dpa

Hoeneß, Tönnies und Bischof Overbeck diskutieren über die gesellschaftliche Rolle des Fußballs. Selbst der Bayern-Manager hofft auf mehr Engagement der Profis – nicht nur für den eigenen Sport.

          „Da prallen zwei Systeme aufeinander“, sagt Clemens Tönnies, Aufsichtsratschef des FC Schalke 04. Und auf den ersten Blick scheint es grotesk, dass ausgerechnet zwei Verantwortliche für sportliche Großkonzerne wie Schalke 04 und Bayern München über die Frage diskutierten, ob Fußball ein sozialer Klebstoff sei? Ob der runde Ball, der sich in verschiedene Richtungen bewegt, im besten Fall Gesellschaften zusammenhält und heute die Rolle der Religion eingenommen hat? Aufgeworfen hatte die Fragen die „Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik“ (Bapp). Versucht, sie zu beantworten, hat neben Tönnies noch Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern.

          Bei aller wirtschaftlichen Expertise der Unternehmer bleibt das Reden über das Soziale zunächst einmal auf der Strecke. Dafür sitzt der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck mit am Diskussionstisch. Er beklagt, dass der Mensch im Fußball zur Ware werde, wenn er solche Preisschilder umgehängt bekomme wie jüngst Lucas Hernández, französischer Weltmeister, neueste Erwerbung der Münchner Bayern – und 80 Millionen Euro teuer. Muss der Sport in dieser Spirale von Geld und Konkurrenz weitermachen?

          Hoeneß und Tönnies verteidigen mit pragmatischer Verve die für jeden Bürger unvorstellbar hohen Summen, die im Fußballzirkus derzeit zirkulieren. Der Sport habe sich nun einmal professionalisiert, hieß es. Für den Schalker Aufsichtsratschef bedeutet das: so gut werden wie der Wettbewerb. Und ja, bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Fußballbusiness‘ gäbe es ohnehin nur zwei Alternativen: mitmachen, oder es eben sein lassen.

          Eine Lösung, die Kommerzialisierung und soziale Rolle zusammenbringe, gebe es leider nicht, sagte Hoeneß, der gleichzeitig beteuert, sich darüber schon sehr lange Gedanken gemacht zu haben. Um dann immerhin darauf hinzuweisen, dass in der Allianz-Arena der Stehplatz für Dauerkarteninhaber seit Jahrzehnten nur acht Euro koste – umgerechnet auf das einzelne Spiel.

          Die Bundesliga, das saubere Produkt

          Auf Schalke scheint das anders zu sein. Im gebeutelte Ruhrgebiet existiert mehr Armut als im reichen Bayern. Es ist eine der schwächsten Regionen Deutschlands. Hier kommt dem Fußball eine noch stärkere soziale Verantwortung zu, hier wird der Fußball noch stärker als Ausgleich zur Tristesse des Alltags angesehen und trägt zur Identitätsbildung bei. Freilich in Abgrenzung zu anderen: Schalkes Wir-Gefühl nährt sich auch aus einer Anti-BVB-Haltung. Dennoch müssten sich die einkommensschwächeren Fans, so Tönnies, eine Dauerkarte zu fünft teilen.

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          Die vermeintlichen Antipoden Hoeneß und Tönnies drehen dennoch gemeinsam wortreiche Pirouetten. Das reibungslose Funktionieren eines WM-Endturniers stellen sie über Menschenrechtsaspekte, Bayern-Profi Franck Ribéry in der Goldsteak-Affäre als naives Opfer der „sozialen Medien“ dar, Gedanken zu einer europäische Superliga schieben sie beiseite, die Bundesliga preisen sie als sauberes Produkt, in der es sicher kein Doping gebe, Olympia erkoren sie als Heilsbringer eines sozialen Sports aus, weil dort nicht nur die Leistung, sondern auch das Mitmachen zähle. Das hat Hoeneß 1972 selbst erlebt, als er im deutschen Olympia-Team mitspielte. Deutschland als eines der reichsten Länder der Welt könne dies eigentlich wieder einmal veranstalten, hofft er.

          Und nach all den Abschweifungen ins allgemein Moralische ist es einer Frage aus dem Publikum geschuldet, das Thema des Abends wieder auf den Tisch zu bringen. Müssten die großen Fußballklubs nicht ihr außergewöhnliches, öffentliches Ansehen, ihre Bindungskräfte und auch finanziellen Ressourcen, also ihr soziales und wirtschaftliches Kapital, als Katalysatoren nutzen, um Missstände – nicht nur die des Sports –, anzusprechen und anzugehen? Ehrenamtliche Flüchtlings- und Armutsarbeit unterstützen, Projekte ins Leben rufen, die den Amateursport subventionieren und wieder populärer machen?

          Hoeneß verspricht, man werde sich beim FC Bayern Gedanken darüber machen, seine soziale Rolle verantwortungsbewusster in die Öffentlichkeit zu tragen. Vorher hatte er sich noch darüber beklagt, dass die sozialen Aktionen der Münchener wenig öffentlichkeitswirksam seien. Seine soziale Seite ist seit seiner Steuerschuld freilich etwas in Verruf geraten. Hoeneß will sich moralisch ansonsten wenig vorwerfen lassen: „Ich habe nie nach oben gebuckelt und nach unten getreten.“

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