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Uli Hoeneß : „Altersbegrenzung für Päpste“

  • -Aktualisiert am

Angriffslustig wie eh und je: Uli Hoeneß Bild: dapd

Das Münchner Fußball-Familienoberhaupt trifft einen kirchlichen Oberhirten, Uli Hoeneß diskutiert mit Kardinal Lehmann. Und nicht einmal Benedikt XVI. ist vor Kritiker Hoeneß sicher. Der Bayern-Präsident eckt vorsätzlich und gern an.

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          So beschwingt wie im Augenblick hat sich Uli Hoeneß lange nicht gefühlt. Der 59 Jahre alte Präsident des FC Bayern München geriet am Dienstagabend als Gast des 1. FSV Mainz 05 geradezu ins Schwärmen, als er auf die aktuelle Befindlichkeit des Bundesliga-Tabellenführers angesprochen wurde.

          „Ich fühle mich sauwohl“, schwelgte der Patron des größten deutschen Klubs, „der ganze Verein schwebt im Moment. Die Mannschaft spielt phantastisch wie lange nicht, und da auch alle Verantwortlichen an einem Strang ziehen, haben wir im Moment den Idealzustand beim FC Bayern“.

          Nach einem Jahr der sportlichen Niederlagen seines Herzensklubs, des Zerwürfnisses mit dem früheren Trainer Louis van Gaal und ein paar innerbetrieblicher Auseinandersetzungen mit reichlich respektlosen Ultragruppierungen ist Hoeneß mit sich und seiner Fußballwelt wieder im Reinen.

          Weltoffene Lebenshaltung: Kardinal Karl Lehmann
          Weltoffene Lebenshaltung: Kardinal Karl Lehmann : Bild: dpa

          Beim Klassenrivalen begegnete das Münchner Fußball-Familienoberhaupt einem kirchlichen Oberhirten, der sich weit über sein Mainzer Bistum hinaus den Respekt, die Zuneigung und die Liebe der Menschen erworben hat: Karl Kardinal Lehmann. Der 75 Jahre alte katholische Kirchenmann und der wie er aus Schwaben stammende Hoeneß diskutierten am Dienstagabend bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu Gunsten des karitativen Vereins „Mainz 05 hilft e.V: Wir kümmern uns“ über das Thema: „Spiel ohne Grenzen – soziale Verantwortung des Fußballs“.

          Dabei funkelte vor allem Hoeneß’ Rhetorik mit einer Angriffslust, die diesen ehemaligen Stürmer und Weltmeister von 1974 schon immer ausgezeichnet hat. Lehmann, ein alter Freund und Wegbegleiter des Mainzer Spitzenfußballklubs, wirkte dagegen eher moderat und auf Ausgleich bedacht. Manchmal schaute er sein Gegenüber nahezu erstaunt an, wenn der frühere Bayern-Manager wieder einmal offenbarte, dass er sich auch mit bald sechzig nicht so schnell aus der von ihm kreierten „Abteilung Attacke“ im deutschen Fußball zurückzuziehen gedenkt.

          So hatte Hoeneß am Sonntag doch sehr missfallen, dass die Kollegen vom FC Schalke 04 kein öffentliches Wort der Mäßigung an ihre Hardcorefans richteten, bevor der Massensturm der übel inszenierten Entrüstung über die Wiederkehr des früheren königsblauen Idols Manuel Neuer an alter Stätte losbrach. Der nun für die Bayern haltende Nationaltorwart sah sich Hasstiraden gegenüber, die durch geschmacklose Spruchbandparolen noch überwölbt wurden.

          „Wir haben uns unsere Stärke erarbeitet“

          Zwei Tage später sagte Hoeneß zu diesen Vorkommnissen: „Ich habe von den Schalker Verantwortlichen nichts gehört. Wegschauen ist genauso wie Mitmachen, das ist ein Problem unserer Gesellschaft.“ Rumms, da sprach ein Mann, dessen Zivilcourage nirgendwo in Zweifel steht.

          „Wir haben uns“, hob Hoeneß im Namen des FC Bayern hervor, „unsere Stärke erarbeitet und sind keinem Konflikt aus dem Weg gegangen. Wenn es ein Problem in der Kurve gab, bin ich da rüber und habe mich dazwischen geschmissen.“ Und überhaupt wolle er „kein Geld von Leuten, die bereit sind, dem anderen den Schädel einzuschlagen“. Hoeneß hat stets Farbe bekannt und sich dem kontroversen Dialog gestellt, so wie er seine sozialen Verpflichtungen im Verein mit großer Selbstverständlichkeit und ohne Wichtigtuerei zu erfüllen pflegt.

          „Einmal Bayern, immer Bayern“

          „Es war immer mein wichtigstes Credo“, sagte er in Mainz, „dass ich mich um meine Leute kümmere“ – so wie am Dienstag um den brasilianischen Profi Breno, dem das Haus in Grünwald abbrannte. „Da muss ein Verein da sein“, rief Hoeneß aus, der für viele Profis in seinem Klub eine Vaterfigur ist. „Einmal Bayern, immer Bayern“, laute das Bekenntnis derjenigen Spieler, denen die Münchner Fürsorge einmal zuteil geworden sei.

          Es erfülle ihn derzeit mit Stolz, dass die Frau des französischen Stars Franck Ribéry, die lange gebraucht habe, um das Leben in Bayern zu schätzen, sich dort inzwischen so heimisch fühle, dass sie ihren Sohn Saif am Freitag in München geboren habe. Ihr habe imponiert, wie sich der Klub schützend „wie eine Muschel um Franck gelegt“ habe, als der Ballakrobat in eine Rotlicht-Affäre verwickelt war.

          „Ich sehe den Papst nicht als Popstar“

          Ratgeber Leben: Mit dieser Rolle kann sich der Katholik und frühere Ulmer Messdiener Hoeneß jederzeit anfreunden. Dabei eckt er vorsätzlich und gern an – so auch am Dienstag in Mainz, als er kurz vor der Ankunft des deutschen Papstes Benedikt XVI. zu einer Deutschlandvisite überdeutlich zu verstehen gab, dass er kein Anhänger von Joseph Aloisius Ratzinger sei.

          „Ich“, sagte er, „sehe den Papst nicht als Popstar. Ich halte ihn für relativ weltfremd. Er ist auch ein Problem für die katholische Kirche. Die Kirche sollte auch einmal über eine Altersbegrenzung für Päpste nachdenken.“ Nach diesen Sätzen musste der Kardinal, dessen weltoffene Lebenshaltung gerühmt wird, eingreifen. Der Papst, in Duktus und Habitus schon immer entschieden geistlicher als der erdverbundene Karl Lehmann, könne „ein guter bayerischer Kumpel“ sein und komme auch bei jungen Leuten an.

          Nächstenliebe hört sich anders an

          Zum Toleranzverständnis des Kardinals gehörte am Dienstag das Bekenntnis, dass er sich „auch freuen kann, wenn meine Mannschaft nach einem schönen Spiel verliert“. Darauf Hoeneß: „Das Gefühl habe ich selten.“ Der Bayern-Patriarch, der sich aus allen Vereinsämtern zurückziehen würde, gäbe es einen Dopingskandal oder einen Fall von Wettmanipulation in seinem Klub, hat den obersten Repräsentanten der katholischen Kirche in München sportlich nicht auf seiner Seite.

          Reinhard Marx, der Kardinal von München und Freising, ist Fan von Borussia Dortmund. „Ich hoffe“, sagte Hoeneß, „die Mainzer richten das am Samstag (wenn der Meister bei den 05ern zu Gast ist), dann wird er kein schönes Wochenende haben.“ Nächstenliebe hört sich anders an.

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