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Uefa-Kongress : Reich und stumm

Eine neue Idee? Michel Platini Bild: AP

Michel Platini diskutiert nicht: Beim europäischen Fußballverband möchte kaum jemand Reformen. Dabei hat auch die erfolgreich arbeitende Uefa noch Nachholbedarf bei der Implementierung ethischer Grundsätze.

          2 Min.

          Es ist so, wie es immer war. Die Fußballfamilie feiert sich. Und wie. Bunte Bilder mit spektakulären Spielszenen aus den wichtigsten Duellen der letzten Zeit flimmern über die riesige Leinwand, vor der die höchsten Fußballfunktionäre Europas in einer langen Reihe auf einem erhöhten Podium Platz genommen haben. Unten auf dem Parkett sitzen beim Kongress der Europäischen Fußball-Union (Uefa) in London die Vertreter der 53 Mitgliedsverbände. Zwischendurch werden Zahlen und Fakten an die Wand geworfen, die zeigen, welche Anziehungskraft von diesem Geschäft auf dem Kernmarkt Europa ausgeht. Wieder einmal ist der Umsatz hochgeschnellt, auf jetzt 2,8 Milliarden Euro. Auch die Uefa ist eine Gelddruckmaschine. „Unsere Bilanz ist gut. Der europäische Fußball war noch nie so beliebt wie heute“, sagt Uefa-Präsident Michel Platini in seiner Rede. Applaus.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist die eine Seite. Und hätte der Fußball nicht ein großes Glaubwürdigkeitsproblem, wäre ja vieles in Ordnung. Doch seit die dunklen Machenschaften in diesem Geschäft ans Licht kamen und der über allem thronende Weltverband Fifa aufgrund korrupter Strukturen gegen sein schlechtes Ansehen arbeiten muss, wird von den Funktionären eigentlich ein anderes Bewusstsein erwartet. Doch eine kritische Auseinandersetzung kam am Freitag im Kongress-Hotel am Hyde Park nicht auf. Zwar wurden die Bekämpfung von Rassismus, Diskriminierung und das Problem der Spielmanipulation als sehr wichtig erachtet, um den Sport zu schützen. Was richtig ist. Aber wie sieht es mit dem eigenen Umgang mit der Macht aus?

          Die Uefa blockt

          Dafür konnte sich Fifa-Präsident Joseph Blatter bei seiner Gastrede wieder als Reformpapst geben. „Kommen Sie nach Mauritius und helfen Sie uns“, forderte er die Uefa-Delegierten auf. Dort findet in der nächsten Woche die große Fifa-Versammlung statt, wo über die verschiedenen Reformvorhaben entschieden wird. Die Uefa blockt, sie ist zum Beispiel gegen eine sogenannte Amtszeitbegrenzung für alle Mitglieder des Vorstandes. Sie soll das Entstehen korrupter Seilschaften verhindern.

          Diskutieren wollte auch Platini nicht über Reformen. „Das ist hier der Uefa-Kongress und nicht der der Fifa“, sagte der Franzose. Ihm selbst wird als Mitglied des höchsten Fifa-Gremiums ein Interessenkonflikt vorgeworfen. Sein Sohn erhielt einen Job bei den Qatarern, nachdem er für deren WM-Bewerbung 2022 gestimmt hatte. Als großer Aufklärer gibt er sich nicht. Wie soll das Geschäftsgebaren der Topfunktionäre in Zukunft aussehen? „Ich habe auf die Fragen, zu denen ich mir ansatzweise Antworten erhofft hatte, keine Antwort bekommen“, stellte der anwesende deutsche Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball fest. Er hatte Blatter 2012 zum Rücktritt aufgefordert.

          Nachholbedarf bei ethischen Grundsätzen

          Der Präsident des Deutschen Fußball-Verbandes, Wolfgang Niersbach, der am Freitag für Theo Zwanziger in den Uefa-Vorstand rückte, sah ebenfalls „keine Kampfthemen“. Niersbach wird fortan die bedeutende Kommission für die Nationalmannschafts-Wettbewerbe der Uefa leiten. Sein Vorgänger Zwanziger, der noch einen Sitz im Fifa-Exekutivkomitee hat und dort für die Überarbeitung der Verbandsstatuten zuständig ist, merkte an, dass auch die prosperierende Uefa trotz der erfolgreichen Arbeit noch Nachholbedarf bei der Implementierung ethischer Grundsätze hat.

          Aufsteiger: Jetzt ist Wolfgang Niersbach auch Mitglied der Uefa-Exekutive

          Geht es den wichtigsten Männern im Fußball überhaupt um die Inhalte einer breit angelegten Reform ihrer mit viel Geld aufgepumpten Organisationen? Das kann bezweifelt werden. Der Machtkampf zwischen Blatter und Platini ist in vollem Gange. Der Showdown zwischen den früheren Gefährten drückt vieles an den Rand. Während der Uefa-Chef über einen Wechsel als Präsident zum Weltverband nachdenkt, kokettiert Blatter mit einer fünften Amtszeit ab 2015. Dann wäre er fast achtzig. Und wie ernsthaft es ihnen allen ist mit dem sauberen Fußball, konnte am Freitag beim Kongress betrachtet werden. Da lief der von der Uefa akkreditierte Jean-Marie Weber putzmunter umher und erfreute sich angeregter Gespräche mit Offiziellen. Der Schweizer war einst Vorstand der skandalumtosten Sportrechteagentur ISL und Überbringer der Bestechungsmillionen für die korrupten Fifa-Funktionäre - Insider kennen Weber als Mann mit dem Koffer. Ein Gericht verurteilte ihn damals wegen Betrugs.

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