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UEFA-Generaldirektor : Aigners Vermächtnis: Kampf den mächtigen Klubs

Gerhard Aigner Bild: dpa/dpaweb

34 Jahre hat Gerhard Aigner der Europäischen Fußball-Union (UEFA), zuletzt als deren Generaldirektor, gedient. Jetzt will der gebürtige Regensburger, sagt er, endlich wieder mehr Zeit für seine Familie und das Saxophonspiel haben.

          34 Jahre hat Gerhard Aigner der Europäischen Fußball-Union (UEFA), zuletzt als deren Generaldirektor, gedient. Jetzt will der gebürtige Regensburger, sagt er, endlich wieder mehr Zeit für seine Familie und das Saxophonspiel haben. Geht da einer frohgemut in den vorzeitigen Ruhestand, oder resigniert einer der führenden Köpfe im Weltfußball angesichts der Tendenzen und Entwicklungen in seinem Sport? Liest man die letzten Interviews des 60 Jahre alten Oberpfälzers und begreift sie als Vermächtnis eines trotz mancher Niederlage unerschrockenen Kämpfers, wird zumindest Aigners Enttäuschung über die gewachsene Neigung der Spitzenklubs spürbar, sich allein über das große Geld zu definieren. So hat der scheidende UEFA-General, der über dreizehn Jahre Seite an Seite mit dem schwedischen UEFA-Präsidenten Lennart Johansson den europäischen Fußball-Dachverband modernisierte und selbst zu einem Profitcenter ausbaute, erst jetzt wieder der "Welt am Sonntag" seine Sorgen anvertraut: "Wenn wir nicht eine Korrektur schaffen und sich die Vereine selber die Spieler abjagen, führt das ins Nichts. Es kann doch nicht sein, daß das Budget bei einigen Vereinen zu achtzig Prozent und mehr aus Lohnzahlungen besteht. Das ist ein Wettlauf mit dem Tod, den man nicht gewinnen kann."

          Roland Zorn

          Sportredakteur.

          Aigners Klagelied klingt indes ein wenig nach den Geistern, die man rief und nun nicht mehr los wird. Der damalige UEFA-Generalsekretär gilt nämlich auch als einer der Urheber der 1992 aus der Taufe gehobenen Champions League. Diese nah an der Vorstellung einer Europaliga angesiedelte Edelklasse der kontinentalen Spitzenvereine revolutionierte neben dem Bosman-Urteil vom Dezember 1995, mit dem die Ablösesummen für Profis bei einem Vereinswechsel zum Vertragsende wegfielen, den bezahlten Fußball. Es folgten die Jahre des Großeinkaufs der reichsten Klubs auf den freien Fußballweltmärkten und eine aus der Sozialbalance kippende paneuropäische Ligawirklichkeit; statt dessen herrschte ein neuer, darwinistisch anmutender Verdrängungswettkampf. Sehr zum Mißfallen der UEFA-Autoritäten und der Machthaber im Internationalen Fußball-Verband (FIFA) schlossen sich zunächst 14, heute 18 der führenden europäischen Klubs zu einer Lobby unter dem Kürzel G 14 zusammen. Dieser Verbund provozierte die UEFA wie die FIFA mit immer neuen Forderungen, deren markanteste das Verlangen nach Abstellgebühren für Nationalspieler in dreistelliger Millionenhöhe bei Welt- und Europameisterschaft ist. Aigner, - ein Sachkenner, kein Taktiker - und seine Kollegen haben die G 14 nie offiziell anerkannt, doch über sie hinwegsehen können UEFA und FIFA längst nicht mehr. "Es ist die Politik dieser Vereine", sagt Aigner, "durch wirtschaftliche Potenz die interessanten Spieler an sich zu binden und sich so die Konkurrenz vom Leibe zu halten. Sie trocknen damit zunehmend die anderen Vereine aus."

          Der Deutsche führte in den vergangenen fünf Jahren so manche verlorene Schlacht gegen andere Fußball-Persönlichkeiten und -Institutionen. So unterlag der UEFA-Präsident Johansson 1998 bei der Wahl um die Nachfolge des zurückgetretenen Brasilianers Joao Havelange an der Spitze der FIFA Aigners Intimfeind, dem bis dahin als Havelanges Generalsekretär arbeitenden Schweizer Joseph Blatter; vier Jahre später hatten sich der Stratege Aigner und dessen Wegbegleiter aufs neue verrechnet, da Blatter seine Wiederwahl gegen den von den Europäern offiziell unterstützten Afrikaner Issa Hayatou locker und mit vielen europäischen Voten gewann; Aigner ließ sich im Zeitalter der Begehrlichkeiten die zwischenzeitlich zu zwei Gruppenphasen aufgeblähte Champions League abhandeln, ehe diese Übertreibung mit dem vernünftigen Schritt zurück zu nur einer Punktrunde wieder gekappt wurde.

          Immer stärker wurde das Unbehagen des Bayern über die Entwicklung des europäischen Profifußballs, in dem immer weniger Klubs den Geldkreislauf der Dinge bestimmen. Gegen die bedenkenlosen Schuldenmacher setzte der gründliche Aigner ein am deutschen Modell orientiertes Lizenzierungsverfahren für die Champions League durch, das von der kommenden Saison an greifen soll. Zweiflern, die nicht daran glauben, begegnet Aigner mit Zuversicht: "Ich kann nur auf die Historie verweisen. Wir haben nach (der Stadionkatastrophe von) Heysel (1985) englische Klubs fünf Jahre lang aus dem Europapokal verbannt, wir haben den AC Mailand ein Jahr gesperrt, als er in Marseille wegen einere Strompanne einen Spielabbruch provoziert hatte, und wir haben den Europapokalsieger Olympique Marseille von der Titelverteidigung ausgeschlossen, als Bestechungsvorwürfe bewiesen waren. Unsere Strenge ist unsere Stärke und schafft auch das Vertrauen der kleinen Verbände in unsere Arbeit."

          Diese kleinen Verbände werden aus dem großen Einnahmentopf der Champions League bisher mitfinanziert, so daß Aigner seinem schwedischen Nachfolger Lars-Christer Olsson, bisher UEFA-Direktor für den Profifußball und Marketing, den Rat mitgibt: "Die Herausforderung für die UEFA ist sicherlich die, Kommerz, Geld und politischen Einfluß im Gleichgewicht zu halten." Das Gleichgewicht ist längst empfindlich gestört. Aigner weiß das und tritt ein halbes Jahr vor der Europameisterschaft 2004 zurück.

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