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Fußball-Weltverbandskongress : Warum die Uefa den Fifa-Skandal nicht nutzen kann

  • -Aktualisiert am

Ein angeschlagenes Leittier: Sepp Blatter bei der Eröffnung des Fifa-Kongresses am Donnerstag Bild: AFP

Der Fifa-Skandal erschüttert die Grundfesten des Verbands, wirft viele Fragen auf und verunsichert und empört auch die Uefa. Doch die Europäer um Michel Platini können nicht profitieren. Was ist schiefgelaufen?

          Es ist ein dichtgedrängtes Chaos vor dem Kameha Grand Hotel in Zürich. Kamerateams rammen sich durch die Drehtür, die Angestellten schauen erschrocken. Nein, hier werden nicht gerade wieder Fußball-Spitzenfunktionäre verhaftet wie am Mittwoch in einer anderen Herberge, dem Baur au Lac. Die Bediensteten müssen ihre bedrängten Gäste vom Internationalen Fußballverband (Fifa) auch nicht mit einem Betttuch vor den Kameras der Journalisten schützen, weil es sonst nichts mehr gibt, was ein diskreter Concierge für seine Kunden tun kann. Wir sind hier nicht im Fußballzentrum des Bösen, wo die amerikanische Bundesstaatsanwaltschaft vor zwei Tagen im Morgengrauen ihre Operation Fifa-Sturm begann. Wir sind hier... Ja, wo? Bei den Guten etwa?

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die Repräsentanten der Europäischen Fußball-Union (Uefa) geben sich jedenfalls so. „Ich kämpfe für den Fußball“, sagte ihr Präsident, der Franzose Michel Platini, am Donnerstag nach einer Sitzung der europäischen Verbände. Seit längerem schon haben sich einige der Spitzenvertreter der Uefa, auch der deutsche Fußball-Präsident Wolfgang Niersbach, gegen die Herrschaft des Fifa-Langzeitvorsitzenden Joseph Blatter positioniert. Nun, da der Walliser, der sich an diesem Freitag zur Wahl für eine fünfte Amtszeit stellt, von der amerikanischen und der Schweizer Justiz gleichzeitig mit der Verdorbenheit seiner Institution konfrontiert worden ist und klar wird, dass er zwar nicht direkt beschuldigt, aber er eben doch der Verantwortliche für den ganzen Laden ist, müsste eigentlich ihre Stunde gekommen sein.

          Ein angeschlagenes Leittier. Eine hungrige, gedemütigte Truppe. Aber der Mann, der die Uefa anführt, kann nur einen Angriff aus der zweiten Reihe starten. Es ist, als wäre den Europäern aus heiterem Himmel ein Elfmeter zugesprochen worden in dem Match um den Präsidententhron. Aber der Elfmeterschütze ist nicht der heute 59 Jahre alte, einstige Star aus Frankreich, der in seiner aktiven Zeit als der beste Fußballspieler der Welt galt. So einer müsste jetzt anlaufen, abziehen und den Ball unhaltbar im Winkel versenken. Doch Platini war von Anfang an nicht aufgestellt. Der letzte verbliebene Gegenkandidat Blatters ist ein 39 Jahre alter, ein wenig unsportlich wirkender jordanischer Prinz. Einer, der es schwer hat, so etwas wie Stallgeruch zu verströmen.

          Platini, so zeigt sich jetzt, hat zu lange im Hinterhalt gewartet. Er hat die offene Konfrontation mit dem 79 Jahre alten Schweizer stets vermieden und gehofft, dass Blatter von sich aus in Rente geht. Nur leider dachte der nicht daran, hängte eine Kandidatur an die andere, perfektionierte sein Stimmenreservoir und verkündete munter, ihn per Reglement vom Präsidentenstuhl vertreiben zu wollen, müsse als Altersdiskriminierung gewertet werden. Offenbar hat Platini seit seiner Zeit als Fußballer eine wichtige Grundregel vergessen: Seinen Stammplatz im Team muss man sich erkämpfen. Das Leittier muss von der nächsten Generation aktiv vertrieben werden. Blatter, so erklärte Platini, sei eine Art Onkel für ihn und damit irgendwie tabu gewesen.

          Hinzu kommt, dass der Schutzschild der eigenen Seriosität, mit der sich die europäische Konföderation immer wieder von den anderen Kontinenten abgrenzen will, nicht ohne Risse ist. Platini nämlich hat bei der Wahl des Austragungsortes für die Fußball-WM 2022 für Qatar gestimmt, eine sehr fragwürdige Wahl für ein Land, dem nachgesagt wird, dass es seinen vielfältigen Bewerbungen für sportliche Großereignisse mit Geld Nachdruck zu verleihen pflege. Es war eine Entscheidung, die nicht nur die Fifa, sondern den internationalen Sport insgesamt in ein trübes Licht rückte. Und das ist noch nicht alles. Wenige Wochen nach dem Zuschlag für Qatar erhielt Platinis Sohn Laurent einen lukrativen Posten. Er wurde Europa-Chef der Gruppe Qatar Sport Investments. Dass nun also ausgerechnet Platini für die moralische Erneuerung des Fußballs stehen will, scheint reichlich absurd. Das Ergebnis: Jetzt, am Vorabend der Präsidentenwahl, steht die Uefa da, und ihr Anführer kann nicht aus voller Kraft schießen.

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