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U21-Europameisterschaft : Spätzünder beim Titel-Fischen

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Zwischen Pferden, Fischen und Nachwuchs-Fußballspielern: Horst Hrubesch hat alle Hände voll zu tun Bild:

Mit 58 führt Horst Hrubesch die U21-Junioren bei der Europameisterschaft in Schweden und hofft auf den Titel - doch wie seine talentierte Truppe auf Kurs zu bringen ist, weiß niemand. Viele gute Individualisten bilden eher ein Ego-Ensemble als eine Gemeinschaft. Es hapert am Zusammenspiel.

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          Den See in Österlykan, einem Dörfchen vor den Toren Göteborgs, hat er mit fachmännischem Blick gemustert. Aber Horst Hrubesch hat keine Zeit für sein Hobby, er muss sich um die deutschen Junioren der U21-Nationalmannschaft kümmern, die in einem Hotel direkt am Wasser Quartier bezogen haben. Karpfen, Schleie, Störe und Hechte hat er alle schon am Haken gehabt.

          Er ist ein wahrer Experte dieses Fachs, aber momentan hat Hrubesch keine Zeit zum Angeln. In seiner Heimat in Uelzen wird er von Anglervereinen gerne als Stargast eingeladen, wenn zum Saisonende das Fest zum Abfischen stattfindet. Schon vor 30 Jahren, als er noch wegen der unglaublichen Wucht seiner Kopfbälle als das „Ungeheuer“ bekannt war, hat er das Buch „Dorschangeln vom Boot und an den Küsten“ verfasst.

          Es hapert am Zusammenspiel

          „Ich lebe meine Träume“, sagt der 58 Jahre alte Hrubesch und meint damit nicht nur das Fischen oder die wenigen freien Tage auf seinem 2500 Quadratmeter großen Anwesen in Niedersachsen oder seine noch vagen Pläne, ein Buch über Haflinger und deren Zucht zu schreiben. Die Pferde sind eigentlich das Hobby seiner Ehefrau. Aber auch Hrubesch hat Gefallen daran gefunden. „Außerdem ist es schön, wenn man etwas zusammen macht“, sagt er. Angelika Hrubesch sieht ihren Horst eher selten, der Mann ist oft auf Fußball-Reisen. Für den ehemaligen Stürmer von Rot-Weiss Essen und dem Hamburger SV, mit dem er drei deutsche Meisterschaften und den Europapokal der Landesmeister gewann, ist auch das Leben als Trainer ein Teil des Traums. „Fußball macht Spaß, aber er ist zu einem hohen Prozentanteil Arbeit“, sagt Hrubesch.

          Die talentierte Truppe muss auf Kurs gebracht werden: Hrubesch (m.) mit dem Leverkusener Toni Kroos (l.)
          Die talentierte Truppe muss auf Kurs gebracht werden: Hrubesch (m.) mit dem Leverkusener Toni Kroos (l.) : Bild: dpa

          Von diesem Montag an rückt er als Trainer der deutschen Junioren stark in den Blickpunkt. Bis Ende Juni findet in Südschweden die Europameisterschaft statt. Deutschland trifft zum Auftakt in Göteborg auf Spanien, die weiteren Gruppengegner sind Finnland (Donnerstag) und England (Montag, 22. Juni). Hrubesch will mit einer Mannschaft, die als die stärkste deutsche U21-Auswahl seit den Achtzigern eingeschätzt wird, den Titel abfischen. „Ich habe bis auf den WM-Titel alles erreicht und weiß, wie man gewinnt“, sagt Hrubesch. Das sagt er nicht ganz ernst, der in Hamm geborene Mann hat einen gewissen Ruhrpott-Humor. Wie seine talentierte Truppe, der fünf A-Nationalspieler angehören, auf Kurs zu bringen ist, weiß niemand genau. Im Kader stehen zwar viele gute Individualisten, die aber eher ein Ego-Ensemble als eine Gemeinschaft bilden. Es hapert schlicht und einfach am Zusammenspiel.

          Hrubesch galt als Auslaufaufmodell - andere gingen

          Dies wäre eine anspruchsvolle Anforderung für einen Trainer, der sich beweisen will. „Als Spieler war ich ein Spätzünder, als Trainer bin ich es auch“, sagt Hrubesch, der erst mit 24 Jahren Profi und fast 29 Jahren Nationalspieler wurde. Als Coach hat er in Essen, Wolfsburg, Innsbruck, Rostock, Wien, Dresden und der Türkei (Samsunspor) kaum Spuren hinterlassen. An Ostern 2000 fand er plötzlich den Weg zum Deutschen Fußball-Bund. Erich Ribbeck, der damalige Teamchef der Nationalmannschaft, hatte sich mit seinem Assistenten Uli Stielike überworfen und holte Hrubesch, den er aus gemeinsamen HSV-Zeiten kannte, an seine Seite. Drei Monate später trat Ribbeck ab, Hrubesch rückte in den Juniorenbereich. Im Trainerstab des Verbandes wurde er als Auslaufmodell angesehen. Doch es gingen andere: Stielike, Skibbe, Rutemöller oder Eilts. Hrubesch blieb.

          „Er ist ein kompetenter Ausbilder und echtes Vorbild“, sagt Sportdirektor Matthias Sammer. Als Eilts entlassen wurde, aber Rainer Adrion noch nicht die Freigabe vom VfB Stuttgart erhielt, wurde der U21-Posten übergangsweise mit Hrubesch besetzt. Dass er mit den Junioren, von denen manche schon Millionäre sind, gut umgehen kann, hat er im vorigen Jahr bewiesen. Da hat er das U19-Team zum Titelgewinn bei der EM gebracht. Adrion nimmt in Schweden die Analyse der deutschen Gegner vor. Er übernimmt erst zur neuen Saison die nächste U21-Generation. Auf Hrubesch wartet dann das nächste Titel-Fischen: Ende September beginnt für seine U20-Elf die WM in Ägypten.

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