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U-21-EM in Israel : Willkommener Fußball-Frühling

Noch legen die Helfer Hand an, dann kann es in Israel losgehen Bild: REUTERS

Viele Israelis wollen sich ihr Fußballfest nicht verderben lassen, für das eigens vier Stadien ausgebaut wurden. Die Menschen verbinden mit der U 21-EM große Erwartungen - nicht nur sportlich gesehen.

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          Eine deutsche und eine israelische Fahne flattern vor der Tuvia-Bar nebeneinander im Sommerwind. Rechtzeitig zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft wird sich der Bürgersteig vor dem Lokal an der Jerusalemer Schuschan-Straße in einen kleinen Biergarten verwandeln. Mit Tischen, Sonnenschirmen und einem Großbildschirm an der Wand des Hauses gegenüber. „Wir machen Kartoffelsalat und Würstchen. Dazu gibt es Weißbier“, sagt Jacov Ben Nanikan.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          An diesem Mittwoch beginnt in Israel die U 21-Europameisterschaft des Fußballnachwuchses, und die Tuvia-Bar wird der Jerusalemer Fanclub sein, während sich im „Putin Pub“ an der Jaffa-Straße die Anhänger der russischen Mannschaft treffen werden und in der „Monaco Bar“ die Italien-Fans. „Ich freue mich darauf. Die Deutschen sind gut. Nur wenn am Ende Deutschland gegen Israel spielen sollte, bin ich natürlich zuallererst Israeli“, sagt Ben Nanikan.

          Doch bisher sieht es nicht nach einer seelischen Zerreißprobe für den Jerusalemer Kneipenwirt aus. Das Eröffnungsspiel der israelischen Mannschaft gegen Norwegen am Mittwoch (18.00 Uhr / Live bei Sport1) in der Küstenstadt Netanja gilt noch als lösbare Aufgabe. Doch danach müssen die Gastgeber in der Gruppe A gegen England und Italien bestehen. Deutschland, das in der Gruppe B antritt, könnten die Israelis frühestens im Halbfinale gegenüberstehen.

          „Auf dem Papier hat unser Team keine Chance. Aber das Großartige am Fußball ist, dass nicht immer die Papierform entscheidet. Herz und Seele können den Unterschied ausmachen“, hofft Avi Luzon, der Vorsitzende des Israelischen Fußball-Bundes. Mindestens genauso wichtig sei aber, im Ausland „das schöne Gesicht Israels zu zeigen, dessen Einwohner Sport lieben“, sagt Luzon.

          Tutu: Israel die Spiele entziehen

          Abgesehen von der „Maccabiade“, den jährlich veranstalteten „jüdischen olympischen Spielen“, ist das U 21-Turnier das wichtigste internationale Sportereignis in Israel. Angesichts der zunehmenden Boykottaufrufe wegen der israelischen Besatzungspolitik freuen sich nicht nur die Veranstalter, sondern auch viele Israelis, in den nächsten beiden Wochen sportlich ein Teil Europas zu sein.

          Noch in der vergangenen Woche hatte der südafrikanische Friedensnobelpreisträger und frühere anglikanische Erzbischof Desmond Tutu die Europäische Fußball-Union dazu aufgerufen, Israel die Spiele zu entziehen: Israel dürfe nicht die Gelegenheit gegeben werden, sich mit einem solchen wichtigen Turnier „von der rassistischen Leugnung palästinensischer Rechte und der illegalen Besatzung palästinensischen Landes reinzuwaschen“, verlangte er - ohne Gehör zu finden.

          Für das Turnier wurden extra vier Stadien ausgebaut

          Viele Israelis wollen sich ihr Fußballfest nicht verderben lassen, für das eigens die vier Stadien ausgebaut wurden. Die Straßen werden von blauen U 21-Flaggen gesäumt. Rund 180.000 der insgesamt 250.000 Karten sind schon verkauft, obwohl die Mannschaften nicht mit prominenten Namen aufwarten können. Das Eröffnungsspiel gegen Norwegen und das zweite Gruppenspiel gegen Italien sind ausverkauft.

          Das gilt auch für die Spiele der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande und Spanien. „Es gibt eine Menge wirklich guter und interessanter israelischer Talente. Ein Sieg über Norwegen würde die Begeisterung für das Turnier wachsen lassen“, erwartet Jeremy Last, der frühere Sportchef der Zeitung „Jerusalem Post“. Die günstigen Kartenpreise von umgerechnet weniger als zehn Euro, das bevorstehende Ende des Schuljahres und die langen warmen Abende werden nach seiner Ansicht zu einer entspannten Atmosphäre beitragen.

          „Die U 21-Mannschaft macht Hoffnung“

          Dabei boten die U 21-Auswahl und die reguläre Nationalmannschaft den israelischen Fußballanhängern bisher wenig Grund, stolz zu sein. Nur im Jahr 2007 hatte sich Israel für die U 21-EM in Frankreich qualifiziert - und kehrte ohne eigenes Tor zurück. Dieses Mal nimmt es als Gastgeber automatisch teil. Ein einziges Mal nahm Israel an einer Fußball-WM teil, das war 1970. Damals qualifizierte sich das Land in der Ozeanien-Gruppe, zur Europameisterschaft schaffte es die Mannschaft nie.

          Uzi Dann hält die israelische U 21-Auswahl in diesem Jahr auch aus einem anderen Grund für interessant: Fünf arabische Spieler gehörten dem Kader an, sagt der Sportchef der israelischen Tageszeitung „Haaretz“. Noch zu Jahresbeginn hatte der israelische Fußball international Aufsehen erregt, als Fans gewaltsam gegen zwei muslimische Spieler aus Tschetschenien protestierten, die der Verein „Beitar Jerusalem“ verpflichtet hatte. In anderen Mannschaften spielen dagegen längst arabische Israelis. „Die U 21-Mannschaft macht Hoffnung, dass eine jüngere Generation heranwächst, für die dieses Zusammenspiel selbstverständlich ist“, sagt Uzi Dann von „Haaretz“.

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