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Fußballklub TSV Juist : Kicken zwischen Ebbe und Flut

„Dünenkessel“ – so nennen die Juister ihren kurz hinter dem Strand gelegenen Fußballplatz. Bild: Facebook TSV Juist

Das größte Problem des TSV Juist ist immer das nächste Auswärtsspiel. Wie kommt das Team von der ostfriesischen Insel aufs Festland – und wieder zurück? Das führt mitunter zu skurrilen Begebenheiten.

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          Fähre oder Flieger? Am Ende fällt die Wahl auf das private Schnellboot. Die Ebbe ist schuld, wieder einmal. Nein, Jens Heistermann ist weder reich noch Fan außergewöhnlicher Fortbewegungsmittel. Heistermann ist Trainer einer Kreisklassen-Fußballmannschaft. Sein Verein ist der TSV Juist, beheimatet auf der gleichnamigen ostfriesischen Insel. Und sein größtes Problem ist kein Spielmacher mit Starallüren oder ein verletzter Torhüter. Sondern immer wieder das nächste Auswärtsspiel.

          Woche für Woche steigen in Deutschland Millionen Hobbysportler samt ihren Betreuern und Begleitern in Autos, Busse und Bahnen, um pünktlich zu Wettkämpfen oder Auswärtsspielen zu gelangen. Für die meisten von ihnen dauert die Fahrt bis zum Sportplatz im nächsten Ort nur wenige Minuten. Andere, wie Randsportler oder höherklassig spielende Mannschaften, können an so einem Sonntag aber auch mal schnell mehrere hundert Kilometer hinter sich bringen. Der Aufwand, den diese Menschen an ihren freien Wochenenden betreiben, nur um einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen, ist oftmals immens.

          So ist es auch bei Heistermann und seinen Spielern. Die Juister haben zwar nur selten solch einen weiten Weg, dafür befindet sich zwischen ihrem Wohnsitz und allen auswärtigen Spielorten ein etwa acht Kilometer breiter Streifen Nordsee. Und die Überfahrt mit der regulären Fähre dauert - wegen des Zwischenhaltes auf der Nachbarinsel Norderney und der sich schlängelnden Fahrrinne - manchmal bis zu anderthalb Stunden. „Und dann sind wir erst am Hafen“, sagt Heistermann. Vor allem der Gezeitenwechsel beeinflusst den Fahrplan der Fähre und erschwert die Planung. Denn zwischen Ebbe und Flut bleiben den Juistern oftmals nur etwa drei Stunden, um aufs Festland und wieder zurück auf die Insel zu kommen. Und selbst in der Ostfrieslandklasse C dauert ein Fußballspiel neunzig Minuten.

          Dazu kommen: aufs Festland übersetzen, zum Sportplatz fahren, umziehen - und nach dem Abpfiff das Ganze in die andere Richtung. Mit der Fähre ist das meist nicht zu schaffen. Deswegen steigen die Juister - ähnlich wie die Fußballvereine anderer Inseln wie Borkum oder Wangerooge - immer häufiger auf Privatboote um. Die sind schneller als die Fähre und können auch bei niedrigerem Wasserstand noch fahren. Kostenpunkt pro Person: mindestens zwanzig Euro. Dass für den TSV so gut wie keine Schüler oder Auszubildenden auflaufen, hat nicht nur demographische Gründe.

          „Spiel des Lebens“: Im vergangenen Jahr war der TV-Sender Sky zu Gast auf Juist. Bilderstrecke

          Und der Stress mit Ebbe und Flut bleibt trotzdem: „Oft sind wir erst eine Viertelstunde vor Anpfiff da. In Sachen Aufwärmen sind wir auf jeden Fall keine Vorbilder“, sagt Heistermann. Den Stress am Spieltag nimmt er mit Humor. „Dass uns nach dem Spiel nur selten Zeit für eine Zigarette oder eine Flasche Bier bleibt, ist für die Fitness ja nicht verkehrt.“ In der Auswärtstabelle belegen die Juister jedenfalls schon seit Jahren regelmäßig einen der unteren Plätze. Wenn es gar nicht anders geht, chartern die Juister auch schon mal ein kleines Flugzeug, um vom kleinen Inselflughafen aus aufs Festland zu kommen. „Da können dann aber auch wirklich nur elf Spieler plus Trainer mit“, sagt Heistermann. Für etwa 100 Euro je Passagier darf sich dann jeder Ostfrieslandkicker fast wie ein echter Bundesligaprofi fühlen. Mit dem Flieger zum Auswärtsspiel! Wenn nur der Ascheplatz des Gegners nicht wäre.

          Gerade jetzt im Herbst, wenn das Wetter schlecht und die See rauh wird, wünscht sich Heistermann an so manchem Spieltag zurück auf das heimische Sofa. Weil die meisten Spieler des TSV Einzelhändler oder Gastronomen - auch Heistermann betreibt ein Restaurant - sind, hagelt es besonders zur Ferienzeit häufiger Absagen. Als Trainer beginnt Heistermann meist schon am Wochenende zuvor, genügend Leute für eine komplette Mannschaft zusammenzubekommen, Fährverbindungen rauszusuchen oder Boot beziehungsweise Flugzeug zu organisieren. „Das kostet natürlich jedes Mal immens viel Zeit und Nerven“, sagt er. „Aber am Ende überwiegt fast immer das gute Gefühl, mit der Mannschaft unterwegs gewesen zu sein.“

          Doch auch bei den Juister Konkurrenten ist das Lager gespalten. Während die meisten Teams aus der Ostfrieslandklasse gerade im Frühling gerne auf die Insel übersetzen und die Auswärtsreise zum „Dünenkessel“, wie die Juister ihren kurz hinter dem Strand gelegenen Fußballplatz nennen, noch mit einem kleinen Mannschafts-Wochenende verbinden, gibt es gerade kurz vor oder nach der Winterpause immer wieder Gegner, die kurzfristig absagen und das Spiel verloren geben. „Die schenken dann die Punkte lieber direkt her, als sich die 8-Stunden-Tour im Dauerregen zu geben und am Ende vielleicht wirklich nicht zu gewinnen“, sagt Heistermann. Generell würde er aber gemeinsam mit dem Verband und den gegnerischen Mannschaften fast immer Lösungen finden, die Partien trotz allem stattfinden zu lassen.

          Mitunter führt diese Suche jedoch zu skurrilen Begebenheiten: Weil aufgrund widriger Wetterbedingungen und des Ebbe-Flut-Problems zu viele Begegnungen verlegt werden mussten, ließen die Juister im vergangenen Oktober an einem Wochenende gleich mehrere gegnerische Teams auf die Insel kommen - und absolvierten drei Partien an einem Tag. Am Ende standen ein 4:0-Sieg und zwei Niederlagen (0:5, 1:4). „Das war natürlich nur mäßig erfolgreich, aber am Ende ein wirklich tolles Erlebnis“, sagt Heistermann.

          Generell haben die Juister ein Faible für Außergewöhnliches: Seit einiger Zeit schnürt der frühere Bundesligaspieler und immer noch als „weißer Brasilianer“ bekannte Ansgar Brinkmann ab und an für den - laut Eigenwerbung - „Verein auf der schönsten Sandbank der Welt“ seine Fußballschuhe. Ein „geiler Typ“, der auch Zuschauer anlockt, wie Heistermann berichtet. Und: Im vergangenen Jahr rückte der Bezahlsender Sky mitsamt 65 Mitarbeitern und 19 Kameras an, um den Juistern ihr „Spiel des Lebens“ zu bereiten: Im Stile der opulenten Bundesliga-Übertragungen sendete Sky mehrere Stunden live vom Kreisklassenkick. Mehr als 1000 Fans verfolgten das Geschehen live vor Ort. Auf dem Rückweg passten sie gar nicht alle auf die Fähre.

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