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Tschechien : Zeitloses Künstlerglück

  • -Aktualisiert am

Motor des tschechischen Spiels: Pavel Nedved Bild: REUTERS

Karel Poborsky und Pavel Nedved treiben die Offensive der nimmermüden Tschechen voran. Das wird auch im Halbfinale gegen die wackeren Griechen so sein.

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          In der deutschen Fußball-Nationalelf wäre Pavel Nedved der Leuchtturm. Die überragende Erscheinung in einem ansonsten ziemlich platten Land. So groß wie Kahn und Ballack übereinandergestellt.

          In Tschechien überragt Nedved nur knapp eine beeindruckende Skyline von Fußballgrößen: Tomas Rosicky, Petr Cech, Jan Koller, Milan Baros, Miroslav Smicer. Vor dem Europameisterschaftshalbfinale gegen Griechenland an diesem Donnerstag in Porto ist nicht der "Fußballer Europas" 2003 das große Thema, sondern Karel Poborsky. Setzen sich die Tschechen über Rehhagels griechisches Verteidigungsbollwerk hinweg, bestreitet der Rekordnationalspieler im Finale sein 100. Länderspiel. "Natürlich wollen wir Karel das Jubiläum schenken", sagt Tomas Rosicky mit seinem Harry-Potter-Lächeln. Natürlich will sich jeder selbst das Finale schenken.

          Einer dreht die Zeit zurück - Poborsky

          Poborsky trägt zu dieser glorreichen, hochklassigen und spannenden Europameisterschaft ein kleines Fußball-Wunder bei. Wenn sein Erfolgsgeheimnis übertragbar wäre, würde das Patent Milliarden bringen. Poborsky dreht die Zeit zurück. Mit 32 spielt er so frisch und spritzig und dynamisch wie seit Jahren nicht mehr. Wie bei Nedved und Smicer begann seine internationale Karriere mit der EM 1996 in England. Der Auftritt endete erst im Finale mit dem Golden Goal von Oliver Bierhoff, was dieses auffällige Trio für die europäischen Spitzenvereine zu begehrten Objekten werden ließ.

          Poborsky spielte in seiner Laufbahn für Manchester United, Lazio Rom und Benfica Lissabon. Trotz einiger spektakulärer Vorstellungen und Tore sowie ein paar Millionen Euro Gehalt bleibt festzuhalten: Die ganz große Karriere hat Poborsky nicht gemacht. Bei allen namhaften Klubs pendelte er zwischen der Stammelf und der Ersatzbank, oft durch Verletzungen zurückgeworfen. Erst bei seiner Rückkehr in die Heimat, 2002 zu Sparta Prag, nahm der offensive Mittelfeldspieler am rechten Flügel wieder eine tragende Rolle ein. Allerdings in einer Liga auf niedrigerem Niveau. Mit der Benennung von Karel Brückner zum Nationaltrainer im selben Jahr wurde er aber auch für das Nationalteam wieder eminent wichtig.

          In Portugal bereitete Poborsky vier der zehn tschechischen Treffer vor, mit glänzenden Soli, genauen Flanken und überraschenden Zuspielen. Wie er Smicer gegen die Niederlande den Siegtreffer auflegte, als er vor Torwart van der Sar den Ball noch einmal quer spielte, war ein großartiges Beispiel von Geistesgegenwart und Übersicht.

          "Mein hundertstes Länderspiel wäre das Sahnehäubchen“

          Poborsky macht wenig Aufhebens von sich, seiner Leistung und seinem bevorstehenden Jubiläum. "Mein hundertstes Länderspiel wäre das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Doch derzeit denke ich nur an das Griechenland-Spiel, nicht an irgendwelche Statistiken." Schon gar nicht mag sich der Tscheche über die fernere Zukunft äußern. Er hat im vergangenen Herbst angekündigt, daß diese mit dem EM-Finale zu Ende gehende Saison seine letzte sei. Sparta möchte ihn zum Weitermachen überreden. Doch Poborsky schweigt.

          Auch Nedved, der zweite Finalist von 1996 in der Startaufstellung des Halbfinales von 2004, macht ungern durch Worte von sich reden. Der "kompletteste Mittelfeldspieler Europas", wie ihn viele Experten bezeichnen, gehört nicht zu den größten Rhetorikern. Die Komplexität seines Tuns auf dem Fußballfeld übersteigt seine Beschreibungsmöglichkeiten. Der tschechische Journalist Jan Palicka sieht ihn als "Arbeitspferd mit Scheuklappen". Ein Arbeitspferd mit vielen Fähigkeiten. Nedved vereinigt die Stärken eines Lothar Matthäus und eines Wolfgang Overath in sich. Dynamik, Schußstärke, Zweikampfverhalten, Paßspiel und Torgefährlichkeit zeichnen Nedved gleichermaßen aus. Seit 1996 ist er einer der dominierenden Spieler in der italienischen Seria A für Lazio Rom und Juventus Turin. Sie nennen ihn "Furia Ceca" - ein Wortspiel. Furia ist der Wilde, die Furie, Ceca bedeutet sowohl der Tscheche als auch der Blinde. Bei Nedved ist damit gemeint, daß er nur den Sieg und den Fußball sieht und nichts anderes.

          Nedved als Boris Becker Tschechiens

          Das bestätigt der 31 Jahre alte Profi gern. In seinem Leben gebe es nichts anderes als den Fußball und seine Familie. "Ich brauche nichts anderes." Selbst in seinem Urlaub hält er sein tägliches Fitnessprogramm durch. Seine Frau Ivana lernte er mit 15 kennen. Mit 21 heiratete er sie. Ihre Kinder, ein Sohn und eine Tochter, nannten sie nach ihren eigenen Vornamen. "Wenn wir einmal tot sind, wird es immer noch einen Pavel und eine Ivana geben, die sich lieben."

          Die Verehrung, die Pavel Nedved in seiner Heimat genießt, ist vergleichbar mit der, die Boris Becker in Deutschland einst entgegengebracht wurde. Nedved war der erste, der es in der großen Fußballwelt wirklich geschafft hat. Seine Trophäe für die Wahl zum "Fußballer Europas" 2003 wurde während des Abschlußtrainings vor dem EM-Testspiel gegen Japan in Prag auf der Tribüne ausgestellt - wie auf einem Altar, umrahmt von Porträtaufnahmen des Helden. Hunderte zogen vorbei und fotografierten das Arrangement. All die Huldigungen haben Nedveds Charakter nichts anhaben können. "Ich bin gläubiger Katholik. Gott hat mir mein Talent gegeben, dafür kann ich nichts."

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