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Triumph gegen Argentinien : Müller stellt Messi in den Schatten

Das Lächeln des Siegers: Thomas Müller Bild: dpa

Thomas Müller ist im WM-Viertelfinale deutlich effektiver als der argentinische Mittelfeldstar Lionel Messi. Ärgerlich aus deutscher Sicht: Im Halbfinale muss der Münchner zuschauen.

          Bastian Schweinsteiger wusste, dass jemand Trost brauchte. Er ging zu Thomas Müller und tätschelte ihn aufmunternd. Es war die 35. Minute im WM-Viertelfinale gegen Argentinien, und Müller wusste in diesem Moment, dass er im Halbfinale fehlen würde. Es war eine harte Strafe durch den usbekischen Schiedsrichter Rawschan Irmatow - ein Abpraller aus dem deutschen Strafraum war bei Lionel Messi gelandet, der ihn aber mit der Brust nicht unter Kontrolle bekam.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          So sprang er zu Müller und aus kurzer Distanz an dessen Arm. Freistoß, Gelbe Karte - und damit Sperre für den gefährlichsten deutschen Spieler dieser WM.

          Es bleibt dennoch eine Märchengeschichte, schließlich kann sie noch ein Happy End im Finale bekommen. Denn Müller, vor einem Jahr noch Amateur im Drittliga-Team des FC Bayern, hat Deutschland am Samstag in Kapstadt mit seinem frühen Treffer, seinem vierten im WM-Turnier, und mit seiner schlitzohrigen Vorarbeit zum zweiten Treffer auf die Siegesstraße zum grandiosen 4:0 gegen Argentinien gebracht. Am Ende seiner ersten Profisaison stand Müller bei der WM damit auf Augenhöhe mit dem Besten der Welt, mit Messi, dem neuen Maradona. Alles, was im argentinischen Team Gefahr schuf, lief über Messi, alles im deutschen über Müller. Und das war deutlich mehr.

          Das 1:0 - Nach einem Freistoß von Bastian Schweinsteiger köpft Thomas Müller ein

          Müller: vier, Messi: null

          Es dauerte nur drei Minuten, da hatte der 20 Jahre alte Bursche vom Ammersee Messi sogar schon in den Schatten gestellt. Müller stahl sich bei einem Freistoß, den Schweinsteiger vom linken Flügel Richtung Tor drehte, aus dem Spielerpulk vor dem Tor davon, streifte den Ball mit der Stirn und wusste, dass diese leichte Ablenkung reichte, um Torwart Sergio Romero zu überwinden. Es war das 1:0 für Deutschland, Müllers vierter WM-Treffer. Messis Torkonto: null.

          Es war der Auftakt zu einem rund fünfzehnminütigen deutschen Kombinationswirbel, der die Argentinier durch direktes Spiel und kurze Haltezeiten des Balles kaum in die Zweikämpfe kommen ließ - und in dem Müller immer wieder beschleunigend mitwirkte.

          Meist blieben Messis Aktionen halbe Sachen

          Messi dagegen musste sich meist bis weit in die eigene Hälfte zurückfallen lassen, um anspielbar zu werden. Wenn, dann war er aber oft auch für mehrere Gegenspieler nicht mehr zu halten. Nach neun Minuten wirbelte Messi sich von der eigenen rechten Abwehrseite durch drei Gegenspieler und leitete den ersten gefährlichen Angriff der Argentinier durch Angel di Maria ein, der am Ende abgeblockt wurde. Nach zwanzig Minuten rückte Messi dem deutschen Tor näher, doch meist blieben Messis Aktionen halbe Sachen - etwa ein schönes Durchspiel auf Carlos Tevez, bei dem Torwart Manuel Neuer einen Schritt schneller war (22.), ein Solo über rechts, bei dem er mit links drei Mann aussteigen ließ, jedoch die Flanke mit rechts ins Aus setzte (27.) oder ein Freistoß aus 22 Metern hoch über das Tor (31.).

          Was Müller dagegen machte, hatte Hand und Fuß und brachte fast immer Gefahr. In der 24. Minute drang Müller rechts in den Strafraum ein, hätte selbst schießen können, legte den Ball aber quer auf den noch besser postierten Miroslav Klose, doch der schoss freistehend über die Latte. Zwei Minuten vor der Pause verpasste Müller das 2:0 selbst nur knapp, als Philipp Lahm ihn fein anspielte, sein Schuss aus 15 Metern mit dem rechten Außenrist aber knapp zur Ecke abgefälscht wurde.

          Wer braucht schon einen Messi?

          Die deutsche Mannschaft verstand es bald immer besser, Messi stets in Unterzahl zu bringen. Fast immer musste er zwei oder drei Mann ausspielen, womit er an diesem Tag zumeist überfordert war. Und Müller? Wie sein großer Namensvetter Gerd hört er auch dann nicht auf, gefährlich zu sein, wenn er schon auf dem Hosenboden sitzt. In der 68. Minute ging er nahe dem Strafraum mit dem Rücken zum Tor im Zweikampf zu Boden, gefoult von seinem Münchner Klubkollegen Martin Demichelis.

          Doch statt einen Freistoß zu reklamieren, nutzte er den Vorteil des Schnelldenkers, lenkte den Ball im Liegen auf den durchlaufenden Podolski - und der konnte quer durch die entblößte Abwehr Klose finden. Der Torjäger musste in seinem 100. Länderspiel aus drei Metern nur noch ins leere Tor schieben.

          Auf der Tribüne sprang die Bundeskanzlerin vor Freude auf, die solche Kabinettstückchen aus ihrer Ministerrunde nicht gewohnt ist. Dann setzte sie sich wieder neben Südafrikas Präsidenten Zuma. Natürlich werden wir nie wissen, was dort auf höchster Ebene an Fußballfachgesprächen stattfand. Wir vermuten, Angela Merkel hat gesagt: Wer braucht einen Messi, wenn man einen Müller hat?

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