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Neapel trauert um Maradona : „Jetzt ist die Zeit der Tränen“

Niemanden liebten die Tifosi in Neapel so wie Diego Maradona. Bild: AFP

Neapel war die glücklichste Zeit im Fußball, vielleicht im Leben überhaupt von Diego Maradona. Doch dort schritt er auch auf den Abgrund zu, in den er würde fallen müssen. Neapels König war nicht nur sterblich, er war auch fehlbar.

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          Neapel war die glücklichste Zeit in der Laufbahn, vielleicht im Leben überhaupt des Diego Armando Maradona. In den Jahren von 1984 bis 1991, als er den SSC Neapel zu den zwei Scudetto 1987 und 1990, dazu zum italienischen Pokalsieg 1987 und zwei Jahre später zum Erfolg im damaligen Uefa-Pokal führte, erlebte Maradona seine höchsten Höhen im Fußball – gekrönt durch den Weltmeistertitel mit Argentinien bei der WM in Mexiko von 1986. Und er schritt in Neapel zugleich immer weiter auf den Abgrund zu, in den er würde fallen müssen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Neapel, so sollte sich schon bald nach Maradonas triumphaler Ankunft in der Hauptstadt Kampaniens herausstellen, war eine natürliche Wahl für Maradona. Und Maradona war eine natürliche Wahl für die Neapolitaner. Die morbide Metropole am Tyrrhenischen Meer war für Maradona kein bisschen fremd. Manche Ecke Neapels mochte ihn an Villa Fiorita erinnern, das Armenviertel im Herzen von Buenos Aires, in dem er aufgewachsen war. Über Neapel, seinem Hafen und dem Meer lag das gleiche Flair von tragisch-schöner Sehnsucht wie über Buenos Aires und dem Rio de La Plata. Es bestand auch keine nennenswerte Sprachbarriere. Denn das argentinische Spanisch ist ein Dialekt des Neapolitanischen – oder umgekehrt.

          Kein Spieler des SSC Neapel wurde von den Tifosi je so geliebt – und kein künftiger Spieler wird mutmaßlich je so geliebt werden – wie der „göttliche“ Maradona. Bis heute legen die vielen Geschäfte in der Altstadt mit den unglaublich kitschigen Maradona-Devotionalien, auch die vielen riesigen Wandgemälde und die kleinen Graffiti von dieser fanatischen Verehrung Zeugnis ab. Maradona, der kleine quirlige Mann aus der Fremde, gab den Neapolitanern das Gefühl, es den hochnäsigen Mailändern und den Turinern, auch den Hauptstädtern aus Rom endlich einmal gezeigt zu haben. Wenigstens im Calcio. Aber auch darüber hinaus.

          Noch am Mittwochabend, als die Nachricht vom Tod Maradonas im fernen Argentinien die Stadt erreichte, strömten die Tifosi mit Schals und Fahnen und Wimpeln auf die Straßen Neapels. Die Durchsetzung der Hygiene- und Abstandsregeln, auch der nächtlichen Ausgangssperre wegen der Corona-Pandemie blieb faktisch ausgesetzt. Überall krachten Feuerwerkskörper, brannten bengalische Feuer, wurden Kerzen entzündet. Noch am Abend verordnete Bürgermeister Luigi De Magistris für Donnerstag eine offiziellen Trauertag für den adoptierten Sohn der Stadt. Nach ihm, so will es nicht nur der Bürgermeister, soll schon bald das San-Paolo-Stadium umbenannt werden. Am Donnerstag wehte vor dem Stadion ein Banner mit der Aufschrift: „Unser unsterblicher König, deine Fahne wird nie aufhören zu wehen.“

          Doch der König war nicht nur sterblich, er war auch fehlbar. In Neapel ließ er sich schon früh mit der Camorra ein. Er verfiel dem Kokain, das ihm von seinen falschen Freunden jederzeit beschafft wurde. Es gab so viele Affären und Skandale neben dem Platz wie magische Momente auf dem Rasen. 1991 wurden in Urinproben Maradonas Spuren der Droge festgestellt, Maradona wurde weltweit für 15 Monate gesperrt und später von einem Gericht wegen Besitzes und Weitergabe der Droge zu 14 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Mit seinem Abgang bei Neapel 1991 setzte für Maradona, so erkennt man im Abstand von fast drei Jahrzehnten, der unaufhaltsame Niedergang ein. Dieser quälende Prozess des Sterbens kam am Mittwoch in Tigre im Norden von Buenos Aires zu seinem Abschluss.

          Die Hand Gottes: Maradonas legendäres Tor bei der WM in Mexiko gegen England 1986. Insgesamt nahm der Argentinier an vier WM-Turnieren teil und erzielte während seiner 91 Länderspiele 34 Treffer. Bilderstrecke
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          Der SSC Neapel, für den Maradona mehr als 250 Pflichtspiele absolvierte, fand für seine legendäre Nummer Zehn, die seit Maradonas Weggang nicht mehr vergeben wurde, zunächst keine Worte. Auf dem offiziellen Twitter-Account des Klubs hieß es: „Jeder erwartet von uns Worte. Aber welche Worte können wir für einen solchen Schmerz finden, den wir erleben? Jetzt ist die Zeit der Tränen. Die Zeit für Worte wird kommen.“

          Vor einigen Jahren widmete der britische Filmemacher Asif Kapadia Maradonas Zeit in Neapel einen Dokumentarfilm. Darin sagte Maradona, die italienischen Meistertitel mit Neapel seien ihm stets wichtiger gewesen als der Weltmeistertitel mit Argentinien: Den WM-Sieg habe er in der Ferne in Mexiko errungen, den zweifachen Scudetto mit Neapel aber daheim. Auf seiner lebenslangen Suche nach einer Heimat hienieden kam Maradona niemals und nirgendwo so nah ans Ziel wie in Neapel.

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