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Transfer von Mesut Özil : Last-Minute-Flucht nach London

Bild: dpa

Am letzten Tag der Transferperiode macht sich Mesut Özil auf den Weg zum FC Arsenal. Die Konkurrenz in Madrid wurde zu groß für den Ballkünstler ohne den nötigen Biss.

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          Der Endspurt auf dem sommerlichen Transfermarkt brachte nicht nur die langerwartete offizielle Vorstellung des Walisers Gareth Bale im Madrider Bernabéu-Stadion, seiner neuen Arbeitsstätte. Er brachte beim neunmaligen Champions-League-Sieger auch einen Abschied auf die Schnelle, der den Fans wehtun wird: Mesut Özil, vor drei Jahren von Werder Bremen gekommen, verlässt Real Madrid und geht für 50 Millionen Euro (so „Marca“) oder gar 46 Millionen Pfund („The Guardian“) zu Arsenal London. Dort würde er auf seine deutschen Kollegen Per Mertesacker und Lukas Podolski treffen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Wie das Madrider Sportblatt in der Printausgabe berichtet, sollen sich Özil und die Engländer bereits letzten Samstag geeinigt haben. Beim Treffpunkt der deutschen Nationalmannschaft am Montag in München verspätete sich Özil - offenbar mit gutem Grund: Er absolvierte wohl den obligatorischen Medizincheck praktisch auf der Durchreise auf deutschem Boden. In London erhält er einen Fünfjahresvertrag und ein Nettoeinkommen von jährlich angeblich sieben Millionen Euro erhalten. Die wiederholten Beteuerungen des Vierundzwanzigjährigen, er wolle bei Real bleiben - zuletzt noch in der vergangenen Woche -, sind damit überholt.

          Für 15 Millionen erworben, für 50 Millionen weiterverkauft

          Kein Vergleich allerdings zu dem Showtauziehen, das Tottenham Hotspur und Real Madrid zwei Monate lang um Gareth Bale veranstaltet haben. Nicht mehr als 91 Millionen Euro habe der Neuzugang gekostet, versichert Klubchef Florentino Pérez, der es sich nicht nehmen ließ, den athletischen Stürmer vor 20.000 Fans vorzustellen. Tottenham dagegen spricht mit stolzgeschwellter Brust von 101 Millionen. Aus mindestens zwei Gründen ist den Spaniern an der Verbreitung der niedrigeren Summe gelegen: weil es in kargen Zeiten besser ankommt, nicht mit hundert Millionen Euro um sich zu werfen, und weil der bisherige Star, Cristiano Ronaldo, auf diese Weise mit 96 Millionen Euro Kaufpreis der Rekordhalter bleibt und weniger Gefahr läuft, wegen drohenden Liebesentzugs traurig zu werden. Die Verhandlungen mit dem Portugiesen über eine Vertragsverlängerung zogen sich im Sommer lange hin - bis der Fußball-Beau bis 2018 unterschrieb, was bei 17 Millionen Euro Jahresgehalt kein Wunder war. Frischling Bale sagte bei seiner Präsentation artig, Ronaldo sei in Madrid „der Boss“ und „der beste Spieler der Welt“.

          Irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten könnte sich mal jemand am Kopf kratzen und die Frage stellen, was mit Mesut Özil passiert ist. Für 15 Millionen erworben, für rund 50 Millionen weiterverkauft, das klingt eigentlich nach einem prima Geschäft. Die Bilanz des Filigrantechnikers nach drei Jahren im weißen Trikot kann sich ebenfalls sehen lassen: 27 Tore in 158 Pflichtspielen, dazu 71 Torvorlagen. In den guten Zeiten ging von der Zusammenarbeit zwischen Özil und Cristiano Ronaldo oder Karim Benzema etwas Magisches aus. Aus dem Umfeld der Mannschaft war stets zu hören, die Achtung vor dem Linksfuß mit den Zauberpässen sei enorm, er selbst sprach vergangenen Mittwoch davon, es sei „eine Ehre, für diese Mannschaft zu spielen“.

          Die Luft bei Real ist zu dünn geworden

          Doch während die Fans ihn liebten und ihm seine Verschnaufpausen auf dem Platz verziehen, pendelte sich das allgemeine Özil-Image bei einem Unentschieden mit Grautönen ein: Er tauche zu oft ab, monierte die Sportpresse, er sei kein Matchwinner, habe nicht den nötigen Biss. Sein früherer Trainer José Mourinho schien dieses Bild zu bestätigen, als er den ehemaligen Bremer bei den hochdramatischen Clásicos gegen den FC Barcelona öfter auf der Bank ließ. Und es stimmt, Özil hat keines von Reals „Schicksalsspielen“ der letzten drei Jahre geprägt, weder die gewonnenen noch die verlorenen, kaum ein „big point“ ist zu vermelden. In Erinnerung bleiben Dribblings, Pirouetten und Zuspiele von atemnehmender Eleganz: Stoff für Träume, aber nicht für Pokale.

          Doch warum jetzt zu Arsenal, einem Klub, der immer mitmischt, aber partout nichts gewinnt? Weil die Luft bei Real schon vor der Ankunft von Gareth Bale sehr dünn geworden ist. Da ist ein Zugang wie der spanische U-21-Weltmeister Isco, eine Offensivkraft mit so viel Tordrang, dass er gleich im ersten Ligaspiel traf und am Sonntag beim 3:1 gegen Athletic Bilbao zwei Treffer nachlegte. Dann Luka Modric, gegen die Basken der Mann des Tages. Trainer Carlo Ancelotti lässt ihn in zentraler Mittelfeldposition vor der Abwehr agieren, und der Kroate, körperlich topfit, füllt die Rolle des Regisseurs aus wie noch nie.

          Am Sonntag spielte außerdem Di María, seit längerem ein Konkurrent des Deutschen, und glänzte mit einer zauberhaften Vorlage auf Ronaldos Kopf, die das 2:0 einleitete. Derweil saß ein nachdenklich dreinblickender Özil neben Kapitän Iker Casillas auf der Bank und rührte sich von dort nicht weg: Stars im Wartestand. Trainer Ancelotti, auch das ist in den ersten Wochen klargeworden, kommt völlig ohne Mourinhos demagogische Tricks aus, aber er hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie sein Team spielen soll. Mesut Özil, sehr zum Leidwesen der Fans, schien da nicht mehr ganz hineinzupassen.

          So wurde der Publikumsliebling im Handumdrehen zu Reals teuerstem Verkauf überhaupt. Lange hatte Robinho, der 2008 für 43 Millionen Euro zu Manchester City ging, die Bestmarke gehalten.

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