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Trainersuche beim HSV : Ein Nest für Tuchel

Ein schweigsamer Mann: Über Thomas Tuchel wird allerdings viel gesprochen – zum Beispiel beim Hamburger SV Bild: dpa

Der stark umworbene Trainer Tuchel will unbelastet neu anfangen. Der Hamburger SV bemüht sich intensiv um ihn - als Retter will sich der frühere Mainzer aber nicht zur Verfügung stellen.

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          Vor ein paar Wochen stand ein „Diktator“ vor Gericht. Mitten im freiheitlich-demokratischen Deutschland. Doch Thomas Tuchel verteidigte sich offenbar ganz gut im Mainzer Arbeitsgericht gegen die Vorwürfe des Mobbings und der sportlich ungerechtfertigten Behandlung seines ehemaligen Torwarts Heinz Müller, der seine Angriffe in dieser Woche im „Kicker“ in dem sehr fraglichen Gebrauch des Begriffs Diktator gipfeln ließ. Auch auf diesen Vorwurf hin ließ sich Tuchel nicht zu einer öffentlichen Stellungnahme hinreißen. Er wird vermutlich auch klug genug sein, auf mögliche rechtliche Schritte gegenüber Müller zu verzichten, dessen verunglimpfender Vergleich des Trainers mit einem gemeinhin mit Unrecht und Verbrechen in Verbindung gebrachten Politikertypus vermutlich auch justiziabel wäre. Stattdessen schweigt Tuchel und lässt auch in dieser Causa ohne sein Zutun spekulieren.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Genauso handhabt es der täglich in den Schlagzeilen auftauchende Trainer auch bezüglich seiner beruflichen Zukunft, die den stark umworbenen Arbeitssuchenden nach Stand der Dinge zum HSV führen könnte. Lediglich in der vergangenen Woche meldete er sich erstmals seit seinem selbstgewählten Abschied bei Mainz 05 im Mai vergangenen Jahres in einem Interview in der „Zeit“ ausführlicher zu Wort. Dort deutete Tuchel, der von seinen Erfahrungsreisen zu Jugendturnieren in Qatar, Hospitanzen bei einem Volleyballklub und einem Austausch mit einem Wettanbieter bezüglich der Bedeutung von Statistiken im Fußball während des Sabbatjahres berichtete, erstmals unzweideutig an, dass ein später Einstieg als Retter eines in die Krise geratenen Klubs in der laufenden Saison für ihn nicht mehr infrage komme. „Es ist mein großer Wunsch, unbelastet im Sommer neu anzufangen“, sagte Tuchel.

          So spricht in der Summe sehr viel dafür, dass das vom HSV auf vielen Wegen mit Stolz bestätigte Werben um Tuchel von Erfolg gekrönt sein könnte. Zuletzt hatte Aufsichtsratschef Karl Gernandt im NDR bestätigt, dass die Hanseaten die Option Tuchel „sehr, sehr intensiv und detailliert durchdekliniert“ und auch die finanzielle Unterstützung der Milliardäre Klaus-Michael Kühne, Alexander Otto und eines dritten anonymen Gönners sicher hätten. Die beinhalten nach Informationen der „Bild“-Zeitung ein Jahresgehalt von 3,2 Millionen Euro in den kommenden vier Spielzeiten und eine Sofort-Investitionssumme für Neuverpflichtungen von 25 Millionen Euro.

          Mission als Feuerwehrmann abgelehnt

          Das Paket klingt stimmig, zumal der Verein bereits im Laufe des vergangenen Jahres viel dafür getan hat, Tuchel ein Nest zu bauen: Zunächst hatte Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer schon sehr früh losen Kontakt mit Tuchel aufgenommen und beiderseitige Sympathien geweckt. Zudem sicherte sich der HSV die Dienste des zuvor in Hoffenheim tätigen Tuchel-Bewunderers Bernhard Peters, der in Hamburg die Verknüpfung zwischen Nachwuchs- und Profibereich verbessern soll. Und schließlich holte der HSV Peter Knäbel als Direktor Profifußball, den Tuchel in dessen Zeit als Technischer Direktor beim Schweizer Fußballverband schätzen gelernt hatte.

          Als der nun in Mainz zum Trainer beförderte Martin Schmidt im vergangenen Jahr sein Trainerdiplom bei Knäbel erwarb, reiste Tuchel als dessen Mentor mit nach Magglingen zum Verbandssitz. Anschließend war er so begeistert von den Gesprächen mit Knäbel, dass er in kleiner Runde einmal den Posten des Schweizer Nationaltrainers als einen seiner möglichen Traumjobs bezeichnete.

          Im Mainzer Trainingsanzug: Thomas Tuchel
          Im Mainzer Trainingsanzug: Thomas Tuchel : Bild: dpa

          Um nun statt in Magglingen künftig in Hamburg-Stellingen mit Tuchel zusammen arbeiten zu können, muss Knäbel allerdings eine schwierige Vorleistung erbringen. Da Tuchel eine Mission als „Feuerwehrmann“ offenbar ablehnt, obgleich es um sein mögliches neues sportliches Projekt geht, ist der Interimstrainer Knäbel gezwungen, den Klassenverbleib zu sichern. Nach einem Abstieg würde Tuchel nach Stand der Dinge wohl kaum anheuern, wenn man seine Antwort aus der „Zeit“ auf die Frage nach einem zweitklassigen Wiedereinstieg ernst nimmt: „Es ist schwer vorstellbar.“

          Wer die Detailversessenheit Tuchels bei der Autorisierung von Interviews kennt, der muss eine solche Aussage als eine conditio sine qua non interpretieren. Eben jene Autorisierungspraxis lieferte am Rande weitere Kuriositäten: In der im Internet am Tag nach Erscheinen der gedruckten „Zeit“ veröffentlichten Version des Interviews legte Tuchel offenbar Wert darauf, dass zwei Antworten für die Ewigkeit des unvergesslichen Netzes gestrichen werden. Zum einen hatte er offenbar Furcht, dass von ihm zitierte anerkennende Worte von Pep Guardiola zu sehr als Eigenlob ausgelegt werden könnten. Auf die Frage, ob er sich ein weiteres Jahr Auszeit vorstellen könne, sagte er zudem nur gedruckt: „Ausschließen kann ich das nicht, aber es ist nicht mein Wunsch“. Womöglich konnte er es nur einen Tag später noch mehr ausschließen als bei Druckbeginn. Also scheint es sehr plausibel, dass der fast allerorten begehrte Trainer Ende Juni zum Vorbereitungsbeginn erstmals wieder auf einem Trainingsplatz stehen wird. Und das mit großer Sicherheit im deutschsprachigen Raum, da „er um die Bedeutung der Sprache als elementares Führungswerkzeug“ wisse.

          Bei einem erstklassigen HSV könnten die Spieler also bald Tuchels stets deutliche Sprache auf dem Trainingsplatz vernehmen. Die letzte Entscheidung, so ließ Aufsichtsratschef Gernandt wissen, liege nun bei Tuchel allein. Ein Diktator ist er deshalb aber noch lange nicht.

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