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Tottenhams Trainer Pochettino : Der kleine Guardiola trifft auf Dortmund

Der Entwickler der Spurs: Trainer Mauricio Pochettino. Bild: dpa

Mauricio Pochettino ist der Aufsteiger der Saison in der Trainergilde – knapp vor Thomas Tuchel, auf dessen BVB er in der Europa League trifft. Der Argentinier hat ein besonderes Erfolgsrezept.

          Diesen Donnerstag in Dortmund (19.00 Uhr / Live bei Sky und im Europa-League-Ticker bei FAZ.NET) erlebt Mauricio Pochettino sein hundertstes Spiel als Trainer von Tottenham Hotspur. Vielleicht schon eines seiner letzten, fürchten Spurs-Fans. Sie haben vom spekulativen Interesse von Klubs wie Chelsea oder Manchester United an ihrem Trainer gelesen. Zuletzt war auch Real Madrid in der Verlosung. Pochettino hat zwar einen Vertrag bis 2019, aber wenn der Gigant der spanischen Liga ruft, wo Pochettino bei Espanyol Barcelona zehn Jahre lang Spieler und fast vier Jahre Trainer war, kann man für nichts garantieren.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Der 44-jährige Argentinier ist der Aufsteiger der Saison in der internationalen Trainergilde - knapp vor Thomas Tuchel, seinem Konkurrenten an diesem Donnerstag im Achtelfinale der Europa League. Wie die Borussen sind die Spurs Zweiter ihrer Liga, beide fünf Punkte hinter der Spitze, und beide haben noch die verpasste Chance des vergangenen Wochenendes frisch im Gedächtnis. Dortmund kam den Bayern beim 0:0 im direkten Duell nicht näher. Tottenham verlor beim 2:2 im Derby gegen Arsenal Boden auf Leicester City - und das durch ein Gegentor in Überzahl.

          Keine Kraft sparen für die Meisterschaft

          Wie geht man nun mit der Zusatzbelastung Europa um? Alles auf die Europa League setzen? Lieber Kräfte für den Liga-Endspurt sparen? Pochettino beteuert, die Europa League sei „ebenso wichtig“ wie die Meisterschaft. Doch die Anhänger der Spurs wissen es besser. Sie warten seit 55 Jahren auf den Meistertitel. Sollte dem Sensationsteam Leicester doch noch die Puste ausgehen, muss Pochettinos Team bereit sein.

          Bisher hat er in der Europa League Top-Spielern gern Pausen gegönnt. Dafür durften andere, die in der Premier League seltener zum Zuge kamen, sich dort austoben - wie Heung-min Son, der auf zwei Tore und drei Torvorlagen in fünf Spielen kommt. Die Verpflichtung des Koreaners, für dreißig Millionen Euro aus Leverkusen gekommen, war in dieser Saison die Ausnahme angesichts der neuen Sparsamkeit der Spurs auf dem Transfermarkt. Sie hat damit zu tun, dass der Klub Geld für den Ausbau des Stadions an der White Hart Lane braucht - aber auch damit, dass Pochettino lieber junge Spieler formt als fertige Spieler kauft.

          „Pochettino ist der Richtige“, sagt Thierry Henry. Ausgerechnet der legendäre Stürmer des Spurs-Rivalen Arsenal sieht Tottenham nun reif für den Titel, „denn sie haben eine Menge junger Spieler, die schon wichtige Rollen spielen“. Allen voran gilt das für Harry Kane, den Pochettino im November 2014 erstmals in die Startelf holte - anstelle des 30-Millionen-Euro-Stürmers Roberto Soldado, einem der überteuerten Einkäufe, mit denen die Spurs 2013 den 100-Millionen-Euro-Erlös aus dem Verkauf von Gareth Bale zu Real Madrid verpulvert hatten. Es wurde ein Wechsel mit Strahlkraft. Der Junge aus der eigenen Jugend hat seitdem jedes Ligaspiel von Beginn an bestritten: 47 Einsätze mit 37 Toren. Neben dem 19-jährigen neuen Mittelfeldstar Dele Alli, der im Hinspiel in Dortmund gesperrt fehlen wird, ist der 22-jährige Kane der große Hoffnungsträger nicht nur der Spurs, sondern ganz Englands für die EM im Sommer.

          Detailversessen: Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino (l.) erklärt Harry Kane Fußball

          Pochettino will junge, lernfähige Spieler - ein Geistesverwandter des gleichaltrigen Pep Guardiola, der ihn in respektvoller Erinnerung hat. In ihrer gemeinsamen Debüt-Saison in der spanischen Liga, die Guardiola 2009 das Triple mit dem FC Barcelona brachte und Pochettino die Rettung von Espanyol Barcelona von einem Abstiegsplatz ins Mittelfeld, bezog Guardiola auf dem Weg zur Meisterschaft eine einzige Heimniederlage im Camp Nou: gegen Espanyol und Pochettino.

          Ballbesitz und Pressing

          Wie Guardiola geht es Pochettino um Ballbesitz und Pressing und um jedes Detail. Seine Trainingseinheiten sind von höchster Intensität - einer der modernen Trainergeneration, die bei jeder Übung von jedem Spieler vollen Einsatz verlangt. Er macht ihn vor, ist meist von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends auf der Anlage. Das sei sein Leben, sagt er: „Jeden Tag vom Hotel zum Training und zurück.“

          Beim Wechsel in die Premier League 2013, nach Southampton, hatte Pochettino das in England ungewohnte zweimal tägliche Training eingeführt. In der Saisonvorbereitung bei Tottenham, wohin er 2014 ging, ließ er an manchen Tagen sogar dreimal trainieren. Das Resultat: Sein Team ist das laufstärkste der Premier League, hat die beste Abwehr, die beste Tordifferenz, die beste Auswärtsbilanz und die stabilste Form. „Ich war in meinem Leben noch nie so fit“, sagt Kane.

          Und vielleicht wird Pochettino, wird der kleine Guardiola am Ende sogar der neue Guardiola. Denn Manchester City, wohin Guardiola diesen Sommer wechselt, baut laut Berichten des „Daily Mirror“ schon für den Fall vor, dass der Trainer-Star, so wie jetzt bei den Bayern, nach drei Jahren weiterziehen wird. Dem Boulevardblatt zufolge ist City-Sportchef Txiki Begiristain schon mit dem Scouting des Trainers für die Zeit nach Guardiola, von 2019 an, befasst. Ganz oben auf seiner Liste sollen zwei stehen, die dem Trainer-Guru in ihrer Fußballidee ähneln. Diesen Donnerstag stehen sie sich im inoffiziellen Guardiola-Casting gegenüber: Pochettino und Tuchel.

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