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Tottenham Hotspur : Wie auf der Titanic

Der neue Mann auf der Brücke: Harry Redknapp Bild: REUTERS

Teuer und luxuriös, doch nur scheinbar gefeit vor dem Untergang: Der schlafende Riese Tottenham Hotspur versucht, zurück auf Erfolgskurs zu kommen. Neu-Trainer Redknapp könnte der richtige Mann sein, um Linie in Team und Klub zu bringen.

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          Zwei Punkte aus acht Spielen: Das letzte Mal, dass Tottenham Hotspur ähnlich schlecht in eine Saison startete, war 1912, im Jahr, in dem die Titanic sank. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Tottenham und Titanic: beide teuer und luxuriös, aber technisch doch nicht so modern wie geglaubt; mit einer Handvoll Millionäre auf dem Sonnendeck und einem Haufen Normalverdiener auf den einfachen Plätzen – und nur scheinbar gefeit vor dem Untergang.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Doch jetzt steht ein Neuer auf der Brücke, es ist der beim Volk wohl beliebteste Trainer der Insel; nur nicht mehr in Portsmouth. Dort verabschiedete sich Harry Redknapp in der Nacht zum Sonntag, wenige Stunden vor dem Spiel gegen Fulham, Richtung Tottenham. Eine Vertragsklausel erlaubte ihm die sofortige Freistellung gegen eine Zahlung von fünf Millionen Pfund, und der 61-Jährige heuerte Knall auf Fall als Nachfolger von Juande Ramos beim Tabellenletzten der Premier League an. Stunden später saß er auf der Bank an der White Hart Lane und sah den ersten Saisonsieg seines neuen Teams, ein 2:0 gegen Bolton.

          Der wohl schnellste Trainerwechsel der neueren Fußballgeschichte

          Zur selben Zeit beschimpften ihn seine alten Fans im Fratton Park auf Transparenten als „Judas“. Am Dienstag hat sich Redknapp dennoch wieder nach Portsmouth getraut, wo man ihm für den Pokalsieg im Mai die Ehrung „Freedom of the City“ gewährte. Zu seinem Nachfolger wurde der bisherige Assistent Tony Adams ernannt.

          Er soll Team und Klub wieder auf Linie bringen
          Er soll Team und Klub wieder auf Linie bringen : Bild: AFP

          Samstag noch Boss bei „Pompey“, Sonntag schon auf der Bank der „Spurs“: Es war der wohl schnellste Trainerwechsel der neueren Fußballgeschichte. Und so seltsam Redknapps Rochade sportlich-kurzfristig aussehen mochte, so logisch erschien sie strategisch-langfristig. Im modernen Finanz-Fußball agieren auch Trainer wie Investoren, sie investieren Marktwert und Lebenszeit, und ein Kleinklub wie Portsmouth, der nur ein Stadion von 20.000 Plätzen hat, wird schnell zur Sackgasse. Tottenham dagegen ist ein gut vermarktetes Unternehmen, das sich unter Klubchef Daniel Levy zu einem der zwölf umsatzstärksten Vereine der Welt entwickelt hat – und das, ohne je in der Champions League zu spielen.

          Gesucht: Sportliche Kontinuität

          Es ist ein schlafender Riese. Der „Guardian“ berichtete, dass der Agent Pini Zahavi in Asien für Klubbesitzer Joe Lewis, der beim Kollaps der Bank Bear Stearns rund 400 Millionen Pfund verlor, auf Käufersuche sei. Das Geld eines ausländischen Investors könnte die Spurs in Reichweite der vier Top-Klubs bringen.

          Doch vor allem ist sportliche Kontinuität gesucht. Ramos, der als zweimaliger Uefa-Cup-Sieger aus Sevilla nach London kam, sich dort aber nur 364 Tage hielt, war schon der fünfte entlassene Trainer in sieben Jahren unter Levy. Auch gestandene Nationaltrainer scheiterten, wie Hoddle und Santini. Und es war ausgerechnet der frühere Assistent Martin Jol, heute beim Hamburger SV, der es als Chef am längsten und mit Platz fünf auch am besten machte.

          Pawljutschenko braucht Zeit, um sich zurechtzufinden

          Der Knacks in dieser Saison kam mit einem kaufmännischen Erfolg, der ein sportliches Dilemma wurde. Das Interesse der Top-Klubs aus Liverpool und Manchester an den Stürmern Robbie Keane und Dimitar Berbatow reizte Tottenham zu Verkaufserlösen von rund 20 Millionen Pfund für den Iren und von mehr als 30 Millionen für den Bulgaren aus. Doch weil der Berbatow-Deal erst drei Stunden vor Ende der Transferperiode besiegelt wurde, blieb keine Zeit, die Lücke im Angriff komplett zu schließen. Der einzige Sturm-Kauf, der Russe Roman Pawljutschenko, braucht noch Zeit, um sich zurechtzufinden.

          Wie überhaupt das Team, in dem jahrelang Spieler scharenweise gekauft und wieder abgestoßen wurden, ein Gesicht sucht. Der Kader steckt voller Klasse, die sich aber nur in Namen, nicht in Resultaten spiegelt. Er hat mit King, Bentley, Jenas, Lennon, Woodgate und Bent sechs englische Nationalspieler, und allein 2008 wurden für acht Profis, darunter die kroatischen EM-Stars Modric und Corluka, rund 80 Millionen Pfund ausgegeben. Auch in der Bundesliga wurde eingekauft, doch die früheren Berliner Gilberto und Kevin-Prince Boateng bekamen kaum ein Bein auf den Boden.

          Der Rehhagel von England

          Redknapp, der Rehhagel von England, könnte der richtige Mann sein, um Linie in Team und Klub zu bringen. Er hat einen Humor, der beim Volk wie bei den Spielern ankommt. Und seine Geschäftstüchtigkeit macht auch vor Grauzonen nicht halt. 2007 war er im Zuge von Betrugsermittlungen gegen den Fußballagenten Willie McKay vorübergehend festgenommen worden. Die Ermittlungen laufen, Redknapp beteuert seine Unschuld. Er tat das auch gegenüber Levy, der ihm glaubte und ihn verpflichtete.

          Nach dem Sieg gegen Bolton steht an diesem Mittwoch das hitzigste Saisonspiel der Spurs an, das Nord-Londoner Derby bei Arsenal (von 21.00 Uhr an im FAZ.NET-Liveticker); und am Samstag die Reise zu Tabellenführer Liverpool. „Das ist doch ein leichter Start“, so Redknapps Kommentar zur ersten Arbeitswoche. „Neun Punkte, was will man mehr?“ Auch auf der Titanic wurde damals viel gelacht.

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