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Torwart Casillas : Der heilige Iker

Aufstieg zur Legende: Casillas führt Spanien 2008 zum Europameistertitel - zwei Jahre später wird er Weltmeister Bild: dpa

Torhüter Casillas steht für alles Gute, was Real Madrid einmal bedeutete. Gegen England wird er Spaniens Rekordnationalspieler - ausgerechnet in Wembley, wo er erstmals das spanische Trikot trug.

          3 Min.

          Bis zum aufwühlendsten Fernsehauftritt seiner Karriere galt der Torwart Iker Casillas als zurückhaltender Mensch. Doch als seine Freundin, die TV-Reporterin Sara Carbonero, ihn nach dem Gewinn des Weltmeistertitels 2010 vor laufender Kamera fragte, wie er sich nach dem Triumph denn so fühle, konnte der Stammtorhüter der spanischen Nationalmannschaft nicht an sich halten und drückte der verblüfften Interviewerin einen langen Kuss auf die Lippen. Dann huschte er mit Tränen in den Augen aus dem Bild.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Inzwischen ist der Kapitän von Real Madrid und der Selección wieder „der heilige Iker“ - der verlässlichste Mann zwischen den Pfosten, den man sich denken kann, jeder Show abgeneigt und der ruhende Pol seiner Hintermannschaft. Und wenn er an diesem Samstag gegen England das 126. Länderspiel seiner Laufbahn bestreitet, stellt er nicht nur den Rekord von Spaniens Torwartlegende Andoni Zubizarreta ein, sondern kehrt auch ins Wembley-Stadion zurück, wo er als Sechzehnjähriger bei einem Jugendturnier erstmals das spanische Trikot trug.

          Keine Angst vorm Trainer: Gegenüber Mourinho (l.) steigert Casillas seine moralische Autorität
          Keine Angst vorm Trainer: Gegenüber Mourinho (l.) steigert Casillas seine moralische Autorität : Bild: AFP

          Der Kuss ist fast schon das Farbigste, was sich von Iker Casillas überhaupt erzählen lässt, so still und skandalfrei hat der heute Dreißigjährige, das vorerst letzte Produkt der Madrider Talentförderung, sein bisheriges Fußballerleben verbracht. Er hat seine Meinungen, bleibt aber bescheiden und plustert sich nicht auf. Die Einschüchterungsgesten, das Muskelrollen anderer Torleute ist nicht seine Sache. Auch seine Schreie, mit denen er im Strafraum die Verteidigung organisiert, sind von der leiseren Sorte. Mit neunzehn war er ein bartloser Junge mit nettem Gesicht, und vieles davon hat er sich bewahrt.

          Nur wenn man sich seine Rettungstaten noch einmal auf dem Bildschirm ansieht, wird einem klar, was der Mann an Coolness, Athletik und Reflexen zu bieten hat. Zum Beispiel die Rettungstat gegen Perotti vom FC Sevilla vor zwei Jahren, für englische Fußballexperten nur noch mit Gordon Banks' spektakulärem Sprung 1970 gegen einen Pelé-Kopfball zu vergleichen: Parallel zur Torlinie zischt die Kugel dem einschussbereiten Perotti vor die Füße, doch während das Leder fliegt, sprintet Casillas in Richtung Spieler und macht sich schon lang, als Perotti gerade zum Schuss ansetzt. Und er hält. Verhindert ein sicheres Tor. Überlistet Zeit und Raum, wie er es schon oft gemacht bei einer Madrider Verteidigung, die nicht immer auf das Verhindern von Gegentreffern aus war. Sieht man sich die Szene sieben- oder achtmal an, glaubt man irgendwann, jetzt müsse der Ball doch mal im Netz landen. Aber Iker Casillas hält ihn immer und immer wieder.

          Das Pech der Kollegen öffnet Casillas die Tür

          Das Pech seiner älteren Konkurrenten war für den jungen Casillas mehrmals der Türöffner. Ende 1999 machte ihm eine Schulterverletzung des ehemaligen deutschen Nationaltorhüters Bodo Illgner den Weg ins Real-Tor frei. Kaum drei Jahre später verletzte sich der damalige spanische Stammkeeper Santiago Cañizares durch eine zerbrochene After-Shave-Flasche am Fuß, und abermals war Casillas der Nutznießer. In jenem Sommer 2002 hielt er im Achtelfinale gegen Irland zwei Elfmeter. Seitdem ist er unangefochten und hat sich über die Jahre den Ruf des besten Torwarts der Welt erarbeitet. Schwächen hat er bei hohen Bällen; doch bei Flachschüssen, Getümmel im Strafraum, bei Elfmetern und im Kampf Mann gegen Mann gibt es wohl niemanden, der solche Reflexe zeigt und so eisern die Nerven bewahrt. Dreimal nacheinander hat ihn die International Federation of Football History and Statistics zum besten Torwart der Welt gewählt.

          Gefahr drohte Casillas, der sich bis 2017 an Real Madrid gebunden hat, ausgerechnet vom eigenen Verein. Als die Veteranen Raúl und Guti den Klub im Sommer 2010 verließen, wurde Casillas Kapitän, nur um seine Führungsrolle ein Jahr später durch den selbstherrlichen Trainer José Mourinho gefährdet zu sehen. Ihm sei es lieber, so der Coach, wenn ein Feldspieler die Kapitänsbinde trage. Doch der Ankündigung folgten bisher keine Taten. Womöglich wäre der Aufschrei der Fans lauter, als selbst ein Mourinho verkraften könnte.

          Immer Haltung bewahren

          Auch bei einem anderen Thema, das Charakterstärke erfordert, hat sich Casillas gegen seinen Trainer durchgesetzt. Statt nach hitzig geführten „clásicos“ die verbalen Attacken gegen den Erzrivalen FC Barcelona mitzumachen und so das Schlachtklima zu schüren, das Mourinho sich so sehnlich wünscht, rief Casillas seinen Freund Xavi an und schaffte es, zusammen mit dem Barça-Regisseur die Wogen zu glätten. Ob er dafür oder aus anderen Gründen für eine Partie auf die Ersatzbank musste, ist strittig, doch seine moralische Autorität ist weiter gewachsen. Der Kapitän lässt sich nicht einschüchtern, lautet die Botschaft. Nach Raúls Weggang repräsentiert niemand so sehr wie Iker Casillas all das, was man bei Real Madrid einmal unter dem Begriff „Vornehmheit“ verstand: Bescheidenheit im Sieg, Fairness in der Niederlage. Und immer Haltung bewahren.

          In seinem Heimatort Móstoles, einer Schlafstadt im Madrider Südwesten, die es inzwischen auf zweihunderttausend Einwohner bringt, hat man ihm schon so ziemlich alle Ehrungen verschafft, die ein lebender Mensch kriegen kann - die Goldmedaille der Stadt, den Titel des „bevorzugten Sohns“, eine Art Ehrenbürgerschaft, und selbst einen Fußballplatz hat man nach ihm benannt. Nur eine Straße darf seinen Namen nicht tragen, denn dafür müsste die geehrte Person verstorben sein. Es bleibe ihm wohl nichts anderes übrig, sagte der Bürgermeister von Móstoles, als die Statuten zu ändern. Wenn Iker Casillas so weitermacht, könnte es glatt dazu kommen.

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