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Torsten Frings : Der Kampf des Graswurzelspielers

  • -Aktualisiert am

Torsten Frings: keiner dieser modernen Fußball-Streber Bild: REUTERS

Lange galt er in der Nationalelf als unverzichtbar, nun steht er offenbar zur Disposition. Aber abschreiben sollte man Torsten Frings deshalb noch lange nicht - auch nicht vor dem Champions-League-Spiel in Athen an diesem Mittwoch.

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          Nein, Torsten Frings ist keiner dieser modernen Fußball-Streber, die abgewogen argumentieren, sich immer verbessern wollen und irgendwann nur noch zartes Hühnerfleisch essen und abgekochtes Wasser trinken, weil ihr Ernährungsberater es geraten hat. Torsten Frings hat auch keinen Karriereplan, oder falls doch, ist der Plan eher bauchgesteuert. Torsten Frings ist in vielen Dingen ziemlich old school. Fußball ist ein Kampfsport für ihn, und dazu gehört eine brachiale Rhetorik. Er trägt keine pflegeleichte Kurzhaarfrisur wie die Systemspieler Simon Rolfes oder Thomas Hitzlsperger.

          Seit vielen Jahren ist die lange Mähne sein Begleiter, gebändigt mit einem Stirnband wie einst bei Rambo in den Wäldern auf der Flucht. Man muss den Hummer-Fahrer Frings und seine derben Beurteilungen nicht mögen, aber wenn man ihn spielen sieht, wird man an die grundlegenden Eigenschaften des Spiels erinnert: Laufen, Kämpfen, Grätschen. Den Gegner nerven, im Weg stehen, durch Körpersprache Überlegenheit dokumentieren, man könnte sagen: deutsche Tugenden.

          Torsten Frings - ein gutes Stück Bundesliga

          In 317 Bundesliga-Spielen hat Torsten Frings diese seit 1996 bewiesen, übrigens ohne ein einziges Mal die Rote Karte zu sehen. Er hat sich fast immer der 30-Spiele-Marke pro Saison angenähert, die Mannschaften in Bremen, Dortmund, München und nun wieder Bremen mit seinem Einsatz angeführt - nur das Tor hat er zuletzt immer seltener getroffen, weil er weiter hinten gebraucht wurde. Torsten Frings ist also ein gutes Stück Bundesliga, und mit 78 Länderspielen war er bislang auch ein gutes Stück Fußball-Deutschland.

          Torsten Frings trägt keine pflegeleichte Kurzhaarfrisur
          Torsten Frings trägt keine pflegeleichte Kurzhaarfrisur : Bild: ddp

          Das ist nun vorbei. Denn im deutschen defensiven Mittelfeld ist er an Position vier gerutscht; hinter Ballack, Rolfes und Hitzlsperger. Von Bundestrainer Löw beim letzten Doppelspieltag auf die Bank gesetzt, protestierte Frings via „Bild“ und sprach vom Rücktritt (siehe auch: Nationalelf: Bankdrücker Torsten Frings denkt an Rücktritt). Kern seiner Aussagen war, dass er Hitzlsperger und Rolfes möge, aber: „Sie sind nicht besser.“ Nein, wohl nicht. Aber sie sind anders. Und jünger, beide 26 Jahre alt. Bei Frings hingegen rechnet man einfach sein Alter vor, das er in knapp zwei Jahren bei der WM in Südafrika haben wird: 33 und neun Monate. Alte Verdienste zählen nichts im Fußball, und für die laufintensive Rolle vor der Abwehr braucht man Spieler, die topfit und gesund sind. Da steht hinter dem Frings des Sommers 2010 ein Fragezeichen.

          Rolfes und Hitzlsperger teilten sich seine Rolle

          Womöglich wäre er weiter unverzichtbar, hätte die deutsche Auswahl nicht ohne ihn im Viertelfinale der EM gegen Portugal das beste Spiel seit Jahren gemacht. Frings hatte bis dahin keine gute EM gespielt, zahnlos und ohne Impulse, galt als Mann neben Ballack aber als gesetzt. Dann war er wegen einer Rippenverletzung ausgefallen, und Rolfes und Hitzlsperger teilten sich seine Rolle. Das war schon mal ein Zeichen.

          Frings kann Negatives ausblenden. Im Juli 2007 zog er sich einen Innenbandschaden im rechten Knie zu. Im Oktober spielte er wieder, fünf Einsätze, dann gab es abermals Probleme, und das Knie wurde eingegipst. Im Januar 2008 riss er sich das Innenband im gerade geheilten Gelenk. Nur elf Spiele bestritt Frings in der Serie 2007/2008 für Werder - als Bremen am Ende sechs Mal in Folge gewann und auf Platz zwei einkam, war Frings wieder in bester Form.

          Frings hat eine gewisse Verdrängung auf dem Platz

          Den Glauben an sich hat er nie aufgegeben, und wenn in Bremen manchen seine regelmäßige große Klappe auch nervt, so wollen sie auf ihren Antreiber nicht verzichten. In internationalen Spielen wie in der Champions League an diesem Mittwoch bei Panathinaikos Athen ist Frings einer der Profis, die der Gegner kennt und respektiert (20.45 Uhr / Live bei Sat.1, Premiere und im FAZ.NET-Liveticker).

          Unbekannt dürfte den Griechen Christian Vander sein, der für den verletzten Tim Wiese im Tor stehen wird. Erinnert sei nur an den nationalen Aufschrei, als Frings bei der WM 2006 für das Halbfinale gegen Italien gesperrt wurde. Kehl konnte Frings nie ersetzen. Frings hat eine gewisse Verdrängung auf dem Platz und die internationale Erfahrung aus großen Spielen, die Hitzlsperger und Rolfes (noch) fehlt.

          In seiner Art zu denken ist Frings altmodisch

          Neben dem derben Graswurzelspieler Frings wirken die beiden wie idealtypische Schwiegersöhne mit roten Bäckchen. Aber gegen manche Gegner sind ihre strategischen Fähigkeiten genauso wichtig wie Frings' kämpferische und signalgebende Aktionen. In seiner Art zu denken ist Frings altmodisch: für ihn gehören Führungsspieler (wie er) zum Fußball. Die Konkurrenten bevorzugen eine flache Hierarchie.

          Löw hat ausgesprochen kühl auf Frings' Ansinnen reagiert, er möge ihm eine Stammplatzgarantie ausstellen. In dieser Serie hat Rolfes bei Leverkusen stark gespielt, Hitzlsperger in Stuttgart gut und Frings eher mäßig, glaubt man den Noten, die der „Kicker“ vergibt. So mag die Leistungskurve neben dem Alter zuletzt einfach gegen Frings gesprochen haben. Dass er dann gleich so theatralisch und weinerlich auf die Bankversetzung reagiert hat, war enttäuschend für alle, die den Kämpfer Torsten Frings mögen. Eine Antwort sollte er eher auf dem Platz geben - es würde viel besser zu ihm passen. Und noch spielen Hitzlsperger und Rolfes nicht in der Champions League.

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