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Torjäger im Abseits : Alex Meier ist nicht der Erste

Alex Meier Bild: Imago

Für die Frankfurter Eintracht trifft Alex Meier aus allen Lagen. In den Planungen des Bundestrainers spielt er aber keine Rolle. So wie andere vor ihm. Warum sollte er auch?

          3 Min.

          In der Politik könnte man sagen: Der Kandidat hat zwar ein paar Punkte eingebüßt, besitzt aber immer noch eine äußerst komfortable Mehrheit. Bei 65,4 Prozent Zustimmung lag Alex Meier vor dem Spiel seines Eintracht an diesem Samstag (15.30 Uhr/ live in Sky und F.A.Z.-Liveticker) bei der Online-Abstimmung des „Kicker“. Ein bisschen weniger als zu Wochenmitte, aber immer noch hauchdünn unter der Zwei-Drittel-Marke. Nun muss man kein Sozialforscher sein, um zu wissen, dass der Aussagewert solcher Voten begrenzt ist – beim HSV erinnert man sich nicht so gern daran, wie Werder-Fans einmal in einer konzertierten Aktion Ailton zum „Spieler des Jahres“ wählten, weil der gegen Bremen eine allerbeste Chance versiebt hatte. Aber allein, dass eine Frage gestellt wird, kann ja auch schon etwas sagen.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          „Ist Alex Meier ein Kandidat für Löws EM-Kader?“ Das ist ein Thema, das nicht nur beim „Kicker“ diskutiert wird, sondern auch an den Stammtischen der Fußballrepublik und deren virtueller Verlängerung in den sozialen Medien. Es ist jedenfalls hier wie dort nicht allzu schwer, Leute zu finden, die der Meinung sind, Joachim Löw brauche einen wie den Frankfurter, der am vergangenen Sonntag aus drei Chancen drei Tore machte und damit aus einem verloren geglaubten Spiel für die Eintracht ein 3:2 gegen Wolfsburg. Einen echten Torjäger eben. „Der Sieg“, sagte Eintracht-Trainer Armin Veh, „war nicht verdient, aber wir hatten Alex Meier.“

          Online-Petition für DFB-Berufung

          Die „11 Freunde“, Zentralorgan der deutschen Fußballromantiker, nahmen diese drei Tore Meiers gar zum Anlass, eine Online-Petition für eine Berufung in die Nationalmannschaft zu starten. Mit diesem Aufruf ist es allerdings ein bisschen so wie mit der Debatte an sich: Man weiß nie so ganz genau, ob sie wirklich ernst gemeint ist oder ob sie nicht doch eher einem alten Ritual folgt, Stürmer sind schließlich schon länger ein beliebtes Thema, wenn es um das Nationalteam geht. Oder, ob es vielleicht am Ende vor allem um die reine Lust geht, einen kleinen Fußball-Kult zu betreiben mit jemandem, der sich so gut wie kaum ein anderer in diesem Geschäft für so etwas eignet.

          Alex Meier – in Frankfurt hat er längst den Status Fußballgott
          Alex Meier – in Frankfurt hat er längst den Status Fußballgott : Bild: Wonge Bergmann

          Es ist wohl ein bisschen was von alledem. Meier, 33 Jahre alt und seit elfeinhalb Jahren bei der Eintracht, ist die perfekte Projektionsfläche für all jene, die eine Sehnsucht nach Bodenständigkeit und Erdung plagt: unglamourös, aber verlässlich, im besten Sinne alte Schule eben. Dass dieser Meier dennoch höchst zeitgemäß ist, steht außer Frage – zumindest, wenn man es aus der Frankfurter Perspektive sieht. „Er trifft mit dem Fuß, er trifft mit dem Kopf, er trifft, wie er will, sogar mit dem Zopf – Alex Meier, Fußballgott“, singen die Eintracht-Fans.

          Und das mit allem Grund bei 85 Treffern in 249 Spielen – eine Bilanz, die ihn in der Liste der besten noch in der Bundesliga aktiven Schützen auf Rang sechs bringt, gleichauf mit Thomas Müller und vor Marco Reus, Arjen Robben und Klaas-Jan Huntelaar. Klettert man in dieser Rangliste noch ein bisschen höher, landet man bei zwei Namen, die ebenfalls Stoff für endlose Debatten zum selben Thema lieferten: Kevin Kuranyi (111 Tore, Rang drei) und Stefan Kießling (138 Tore, Rang zwei) – auch das waren zwei Profis, die lange Zeit einen beständigen Tore-Output lieferten und dennoch zu den von Löw Verschmähten gehörten, auch wenn sie im Gegensatz zu Meier eine Weile lang hatten dabei sein dürfen.

          Aus fachlicher Sicht könnte man den Kern der Frage vielleicht so formulieren: Ist das alles ein alter Hut? Oder hat Meier etwas, was diese beiden nicht hatten? Es ist ja gar nicht so, wie gerne einmal behauptet wird, dass der Bundestrainer ein grundsätzliches Problem mit Stürmern hätte. Er hat nur ein Ideal vom Fußball entwickelt, das ganz gut ohne sie auskommt – zumindest solange sie nicht die kombinatorischen Fähigkeiten eines Miroslav Klose oder, vergleichsweise, eines Robert Lewandowski haben.

          Auch um ihn und die Nationalmannschaft wurde schon viel diskutiert: Kevin Kuranyi
          Auch um ihn und die Nationalmannschaft wurde schon viel diskutiert: Kevin Kuranyi : Bild: AP

          Und so mochte das deutsche Spiel in der EM-Qualifikation manchmal geradezu quälend um sich selbst kreisen. Es bleibt aber aus Trainer-Sicht eine ziemlich einfache Abwägung: Was würde ich gewinnen, wie viel würde ich verlieren, wenn statt eines „falschen Neuners“, wie ihn etwa Mario Götze oder auch Thomas Müller verkörpert, ein anderer spielte? Der Bundestrainer hat darauf eine ziemlich deutliche Antwort gegeben, vor dem Georgien-Spiel im vergangenen Herbst in Leipzig. Da ließ Löw keinen Zweifel daran, dass der Spielstil, der das Team zum WM-Titel geführt hat, auch weiterhin nicht zur Debatte stehe. „Von diesem Weg gibt es kein Abkommen.“

          ...oder um ihn: Stefan Kießling
          ...oder um ihn: Stefan Kießling : Bild: dpa

          Konkret war Löw nach den Perspektiven für Mario Gómez und Meier gefragt worden – und dass er auf Letzteren mit keiner Silbe einging, sagte alles. Einer wie Meier hat keinen Platz in Löws Gedanken, weil er nicht in dessen Schema und System passt. Und es gibt gute Gründe, dem zu folgen. Meier ist kein klassischer Stürmer, er hat in der Jugend im Mittelfeld gespielt und auch bei der Eintracht lange hinter den Spitzen, aber ein anderer Platz als ganz vorn ist im Nationalteam für ihn nicht zu vergeben. Um dort jedoch Ansprüche anzumelden, fehlt es Meier an Lauf- und Passintensität. Als Mann für den Fall der Fälle wiederum hat der wiedererstarkte Gómez klar die Nase vorn. Er hat, anders als Meier, schon auf höchstem Niveau seinen Wert als Torgarant nachgewiesen.

          Meier selbst schweigt zu diesem Thema. Dafür wurde sein Vereinscoach in diesen Tagen nach seinem Votum gefragt. Veh verwies darauf, dass er lange genug dabei sei, um dieses Spiel nicht mitzuspielen. Dann fügte er doch noch etwas hinzu. Er glaube nicht, sagte Veh, dass Meier selbst irgendwie damit rechne. Die vielen Stimmen, so konnte man das auch deuten, müssen von woanders kommen.

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