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Toni Kroos : Im Zentrum der DFB-Elf

Guardiola-Spieler, Löw-Spieler, Nationalspieler: Toni Kroos Bild: picture alliance / dpa

Toni Kroos ist bislang einer der Gewinner der Saison, beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Kurzpass und Verlagerung beherrscht er beinahe perfekt.

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          Pep Guardiola hat nicht nur eine neue Art und Weise, Fußball zu spielen, nach München gebracht, sondern auch eine neue, ihn zu ordnen. Die üblichen Positionsbezeichnungen kann man bei ihm weitgehend vergessen. Bei Guardiola gibt es nur noch Mittelfeldspieler und Nicht-mittelfeldspieler, und weil Guardiola Mittelfeldspieler liebt, wie er sagt, würde er am liebsten gleich alle Positionen mit dieser Spezies besetzen – was bei ein paar traditionalistisch geprägten Inseln (Tor, Innenverteidigung) noch an Grenzen stößt. Daneben hat sich bei Beobachtern noch eine andere Unterscheidung eingebürgert: die zwischen Guardiola-Spielern und den anderen.

          Im zentralen Mittelfeld zum Beispiel sieht die Sache so aus: Philipp Lahm ist der Guardiola-Spieler schlechthin. Von ihm sagt der Katalane, es sei der intelligenteste Spieler, den er je habe trainieren dürfen, und so lag es nahe, dass er ihn gleich aus der Abwehr ins Mittelfeld holte. Weil Guardiolas Lob für Bastian Schweinsteiger dagegen geringfügig abfiel, hegten manche gleich den Verdacht, dass er (noch) nicht unbedingt zu den Lieblingen gehört. Für den derzeit dritten Mann in der Zentrale aber steht die Sache auch ohne große Worte fest. Toni Kroos ist ganz sicher ein Guardiola-Spieler – was schon daran zu sehen ist, dass er immer spielt. Obwohl vor der Saison kaum jemand damit gerechnet hatte. Auch in der Nationalmannschaft hat er seinen Platz gefunden. Nur eine Erkältung droht seinen Einsatz an diesem Dienstag gegen Schweden zu verhindern.

          Kroos kann sich auf Guardiolas Spielwiese austoben

          In allen zwölf Bayern-Pflichtspielen kam der 23 Jahre alte Kroos bislang zum Einsatz, meistens von Beginn an. Zweimal musste er zwar in der Bundesliga zunächst auf der Bank Platz nehmen, aber in der allgemeinen Einschätzung liegt er nur knapp hinter den beiden Lieblingen, Lahm und Franck Ribéry. Auch wenn der Konkurrenzkampf im Bayern-Mittelfeld wegen diverser Verletzungen (Götze, Martínez, Thiago) noch nicht seine volle Wucht entfaltet hat, darf Kroos allemal als Gewinner gelten. Der erst mal von einem der anderen verdrängt werden will. Schon unter Jupp Heynckes hatte Kroos sich gegen starke Konkurrenz, gegen die Bedenkenträger und auch gegen den gelegentlichen Hang zu Gemächlichkeit (Stichwort: Phlegma) durchgesetzt.

          Erinnerung und Jubiläum: Kroos im Hinspiel gegen Ibrahimovic... Bilderstrecke

          Die Spielweise Guardiolas aber passt noch ein bisschen besser zu ihm. Kroos sagt, dass ihm „dieses Kurzpass-Spiel in der Mitte mit anschließender Verlagerung“ besonders entgegenkomme. „Meine Art, Fußball zu spielen, kommt damit noch einmal besser zur Geltung.“ Wie das konkret aussieht, war am Freitag auch im Nationaltrikot zu sehen, beim 3:0 gegen Irland: Da führte Kroos beides nahezu in Perfektion vor: den Kurzpass und die Verlagerung, die er mit zentimetergenauen Pässen über beliebige Distanzen einleitete. Und dann waren da ja noch diese Bonbons: die Vorarbeiten zu den Toren zwei und drei, wobei der Lupfer vor André Schürrles 2:0 besonders raffiniert daherkam. Kroos war der unumstrittene Pass-Meister des deutschen Spiels. Er war so gut, dass Joachim Löw keinen vollständigen Satz brauchte, um alles zu sagen. „Außerordentlich gut, Toni Kroos, außerordentlich gut“, das waren Löws Worte, ehe er noch hinzufügte: „Alles, was er gemacht hat, hatte Hand und Fuß.“

          Kroos profitierte von Löws Systemumstellung

          Dass ein Guardiola-Spieler in der Regel auch ein Löw-Spieler ist, liegt nahe beim Blick auf die Fußball-Ideale der beiden Trainer. In der Nationalmannschaft aber hatte Kroos bislang das Problem, dass Löw die Konkurrenz aus München, Madrid oder Dortmund meist noch für etwas stärker hielt. Und er hatte ein bisschen auch das Pech, dass er ein, zwei Mal ausgerechnet dann Löw-Spieler sein sollte, als sich das als nicht so vorteilhaft entpuppte. Als der Bundestrainer seinen kruden Masterplan für das EM-Halbfinale gegen Italien ausheckte zum Beispiel. Oder beim Hinspiel gegen Schweden, als er Sami Khedira vertrat. Über jenes 4:4 sagte er damals: „Hört sich nicht nur blöd an – ist es auch.“ Heute kann er darüber sogar frotzeln: „Wir haben ja nicht verloren.“ Danach allerdings war von Kroos im Nationalteam lange nichts zu sehen – bis zum 3:0 gegen Österreich Anfang September, in dem ihm prompt ein Tor gelang.

          Gegen Irland nun profitierte Kroos auch von Löws Systemumstellung von 4-2-3-1 in die Nähe eines 4-1-4-1, wie es auch die Bayern praktizieren. Weil Özil, der eigentliche Lenker, als „falscher Neuner“ im Sturm eingesetzt wurde, blieb ein schönes, weil offensiveres Plätzchen im Mittelfeld für Kroos frei: im Zentrum, Seite an Seite mit Schweinsteiger – so, wie er es auch aus dem Verein kennt. So gut wie jetzt waren Kroos’ Chancen vielleicht noch nie, von der vielseitig verwendbaren Teilzeitkraft zu einem zu werden, auf den Löw fest und dauerhaft baut. Der Bundestrainer lobte am Dienstag in Stockholm noch einmal ausdrücklich Kroos’ Leistungen gegen Österreich und Irland sowie seine Entwicklung im Nationalteam insgesamt. Da wäre zum einen seine Variabilität: „Zentrumsspieler müssen bei mir wahnsinnig flexibel sein“, sagte Löw und: „Toni Kroos kann das hervorragend.“ Zum anderen habe sich der Münchner – auf Druck des Bundestrainers – seiner Wurzeln besonnen und sei wieder vermehrt „in der Gefahrenzone“ unterwegs: als Vorbereiter oder als einer, der mit seinem starken Schuss den Abschluss sucht.

          Aber was, wenn alle wieder da sind? Muss Kroos, der bei allen Talenten gewiss kein Anführer-Typ ist und es manchmal an Robustheit vermissen lässt, doch wieder zurück in die Reserve? Özil ist in der Offensive eine Klasse für sich. Dass der Bundestrainer auf einen fitten Khedira verzichtet, ist kaum vorstellbar, der Madrilene ist ein absoluter Löw-Spieler. Und Schweinsteiger erhielt in Stockholm anlässlich seines 100. Länderspiels ein Extralob des Bundestrainers. Aber andererseits: Wer weiß heute schon, wie sich die Sache bei Guardiola so entwickelt, wenn alle gesund sind – und sich alles noch einmal neu sortiert.

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