https://www.faz.net/-gtl-u8af

Tomás Rosický : Ein Schmalhans als Schwergewicht am Ball

Erwachsen geworden: Tomas Rosicky Bild: AP

Der tschechische Fußball, und damit auch Tomás Rosický, zahlt oft den Preis der Brillanz: zu sehr in Schönheit gestorben, zu sehr das Perfekte gesucht und das Zählbare verfehlt. Das soll sich ändern mit dem neuen Rosický: heute Abend gegen Deutschland.

          3 Min.

          Vor Tomás Rosický hat selbst die böhmische Küche kapituliert. Mutter Eva gab sich alle Mühe mit Braten und Knödeln und dreimal in der Woche Kuchen. Es half nichts: Der Knabe füllte kaum das schmalste Fußballhemd.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Als er für die damalige Bundesliga-Rekordsumme von knapp 15 Millionen Euro 2001 nach Dortmund kam, rief einer dem tschechischen Schmalhans die Empfehlung zu, „doch mal ein Schnitzel“ zu essen - der kulinarische Spitzname blieb an ihm hängen. Und auch als er fünf Jahre später nach England ging, meinten manche, mit der physisch fordernden Premier League sei das 67-Kilo-Kerlchen endgültig eine Gewichtsklasse zu hoch gegangen.

          „Ich bin erwachsen geworden“

          Rosický sieht das anders. Er hat in England rasch Fuß gefasst, und in Tschechiens Nationalteam ist er nach dem Abtritt der alten Meister Pavel Nedved und Karel Poborsky der Kapitän und Anführer. An diesem Samstag soll er in der EM-Qualifikation gegen Deutschland in Prag die Vorderleute Jan Koller und Milan Baros so bedienen, dass sie ihre Quote von zusammen 78 Toren für Tschechien weiter erhöhen.

          Filigraner Fußball-Künstler

          „Nach der Niederlage in der WM-Relegation 2002 gegen Belgien erwarteten die Leute von mir, eine Art Messias zu sein. Doch ich war noch nicht so weit“, sagte Rosický. Inzwischen, mit 26, sieht er sich der Erwartung gewachsen: „Ich bin erwachsen geworden. Obwohl ich wahrscheinlich immer noch wie ein Kind aussehe - wegen meines Babygesichts.“

          Arsène Wenger verlangt mehr Treffer

          Mit Tacklings und Tempo des englischen Spiels kam Rosický auf Anhieb gut zurecht. Wären da nur nicht die lästigen kleinen Verletzungen. Zuletzt fiel er drei Wochen mit Leistenbeschwerden aus und konnte Arsenal in den zwei Wochen nicht helfen, in denen mit dem 0:1 im Pokal in Blackburn und dem 1:1 in der Champions League gegen Eindhoven die letzten Titelchancen der Saison zunichte wurden.

          Bis zu seinem ersten Ligator dauerte es ein halbes Jahr, dann gelang es ausgerechnet mit dem Kopf. Trainer Arsène Wenger verlangt aber mehr Treffer vom Tschechen mit der glänzenden Schusstechnik. Dessen Vorgänger im offensiven Mittelfeld, der Franzose Robert Pirès, schoss in jedem seiner sechs Jahre bei Arsenal mindestens zehn.

          Beim Abschied aus Deutschland nur Durchschnitt

          So ist die erste Saison in England für Rosický kein voller Erfolg - und doch ein Schritt nach vorn nach der bleiernen Zeit der letzten Dortmunder Jahre. Mit dem BVB hatte das schmale Wunderkind aus Prag 2002 gleich den Meistertitel gewonnen. Doch dann „änderte sich die Stimmung im Klub“.

          Die finanzielle Situation prägte die sportliche, auch die menschliche. Als Rosický erfuhr, dass der klamme Klub die Transferrechte an ihm ohne sein Wissen für ein 15-Millionen-Euro-Darlehen an einen Bauunternehmer verpfändet hatte, war das Vertrauen weg. Er fühlte sich „betrogen“ und war nicht mehr „mit ganzem Herzen“ bei der Sache. Und Dortmund spielte nicht mehr den Angriffsfußball, in dem ein Rosický brillieren konnte, sondern Angstfußball. „Ich war ganz oben in Deutschland“, so seine Bilanz beim Bundesliga-Abschied, „und dann nur Durchschnitt.“

          Sein Kurs fiel von 30 auf 10 Millionen

          Diese Entwicklung schlug sich auch im Preis nieder. 2004, als auch Real Madrid oder Inter Mailand Interesse zeigten, schlug Dortmund ein Angebot des FC Chelsea von angeblich 30 Millionen Euro aus. Als Rosický 2006 dann doch nach London ging, zu Arsenal, gab es kaum mehr als 10 Millionen. Eine Geldverbrennung ganz nach BVB-Art - für Rosický aber ein Glück, denn Arsenal ist für ihn „ein Sechser im Lotto“.

          In London traf er Jens Lehmann wieder, mit dem er zweieinhalb Jahre in Dortmund gespielt hatte. Der Torwart hatte dem alten Kollegen das Arsenal-Interesse mit einem Anruf offenbart: „Du musst heute sehr gut spielen, es kommt einer, um dich zu beobachten.“ Wie fast alle Profis schwärmt Rosický von England als „Dreamland“, als Traumwelt des Fußballs. Nur die Winterpause fehlt, in der er sonst mit Jan Koller daheim in Tschechien Eishockey spielte.

          Schnell mit Kopf, Auge, Fuß

          So wie gutes Eishockey gleitet und fließt auch das Spiel von Arsenal. Rosický wirkt, als wäre er dort in die Schule gegangen: schnell mit Kopf, Auge, Fuß; leichtfüßig, passgenau. Ebenso wirkt an guten Tagen auch das Spiel des tschechischen Teams.

          Doch beide, Arsenal wie Tschechien, und damit auch Rosický, zahlen oft den Preis der Brillanz: zu sehr in Schönheit gestorben, zu sehr das Perfekte gesucht und das Zählbare verfehlt. Das soll sich nun ändern mit dem neuen Rosický, den man vor wenigen Wochen in der Heimat zum dritten Mal zum Fußballer des Jahres gewählt hat: ein Schmalhans als Schwergewicht am Ball.

          Weitere Themen

          Gigantische Olympische Ringe Video-Seite öffnen

          Sommerspiele in Japan : Gigantische Olympische Ringe

          Die Installation ist 32,6 Meter breit und 15,3 Meter hoch. Sie soll in der Bucht von Tokio vor Anker gehen, in der Schwimm- und Triathlonwettbewerbe stattfinden. Die Olympischen Sommerspiele beginnen am 24. Juli.

          Topmeldungen

          Libyens Rebellenführer Haftar : Der eigensinnige Kriegsherr

          Die Bemühungen um Frieden in Libyen kreisen vor allem um Chalifa Haftar. Er gilt als ausgesprochen stur - sogar seinen Förderer Putin stieß er vor den Kopf. Auf Betreiben der Vereinigten Arabischen Emirate?

          Bundesliga im Liveticker : Frankfurt, Köln und Freiburg führen

          Im Titelkampf ist Dortmund gefordert. Ein Augsburger Tor zählt nicht. Wolfsburg vergibt große Chancen und bekommt die Quittung. Besser machen es die Eintracht und der Sport-Club. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.
          Die Bundesliga in Aktion: Die Medienpartner verlangen nach Spannung.

          TV-Vermarktung : Das Milliardenspiel der Topklubs

          Die deutschen Topklubs stehen vor der größten Auktion ihrer Geschichte. Die Vermarktung der Fernsehrechte spült ihnen Milliarden in die Kassen. Streaming-Dienste bringen sich in Position – und das Kartellamt ist alarmiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.