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Saisonabbruch in Ligue 1 : Tiefe Gräben in Frankreich

Frankreichs Fußball in der Krise: PSG und Thomas Tuchel sind noch am wenigsten betroffen. Bild: AFP

Der Abpfiff von oben spaltet Frankreichs Fußball: Nach dem vorzeitigen Ende der Spielzeit suchen die Klubs nach Wegen, wie es weitergehen kann.

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          Der Abpfiff kam nicht vom Schiedsrichter, sondern vom Premierminister Édouard Philippe höchstpersönlich: Vor den Abstand haltenden Abgeordneten der Nationalversammlung beendete der französische Regierungschef am Dienstag die Saison der Profisportler. „Die Saison 2019/2020 des professionellen Sports, vor allem die des Fußballs, kann nicht wiederaufgenommen werden“, verkündete Philippe ohne lange Umschweife. Seine Rede im Parlament war mit Spannung erwartet worden, weil die Franzosen dem 11. Mai als dem Ende der Ausgangssperre entgegenfiebern.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Präsident Emmanuel Macron hatte das Datum schon einen Monat zuvor in seiner letzten Fernsehansprache genannt. Philippes Ankündigungen empfanden dann aber nicht wenige als kalte Dusche. Denn er machte klar, dass die Einschränkungen nur langsam und schrittweise beendet werden. Beispielsweise sollen die Franzosen weiterhin Reisen in ein anderes Departement und besonders solche von mehr als 100 Kilometern vermeiden.

          Mit überwiegend hängenden Köpfen nahm die Fußballwelt die Entscheidung der Regierung auf. Nicht wenige hatten gehofft, die Saison bei geschlossenen Toren von Mitte Juni an zu Ende spielen zu dürfen. Doch das hat die Politik jetzt untersagt. Das Training könne allenfalls in „individualisierter Form“, also mit Abstandhalten, wieder einsetzen, heißt es. Doch für welche Spiele? Die Details sollen die Fußball-Aktionäre regeln, hat die Regierung am Dienstagabend verkündet. Die Liga des Profifußballs (LFP) will am Donnerstag zu einer Vorstandssitzung zusammentreten, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Bald darauf soll der Aufsichtsrat und dann eine Mitgliederversammlung tagen.

          Die Sportministerin Roxana Maracineanu sprach mit den Präsidenten der großen Klubs wie PSG, Marseille, Rennes, Lille und Lyon. Dabei hat sie diese wissen lassen, dass im August Profispiele denkbar seien – doch nur hinter verschlossenen Türen. Damit stehen die Fußballfunktionäre vor einer heiklen Wahl: Sollen sie die Saison dann zu Ende spielen oder sollen sie diese jetzt beenden? Beim sofortigen Aus würde der aktuelle Tabellenstand für die Entscheidung über Meister, Absteiger, Aufsteiger und die Teilnehmer an den europäischen Fußballwettbewerben herangezogen werden. Spiele im August, dem klassischen Ferienmonat Frankreichs, gelten dagegen als schwierig. Die teuren Verträge der Profifußballer müssten verlängert werden. Zudem wären die Übertragungsrechte für Spiele im August noch ungeklärt. Die Verträge sollten mit dem Ende der Saison eigentlich von Canal Plus und dem qatarischen Sender BeIn Sport auf die spanische Mediengruppe Mediapro übergehen.

          Viel Geld steht auf dem Spiel

          Die nun zu treffenden Entscheidungen dürften die Gräben unter den französischen Fußballfunktionären noch verbreitern. In den vergangenen Wochen hatten sich zwei Lager zwischen jenen gebildet, die rasch wieder spielen wollen und jenen, die auf eine lange Pause setzen.

          Die professionelle Fußball-Liga (LFP) hatte einen Plan ausgearbeitet, wie man von Mitte Juni an wieder auf den Rasen könnte. Fußballverbandspräsident Noël Le Graët verfolgte die Idee, das Endspiel des Frankreich-Pokals zwischen Paris Saint Germain (PSG) und Saint-Etienne am 13. oder 20. Juni stattfinden zulassen. Das Finale des anderen französischen Pokal-Wettbewerbs, des Liga-Pokals, zwischen PSG und Lyon wäre dann drei Tage später angepfiffen worden – so der Plan – gefolgt von den Restspielen der höchsten Liga, der Ligue 1, in der PSG uneinholbar vorne liegt. Doch das waren die Träume von gestern.

          Andere Stimmen waren realistischer. Sylvain Kastendeuch, der Kopräsident der nationalen Profifußballer-Union rief zur Beendigung der Saison auf, denn aufgrund der fortgesetzten Ausbreitung des Virus sei alles andere „überstürzt und gefährlich“. Die Gräben zwischen den Funktionären dürften zunächst bleiben. Viel Geld steht auf dem Spiel – für die Vereine wie die Sender.

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