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Chelsea-Debüt von Tuchel : „Das war alles ein bisschen surreal“

„Wie soll ich nach einem Tag Training eine gerechte Auswahl treffen?“: Thomas Tuchel Bild: Reuters

Vor dem Spiel beweist Thomas Tuchel Humor. Doch der Start beim FC Chelsea ist holprig. Im ersten Spiel in der Premier League gibt es für den neuen Trainer nur ein 0:0. Timo Werner muss 90 Minuten auf der Bank sitzen.

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          Ein wenig Humor hatte Thomas Tuchel mitgebracht, als er nach nur einem Tag als Angestellter des FC Chelsea zur ersten Prüfung kam. Die Verpflichtung des Trainers wurde am Dienstag verkündet. Lediglich eine Übungseinheit mit dem Team stand vor dem Debüt am Mittwochabend in der Premier League beim Heimspiel gegen die Wolverhampton Wanderers auf dem Plan, dann musste sich der Deutsche auch schon für elf Startspieler entscheiden. „Wie soll ich nach einem Tag Training eine gerechte Auswahl treffen?“, fragte er rhetorisch vor dem Anpfiff. Seine Nominierung sei leider „total unfair“.

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          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Dass seine Ideen sofort funktionieren würden, erwartete Tuchel nicht. „Wir werden sehen, ob ich überhaupt etwas vermitteln konnte“, sagte er mit einem Lächeln vor Beginn. Das, was die Seinen im leeren Stadion an der Stamford Bridge, die ab sofort Tuchels sportliche Heimat ist, zeigten, war aber durchaus sehenswert. Tore fielen allerdings nicht, am Ende stand im Dauerregen von London ein torloses Unentschieden. Die Deutschen Kai Havertz, als zentraler Mann hinter der Spitze Olivier Giroud, und Antonio Rüdiger in der Innenverteidigung standen in der Startelf, Stürmer Timo Werner nicht. Der Nationalstürmer wartete 90 Minuten als Ersatzspieler vergeblich auf einen Einsatz.

          Chelsea startete furios und ließ Wolverhampton kaum an den Ball. Die „Blues“ praktizierten ein intensives Pressing. Große Gelegenheiten sprangen aber zunächst kaum heraus. Die beste Chance hatte Abwehrspieler Rüdiger mit einem Kopfball nach einer Flanke. In der zweiten Halbzeit wurde ein Schuss von Havertz so gerade noch abgeblockt von der aufopferungsvoll kämpfende Defensive der Wolves. Großes Glück hatte Chelsea in der 71. Minute, als Pedro Neto den Ball frei vor dem Tor nur auf die Oberkante der Latte lupfte. Ein Schuss von Chelseas Mateo Kovacic strich danach noch haarscharf am Tor vorbei. Und Havertz‘ Kopfball in letzter Sekunde wurde glücklich abgewehrt.

          Tuchel gab schon vor der Partie Einblicke in seine Pläne. Er will mit seiner Elf offensiv auftreten. „Ich hoffe, dass wir angreifen und mutigen Fußball spielen, dass wir spielen, um Tore zu schießen und Chancen zu kreieren“, sagte der 47-Jährige, der zum Jahresende bei Paris Saint-Germain entlassen worden war. Auch dort setzte er schon wegen der Starstürmer um Neymar und Kylian Mbappé auf Offensive. Der Ansatz war nun auch bei Chelsea gleich bei der Premiere zu erkennen, auch wenn es keinen Lohn in Form von Toren gab. „Wir sehen hier viel Talent, eine gute Mischung an Erfahrung und Persönlichkeit, gute Spieler. Wir wollen ihnen Angriffsfußball beibringen und zu jeder Zeit des Spiels aktiv sein“, sagte er.

          Tuchel hatte die Mannschaft erst am Dienstag übernommen, nachdem sich Chelsea am Montag von seinem Vorgänger, dem vor allem bei den Fans beliebten, aber sportlich nicht so erfolgreichen Frank Lampard, getrennt hatte. Danach ging es einigermaßen turbulent zu. „Sie können sich die letzten 48 oder 72 Stunden nicht vorstellen. Das war alles ein bisschen surreal“, sagte der ehemalige Bundesliga-Trainer von Mainz 05 und Borussia Dortmund über den schnellen Wechsel nach London. „Dass wir jetzt hier sind und mit Chelsea ein Spiel machen, ist großartig.“ Nach dem 0:0 stehen die „Blues“ allerdings nur auf Tabellenplatz acht.

          Sehr viel Zeit, um Trainingseindrücke für eine bessere Bewertungsgrundlage bei der Aufstellung zu haben, bleibt Tuchel nicht. Das Programm ist dicht gedrängt. Schon am Sonntag kommt Burnley zu Chelsea, am Donnerstag danach geht es zu den Tottenham Hotspur. Danach bleiben gerade 41 Stunden bis zum Anpfiff der Partie bei Sheffield United. Tuchel lernt die Erbarmungslosigkeit der englischen Spielplangestaltung also gleich mit voller Härte kennen. Im FA-Cup und in der Champions League ist Chelsea auch noch dabei. In der Königsklasse wartet Atlético Madrid im Achtelfinale.

          Spätestens in den Duellen mit dem spanischen Tabellenführer, der derzeit wohl die beste Defensive der Welt stellt, wird sich zeigen, ob Tuchels Ideen schnell greifen. In der Liga ist die Qualifikation für die Champions League eigentlich Pflicht. Schließlich investierte Klubeigner Roman Abramowitsch vor dieser Saison fast 250 Millionen Euro in den Kader. Dieses Geld soll sich bald in Form von sportlichem Ertrag amortisieren. Deswegen wurde Lampard entlassen. Tuchel, der einen Vertrag bis Mitte 2022 inklusive Option auf eine weitere Saison hat, soll es besser machen.

          Das torlose Remis gegen Wolverhampton war ein holpriger Anfang, auch wenn der Trainer nach Schlusspfiff auf den Rasen lief, lächelte und aufmunternd in die Hände klatschte. Es gibt einiges zu tun in London. Tuchel sagte nach dem Spiel, er habe ein gutes Gefühl für die Zukunft bekommen. „Ich war sehr zufrieden mit der Leistung“, resümierte er beim Sender BBC. „Leider konnten wir kein Tor erzielen. Wenn wir weiter diese Leistung zeigen, werden die Ergebnisse kommen. „Ich hatte nicht erwartet, dass wir nach einer Trainingseinheit und zwei Treffen auf diesem Level sind.“

          Eine kleine Anekdote gab es zum Abschluss: Tuchel hatte zum Auftakt noch nicht alle Namen seiner Spieler richtig im Kopf. So habe Christian Pulisic nicht nur gut gespielt nach seiner Einwechslung, berichtete der Trainer, sondern ihn auch mit dem Namen von Kapitän Cesar Azpilicueta geholfen. „Er hat das überragend gemacht und in der Halbzeit hat er mir gesagt, dass ich Azips Name falsch ausgesprochen habe und hat mir damit geholfen. Das war eine große Hilfe“, sagte Tuchel. Pulisic war bereits in Dortmund Spieler unter ihm.

          Manchester United blamiert sich gegen Schlusslicht

          Nach der sensationellen 1:2 (0:1)-Niederlage von Manchester United gegen Tabellenschlusslicht Sheffield United hält Trainer Ole Gunnar Solskjaer Kritik für angebracht. „Wir sollten alle kritisiert werden, weil wir nicht gut aufgetreten sind“, sagte der Norweger am Mittwochabend. Das gelte nicht nur für Stürmer Anthony Martial, dem ein Treffer wegen Foulspiels nicht anerkannt wurde. „Das ganze Team wird heute wahrscheinlich kritisiert, ich auch“, sagte Solskjaer nach dem verpassten Sprung an die Tabellenspitze der Premier League. Mit einem Punkt Rückstand und einem Spiel weniger steht United weiter hinter dem Lokalrivalen Manchester City.

          Kean Bryan (23.) hatte den Außenseiter in Führung gebracht, Harry Maguire traf zum Ausgleich (64.). Doch das Tor von Oliver Burke nach 74 Minuten sorgte für den zweiten Sieg des Abstiegskandidaten aus Sheffield. „Das zweite Tor, das wir bekommen haben, war einfach so arm. So schludrig. Wir haben den Ball so einfach verloren“, klagte Solskjaer. Seine Mannschaft habe insgesamt einfach zu wenig „Magie“ gehabt. „Das hat gefehlt, dieses kleine bisschen extra“, sagte Solskjaer. „Das Leistungslevel war nicht da, die Geschwindigkeit war nicht da, die Qualität war nicht da.“ (dpa)

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