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Thomas Tuchel : Der Nerd aus Mainz

In Dortmund war Thomas Tuchel schon - als Trainer von Mainz 05 Bild: Imago

Als arbeitsloser Trainer hat sich Thomas Tuchel in kürzester Zeit größte Popularität erworben. Er konnte sich vor Angeboten kaum retten. Nun hat er sich endlich für den BVB entschieden.

          5 Min.

          Thomas Tuchel ist etwas gelungen, was in Deutschland noch kein Trainer geschafft hat: Er hat sich als Arbeitsloser größere Popularität erworben als auf der Trainerbank. Nachdem Tuchel es sich fast ein Jahr gemütlich machte, die Vereine zappeln ließ und sich vor Angeboten dennoch kaum retten konnte, ist sein Wert in der hyperaktiven Fußballbranche zuletzt beinahe täglich gestiegen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In seiner selbstgewählten Pause ist er damit zu einem größeren und glorifizierteren Fußballlehrer geworden, als er es während seiner Mainzer Arbeitszeit je war. Und nachdem Tuchel nun tatsächlich an diesem Sonntag einen neuen Vertrag in Dortmund unterzeichnet hat, dürfte er für immer ausgesorgt haben. Das ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie die Bundesliga nicht vergessen wird.

          Immer mehr Trümpfe in der Hand

          Es ist nicht allein der erstaunliche Karrieresprung aus der Hängematte, der Fans und Fußballbranche staunend macht. Während seiner Beschäftigungslosigkeit ist es Tuchel wie nebenbei gelungen, auch die üblichen Mechanismen des Trainergeschäfts der Liga außer Kraft zu setzen - und in seinem Sinne umzukehren. Während die meisten Trainer alles dafür tun, um das nächstbeste Angebot anzunehmen, damit sie wieder in der Bundesliga unterkommen, tat Tuchel das genaue Gegenteil. Er ließ sich monatelang nicht festlegen und bekam so immer mehr Trümpfe in die Hand.

          Wie ist es möglich, dass ein 41 Jahre alter Trainer sozusagen in seiner Freizeit die Machtverhältnisse des Bundesligageschäfts auf den Kopf stellt? Betrachtet man Tuchel wie eine börsennotierte Ich-AG, wird der Mechanismus klarer, wie der Hype und seine Wertsteigerung funktionieren.

          Die Marke Tuchel lässt sich dann mit einer Aktie vergleichen, deren astronomisch steigender Kurs sich nur aus Zukunftserwartungen speist. Genauso wie bei Internetunternehmen, die mitunter noch keinen Dollar Gewinn erwirtschaftet haben, aber wegen ihres vielversprechenden Geschäftsmodells dennoch als Milliardenwert gehandelt werden, weil sie morgen den gesamten Markt aufmischen könnten. Was den einen Investoren die Internet-Nerds aus dem Silicon Valley ist den Bundesligaklubs der Fußball-Nerd aus Mainz.

          Seit seinem vorzeitigen Ausstieg im Sommer bei Mainz 05, den ihm der Klub arg verübelte, gab es praktisch keine Aufgabe, die für Tuchel zu groß erschien. Die Phantasie kannte bei diesem Trainer keine Grenzen. Man traute ihm zu, die Nachfolge von Bundestrainer Joachim Löw zu übernehmen, falls die Sache in Brasilien schiefgelaufen wäre. Und auch der Posten beim FC Bayern erschien, nachdem Jupp Heynckes seinen Kollegen einmal als prädestiniert für diese Aufgabe bezeichnet hatte, schon genau Tuchels Kragenweite zu entsprechen.

          Über Jobs bei gewöhnlichen Bundesligaklubs wie dem VfB Stuttgart oder Hertha BSC ist der Trainer, der als Erfahrung nicht mehr als fünf Jahre bei einem Bundesliga-Nischenklub und zwei A-Jugend-Titel mitbringt, trotzdem einfach hinausgewachsen - und das allein dank der Spekulationen, die sein Wirken entfacht haben.

          Wegweiser Klopp: Wird Tuchel die Erwartungen erfüllen können, die sich aus den gleichen Stationen ableiten lassen?
          Wegweiser Klopp: Wird Tuchel die Erwartungen erfüllen können, die sich aus den gleichen Stationen ableiten lassen? : Bild: AP

          Die Visionen, die sich mit Tuchels Namen erst in Leipzig, dann in Hamburg und nun in Dortmund verbinden, haben sich von nachweisbaren Erfolgen abgekoppelt. Nur so ist zu erklären, weshalb Klubs mit großer Brieftasche oder großer Tradition zuletzt alles taten, um sich Tuchels Dienste zu sichern. Der Milliardärsklub RB Leipzig setzte nach der Winterpause sogar einen Übergangstrainer in der Hoffnung auf einen Einstieg Tuchels in der kommenden Saison ein, danach machte es der HSV mit Knäbel genauso. Aber Tuchel sagte erst in Leipzig ab, dann verzichtete der HSV auf seinen erklärten Lieblingskandidaten.

          Er hat viele Pläne im Kopf, nicht nur für sein Team auf dem Fußballplatz. Über den Ablauf in Hamburg sind unterschiedliche Versionen im Umlauf, eine klubfreundliche und eine trainerfreundliche. Wobei die Fußball-Lebenserfahrung nahelegt, dass die gescheiterte Verbindung zwischen dem HSV und Tuchel ohne den überraschenden Rücktritt Klopps nicht zu erklären ist. Nun galt Dortmund ganz zu recht als heißester Kandidat, dem Tuchel dann auch seine Gunst schenkte.

          Es ist natürlich eine offene Frage, ob Tuchel die ganz großen Herausforderungen tatsächlich auszufüllen vermag. Manches spricht dafür. Oder sitzen die Dortmunder wie die zuvor abgewiesenen Klubs nicht doch einer kollektiven Illusion auf, weil sie aus der Tatsache, dass Tuchel den erfolgreichen Weg von Klopp in Mainz weiterging, den voreiligen Schluss ziehen, dessen märchenhafter Erfolg beim BVB ließe sich umstandslos auf Tuchels Zukunft projizieren?

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