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Dortmunder DFB-Pokal-Sieg : Auf Tuchel wartet ein schweres Nachspiel

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War das Finale von Berlin der Dortmunder Abschieds von Torjäger Aubameyang (links) und Trainer Tuchel? Bild: dpa

Am Ende einer Saison zwischen himmlischer Freude und der Angst um das eigene Leben holt Dortmund den DFB-Pokal. Nun folgt ein Bilanzgespräch zwischen Watzke und Tuchel. Was der Trainer davon erwartet, verrät er in Berlin nach dem Triumph.

          Sie fühlten sich „leer“ wie ihr Trainer Thomas Tuchel und waren doch überglücklich, auch noch das letzte große Saisonziel nach Platz drei in der Bundesliga mit viel Müh‘ und Not erreicht zu haben. Am Ende eines DFB-Pokalfinalabends tanzten sie am Samstag im goldenen Lamettaregen des Berliner Olympiastadions und hielten die nach der Meisterschale begehrteste Trophäe im deutschen Fußball hoch wie ein seltenes Fundstück nach einer Saison zwischen himmlischer Freude und der Angst um das eigene Leben.

          Der lebensbedrohliche Anschlag vom 11. April auf den Mannschaftsbus, der gerade losrollte zum Viertelfinalhinspiel der Champions League gegen AS Monaco, hat tiefe Spuren bei allen hinterlassen, die im Moment der Detonationen dabei waren. Wie sich die Schwarz-Gelben danach wieder in ihren Alltag zurückkämpften und fast allen sportlichen Widerständen trotzten, machte sie zu einem ganz besonderen Pokalgewinner.

          Dabei kam den Siegern das Endspiel wie eine letzte Achterbahnfahrt zum Glück vor, da der 2:1-Sieg über Eintracht Frankfurt zwar verdient war ob der größeren individuellen Klasse des BVB, aber auch erzittert wegen eines bis zum Schluss seine Chance suchenden selbstbewussten Gegners. „Es war kein Glanzspiel“, bewertete der zur Halbzeit wegen muskulärer Beschwerden ausgewechselte Mannschaftskapitän Marcel Schmelzer das Dortmunder Auf und Ab, „aber in einem Finale ist das egal. Wir krönen damit unsere Saison und können stolz auf uns sein.“

          Schmelzer war dabei, als die Borussia 2012 zuerst die deutsche Meisterschaft und dann den Pokal mit Glanz und Gloria beim 5:2-Triumph über den FC Bayern eroberte; er erlebte in den Jahren danach aber auch die bitteren Pokalfinalniederlagen gegen die Münchner (2014 und 2016) sowie den VfL Wolfsburg (2015). Ein Abend ohne Lohn drohte auch am Samstag zwischenzeitlich, als die Eintracht Dembélés frühes Führungstor (8. Minute) durch Rebics coolen Lupfer egalisiert hatte (29.) und bei Seferovics Pfostentreffer (39.) dicht vor der 2:1-Führung stand.

          Mit zwei Verletzten, Schmelzer und Marco Reus, retteten sich die Westfalen in die Pause. Der gebürtige Dortmunder, hatte sich schon vor dem 1:0 des BVB das rechte Knie verdreht und überstand die erste Hälfte nur unter Schmerzen. Danach ging nichts mehr bei ihm, was seiner Freude über seinen ersten Titelgewinn keinen Abbruch tat. Gefragt, woran er leide, sagte er mit nahezu schwarzem Humor: „Mal sehen, vielleicht ein bisschen Kreuzband. Heute nehme ich das gern in Kauf.“ So sprach ein leiderprobter Profi, der schon oft schwere Blessuren zu verarbeiten hatte.

          Trainer Tuchel litt in der ersten Halbzeit an seiner augenscheinlich falsch gewählten Aufstellung mit dem in der Position des zentralen defensiven Mittelfeldspielers überforderten Matthias Ginter. Der Badener übertrug seine Unsicherheiten auch auf den Abwehrchef Sokratis, der sich vor dem 1:1 einen schlimmen Ballverlust leistete und so der Eintracht den Weg zum Ausgleich ebnete. Tuchel hatte am Ende aber das Schlachtenglück zurückerobert, weil sein Doppelwechsel nach der Pause ein Volltreffer war.

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          Pulisic, der für Reus kam, belebte die endlich wieder auf Touren kommende Dortmunder Offensive und veranlasste Torwart Hradecky zu jenem Foul, das dem BVB einen Elfmeter bescherte, den Aubameyang zum 2:1-Siegtreffer nutzte (67.); Castro, für Schmelzer auf dem Platz, brachte mit seiner Ballsicherheit neben dem Japaner Kagawa Struktur in die BVB-Abteilung Attacke. Und Ginter fand in der vertrauteren Rolle des rechten Innenverteidigers nun auch zur lange vermissten Stabilität. Als Schiedsrichter Aytekin die bewegte Partie abgepfiffen hatte, fasste Marco Reus das Spieljahr zwischen schierem Entsetzen und unbändiger Freude in die Worte: „Wir sind zusammengeblieben, das Finale heute war ein Spiegelbild der Saison.“

          Für den manchmal zuerst auf sich schauenden Thomas Tuchel folgt nun ein schweres Nachspiel, das Bilanzgespräch unter Männern mit dem zupackenden BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Die beiden gegensätzlichen Krisenmanager mit dem gemeinsamen Bedürfnis, für das, was sie tun, geliebt zu werden, haben sich, für die Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar, nach dem Anschlag derart auseinandergelebt, dass eine weitere Zusammenarbeit kaum noch vorstellbar ist.

          Am Samstag umarmten sich Watzke und Tuchel, dafür war der Tagesertrag emotional zu schön, noch einmal flüchtig. „Ich habe einen Vertrag (bis 2018) und möchte ihn erfüllen“, hielt Tuchel fest, „ich möchte aber nicht als naiv erscheinen.“ Der 43 Jahre alte bayerische Schwabe gab vor dem mutmaßlichen Abschlussgespräch mit seinem Vorgesetzten auch zu bedenken, „dass wir alle unsere Ziele erreicht haben. Das geht nur, wenn die Mannschaft dem Trainer vertraut und der Trainer der Mannschaft.“ Weil dem so sei, habe er gegenüber seinen Spielern auch nicht, wie berichtet, die Vertrauensfrage gestellt.

          So manche Bilder von diesem Endspielabend, etwa die Szene, in der der bei dem Anschlag auch physisch getroffene Spanier Marc Bartra geradezu an seinem Trainer hängt, sprechen nicht für die These, dass es zwischen Team und Trainer einen Entfremdungsprozess gebe. Doch Bilder von situativer Freude und Erleichterung können manchmal auch über die Wirklichkeit hinwegtäuschen. Und so wappnet sich Tuchel nach „einem der schönsten Tage“ seiner Trainerlaufbahn für das Gespräch mit Watzke ohne ein Übermaß an Optimismus. Was er von dem Dialog erwarte, wurde er gefragt. Seine Antwort war vieldeutig: „Wir werden sehen, ich habe nicht so viele Erwartungen.“

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