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Thomas Müller : Wie auf der Wiese beim TSV Pähl

Strahlemann: Thomas Müller prägt das deutsche Spiel beim Sieg in Schottland Bild: Reuters

Thomas Müller ist der Mann des Abends beim wegweisenden 3:2-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Schottland. Er spielt in Glasgow einmal mehr so, wie man es eigentlich gar nicht lernen kann.

          Es ist die reine Freude, Thomas Müller auf dem Fußballplatz zu erleben. Und ihn beim Fußballspielen zuzuschauen. Dasselbe ist das nicht, auch wenn beides  untrennbar zusammengehört.  Am Montagabend in Glasgow, ebenso wie drei Tage zuvor beim Länderspiel in Frankfurt, sah man jedenfalls keinen anderen Spieler, der vor, während und nach dem 3:2-Sieg gegen Schottland und gegen Polen (3:1) aus vollem Herzen so gelacht hätte wie Thomas Müller. Kein Weltmeister verströmt, wenn er spielt, so viel Spaß und Lust am Fußball wie Müller – und keiner spielt auch noch so lustig. Und ebnet wie nebenbei noch den Weg zur Endrunde der Europameisterschaft 2016 in Frankreich.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wenn man sich Karl Valentin, den anderen großen Münchner Alleinunterhalter als Fußballspieler vorstellt, dann würde er seine Tore bestimmt genauso schießen wie Müller zum Beispiel das 2:1 gegen Schottland. Nachdem der Ball vom Torwart abgeprallt war, reckte Müller seinen Körper nach hinten, sprang hoch, köpfte ein bisschen wie um die Ecke und seine Füße zappelten dabei in der Luft. Als er wieder auf dem Boden landete, war der Ball hinter die Linie gehoppelt, keinen Zentimeter weiter, als er musste. Das war die letzte Pointe eines Treffers wie aus der Fußball-Slapstickschule.

          Nichts technisch Geschliffenes

          Und wie der große Sprachkünstler, der immer nur so tat als stünde er mit den Worten auf Kriegsfuß, sieht es bei Thomas Müller dann auch immer wieder so aus, als könne er gar nichts Richtiges mit dem Ball anfangen. Jedenfalls nichts so technisch Geschliffenes, wie man es in Zeiten des Perfektionsfußballs von Profis verlangt und erwartet. Aber vor der Führung spielte er Gündogan mit einem Hackentrick perfekt frei – der Dortmunder war zu überrascht, um mit dem Ball etwas anfangen zu können.

          Umjubelter Mitspieler: Ilkay Gündogan freut sich mit Müller Bilderstrecke

          Das 1:0 erzielte Müller dann wiederum, indem er einen Schotten gegen das Bein schoss, von wo der Ball statt in die linke in die andere rechte Ecke trudelte, unerreichbar für den Torwart. „Ich wurde in die Situation reingedrängt und habe vom Gegenspieler einen kleinen Schubser bekommen“, sagte er, zuckte die Achseln und fügte schelmisch hinzu: „Ein bisschen glücklich, das wissen wir ja alle.“

          Und zwischen seinen beiden Toren, verstolperte er dann auf Höhe der Mittellinie dann tatsächlich einen Ball wie ein Amateur - und musste ihn hilflos ins Aus kullern lassen. Müller hob entschuldigend die Hand und setzte einen Blick auf, der allen Spieler und Zuschauern zu sagen schien: „Sorry, aber ihr wisst ja alle…“

          Böse kann Müller in diesem Augenblick als Volksfußballer niemand sein (außer vielleicht Guardiola). Zehn Tore hat Müller in dieser EM-Qualifikation in acht Spielen nun schon geschossen. Nur Robert Lewandowski hat für Polen noch zwei mehr erzielt. In 65 Länderspielen kommt Müller nun auf dreißig Tore.

          Treffer Richtung EM

          Seine Treffer haben dem Team nun neuen Schwung mit Blick auf die EM gegeben, Und auch nur, weil es diesen Müller gibt, der so viele und komische Tore schießt, merkt man in der Nationalmannschaft gar nicht so recht, dass seit vielen Jahren kein klassischer Stürmertyp wie Miroslav Klose mehr heranwächst. Und dieser Umbruch ohne Klose, Lahm und Mertesacker sich nun ohne größeres Getöse vollziehen kann.

          Im Angriff war und ist es immer wieder Müller, der diese Leerstelle (auch zu Zeiten von Klose) mit Stolpertreffern und Wurschteltoren vergessen macht – bei der WM 2010 wurde er Torschützenkönig und zum Titelgewinn 2014 steuerte er fünf Treffer bei.

          Wenn Müller nun im Weltmeistertrikot mit dem Titelsticker und den vier Sternen auf der Brust spielt, lacht und trifft, scheint der Fußball dabei aber immer wieder zu sich selbst zurückzukehren. Auf eine der vielen Fußballwiese wie die des TSV Pähl, einem Dorfverein ziemlich genau zwischen Ammersee und Starnberger See gelegen, wo Müller sein merkwürdiges Fußballspiel lernte, das man eigentlich nicht lernen kann.

          Der große Fußball ist dann genau da, wo der Fußball und so viele seiner Fans ihre Wurzeln haben: an seinem Sehnsuchtsort. Dass Trainer Louis van Gaal, sein Münchner Entdecker, ihn nun für 100 Millionen Euro vom FC Bayern nach Manchester locken wollte, wird man auf der Insel nach diesen beiden Toren nun noch ein bisschen besser verstehen.

          Dass Müller, der am Sonntag 26 Jahre alt wird, diese Summen den Kopf verdrehen könnten, muss man nicht befürchten. Er nehme den ganzen Trubel des Fußballgeschäfts und auch sich selbst nicht so wichtig, hat Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff beobachtet. „Ich schätze ihn so ein, dass er weiß, dass er das Glück hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“ Im boomenden Fußballgeschäft und im Strafraum. Auch das: ein Doppeltreffer für Thomas Müller.

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